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Porträt Claude Lanzmann: Eine Monade in Berlin

Vielleicht hätten wir mehr über Liebe reden sollen: Audienz bei dem großen französisch-jüdischen Dokumentarfilmer Claude Lanzmann. Von Carsten Hueck

Was wäre denn ein stimmiges Verhältnis im Krieg?, fragt Claude Lanzmann.
"Was wäre denn ein stimmiges Verhältnis im Krieg?", fragt Claude Lanzmann.
Foto: ap

Nach Gottfried Wilhelm Leibniz besteht die Welt aus Monaden - voneinander verschiedenen, autonomen Krafteinheiten. "Sie haben keine Fenster, durch die irgendetwas ein- oder austreten könne", schreibt der Philosoph, sie übten keine Wirkung aufeinander aus, seien aber jede für sich "ein immerwährender lebendiger Spiegel des Universums".

Die Leibnizsche Philosophie erhelle ihn noch immer, bekennt der ehemalige Philosophiestudent Claude Lanzmann. Er war 1947 von Paris aus nach Tübingen gezogen, wohnte in der Hegelstraße, las Leibniz und nahm Reitunterricht bei einem Ex-Wehrmachtsoffizier. Der Interviewer im Berliner Hotel Kempinski ist etwas erstaunt. Für Lanzmann, den französischen Juden und Résistancekämpfer ist das kein Widerspruch. "Ich habe wohl ein paar Deutsche umgebracht", erwähnt er en passant. Aber auch, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges niemand das volle Ausmaß dessen, was geschehen war, habe erfassen können. "Ich selbst habe es erst richtig verstanden, als ich begann, am Film ,Shoah' zu arbeiten."

Zur Person

Claude Lanzmann wurde 1925 in Paris geboren. Der französische Regisseur, Produzent und Journalist wurde vor allem mit seinem neunstündigen Dokumentarfilm "Shoah" (1985) über die Erinnerung an den Holocaust bekannt.

Als Schüler organisierte Lanzmann den Widerstand im Lycée Blaise Pascal in Clermont-Ferrand (1943) und schloss sich den Partisanen an. Er ist Herausgeber von "Les Temps Modernes".

Lanzmann, 1925 geboren, ist völlig assimiliert, ohne Verbindung zu jüdischer Kultur, Religion und Tradition, aufgewachsen. "Schon meine Mutter hasste die Religion." Deutschland war für ihn und seine Freunde, darunter Michel Tournier und Gilles Deleuze, die Heimat der Philosophie. "Wir waren begeistert von Kant, Hegel, Leibniz, Fichte." Trotz Nazis,Verfolgung und Maquis.

"Machen wir es kurz", sagt er

Was für eine Größe! Claude Lanzmann, Kommandeur der französischen Ehrenlegion, Ehrendoktor der Universitäten Amsterdam und Jerusalem, Herausgeber der von Jean Paul Sartre gegründeten Zeitschrift "Les Temps Modernes", Journalist, Regisseur, Produzent - eigentlich müsste man sich verbeugen vor der kräftigen, untersetzten Erscheinung im eleganten Anzug. Eineinhalb Stunden hat er warten lassen. Nun durchquert er die Lobby des Kempinski. Er habe sich mit Freunden getroffen, erst morgens um sechs schlafen können, noch eine Massage gebraucht. Keine Entschuldigung. "Machen wir es kurz", sagt er und bestellt sich einen Espresso.

Lanzmann gilt als schwierig, kompromisslos und stur. Seine Filme gewinnen dadurch. Als Regisseur zwingt er Menschen zum Erzählen - auch wenn sie nicht wollen. In "Shoah", in "Tsahal", in "Sobibor", dem letzten aus dem Jahr 2001. Da schneidet ihm ein Friseur die Haare und muss dabei berichten, wie das war, Frauen in der Gaskammer von Treblinka die Haare zu schneiden. "Machen wir es kurz", sagt Lanzmann, wo er nun selbst erzählen soll.

"Shoah" ist sein bekanntestes Werk, über neun Stunden lang. Fast zwölf Jahre hat er an jener einzigartigen, unkategorisierbaren filmischen Begegnung mit der "Radikalität des Todes" gearbeitet. Mit "Shoah" hat Lanzmann den Begriff des Dokumentarfilms erweitert und unser Geschichtsbewusstsein verändert. Nachdem der Film 1985 erstmals gezeigt worden war, habe man auch in Europa den Begriff "Holocaust" durch "Shoah" ersetzt, betont der 83-Jährige auf der Suche nach einem passenden Sessel für unser Gespräch.

"Shoah", sagt er, "ist die beste Mauer gegen das Vergessen. Der Film sollte viel öfter gezeigt werden. Zum Beispiel in einem Land wie Deutschland. Er wurde nicht sehr oft gezeigt. Man wird nie sagen können, dass ,Shoah' ein alter Film ist. Er hat keine Ränder. Er steht in einem besonderen Verhältnis zur Zeit. Meinem Verhältnis." Lanzmann sinkt ins weiche Polster. Rutscht hin und her, erhebt sich wieder, entscheidet sich schließlich für das Sofa. Bittet den Fragensteller, sich rechts von ihm zu platzieren. Skeptisch blickt er auf das Aufnahmegerät. "Ich hoffe, das funktioniert."

Eine spezielle Pariser Art der Unterhaltung pflege Lanzmann, schrieb vor Jahren ein Journalist des Londoner Guardian. Was damit gemeint ist, wird in den folgenden 45 Minuten deutlich. Lanzmann reagiert gelangweilt. Was er nicht diskutieren will, wischt er einfach weg. Spricht er, macht er lange Pausen. Wirft dem Fragenden eine Bemerkung wie ein Almosen hin. Dreht den Kopf weg, sieht sich um. Hotelpersonal huscht lautlos vorbei. "Ich fühle mich sehr müde." Das klingt wie: ich geruhe um diese Zeit nicht zu empfangen. Da hilft kein Espresso, der König des Dokumentarfilms mag nicht. Ein Versuch: Ob er sich an den Einmarsch der Deutschen in Frankreich erinnere? "Klar. Aber wenn wir so anfangen, brauchen wir Monate. Hören Sie, ich habe gerade ein Buch von sechshundert Seiten beendet. In Frankreich wird es im März erscheinen. Hoffentlich auch in Deutschland, und da steht dann alles drin."

Kämpfer sind die Lanzmanns, drei Generationen mit Kriegserfahrung. Großvater und Vater wurden im Ersten Weltkrieg verwundet und ausgezeichnet. Als die Wehrmacht 1940 in Frankreich einmarschiert, schließt sich die Familie der Résistance an. Warum? "Es war die beste Art, sich selbst zu schützen." Die Züge des Regisseurs sind hart. Auf Fotos allerdings schmunzelt er manchmal. Nach dem Studium in der süddeutschen Provinz arbeitet Lanzmann 1948/49 in Berlin. Als Lektor an der Freien Universität Berlin und Leiter des französischen Kulturinstitutes. Für einen Kämpfer ist das zu wenig. "Ich unternahm einen heimlichen Ausflug in die DDR. Ohne Visum, ohne Erlaubnis. Das war idiotisch. Ich konnte nirgendwo übernachten. Ich schlief in Parks. Ich habe riskiert, ins Gefängnis zu kommen. Und ich schrieb einige Artikel über die DDR. Sie wurden in Le Monde veröffentlicht unter dem Titel ,Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang'."

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Autor:  CARSTEN HUECK
Datum:  26 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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