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Pressekonferenz Buchmesse: Im Umbruch

Der Direktor der Buchmesse, Jürgen Boos, verteidigt die Entscheidung, China, ein "Land im Umbruch", einzuladen. In Wahrheit ist es die Buchbranche insgesamt, die einen dramatischen Umbruch erlebt.

Als sei es eine Stadt: Hölzerne Schriftzeichen von Li Jiwei.
Als sei es eine Stadt: Hölzerne Schriftzeichen von Li Jiwei.
Foto: FR/Kraus

Sie drängen heran wie kaum jemals zuvor in den vergangenen drei Jahrzehnten: Hunderte von Journalisten begehren Einlass in den dunklen, fensterlosen Saal, in den die 61. Frankfurter Buchmesse zur Eröffnungspressekonferenz lädt. Es ist natürlich vor allem die Aufregung um den diesjährigen Ehrengast, die Volksrepublik China, die sie alle anlockt. Für Gottfried Honnefelder, den Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ist es die 36. Messe - und der Veteran bekennt seine "außerordentliche Freude" darüber, dass seine Rede zum ersten Mal simultan auch ins Chinesische übersetzt wird.

Und Juergen Boos, der Direktor der Buchmesse, findet endlich die Sätze, die nach all den Konflikten im Vorfeld geradezu befreienden Beifall provozieren: "Wir verurteilen die Einschränkung der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit in der Volksrepublik China auf das Schärfste". Der Kulturmanager plädiert aber dafür, die größte Bücherschau der Welt nicht zu überfordern: "Wir können Konflikte aufzeigen, wir können sie nicht lösen".

Buchmesse in Zahlen

Genau 7314 Verlage sind auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse präsent. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein leichtes Minus von 0,8 Prozent. Insbesondere einige Unternehmen aus der englischsprachigen Welt sind nicht gekommen, eine Folge der weltweiten Finanzkrise.

Die Ausstellungsfläche geht um zwei Prozent zurück. Bis 18. Oktober werden auf dem Messegelände bis zu 300000 Besucher erwartet. Erstmals gibt es ein Areal zum Thema Genuss: Die 400 Quadratmeter große Gourmet Gallery. (jg)

Boos verteidigt die Entscheidung, China, ein "Land im Umbruch", einzuladen. Und illustriert die Wirkung der Buchmesse mit einem Vergleich: "Bisher waren in Deutschland gerade mal 80 Titel aus China lieferbar, nach der Messe werden es 400 sein". Eines dürfe die Buchmesse auf keinen Fall: "China ignorieren".

In Wahrheit ist es die Buchbranche insgesamt, die einen dramatischen Umbruch erlebt. Der Realist Honnefelder hält der Versammlung an diesem Vormittag den Spiegel vor: "Nur noch 18 Prozent der Bevölkerung halten Bücher für unverzichtbar, 33 Prozent aber schon das Internet". Er warnt vor einer "Auflösung der Buchkultur". Und kritisiert "in aller Schärfe", dass die zuständigen EU-Kommissare doch tatsächlich den weltweiten Vorstoß von Google gegen die Urheberrechte hinnehmen wollten: "Die Achtung und der Respekt vor den Autoren bleiben auf der Strecke - unser Entsetzen ist groß".

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die am Abend zur Eröffnung anreist, fordert der Vorsteher energisch Unterstützung gegen Google ein.

Das also sind die Themen, die bleiben werden, wenn mehrere tausend chinesische Gäste Frankfurt wieder verlassen haben. Der spanische Verleger Jesús Badenes von der Planeta-Gruppe spricht gar von einem "Napalm"-Angriff von Google - jetzt könnten nur noch Regierungen und öffentliche Institutionen helfen. Er rät den Verlegern, sich mit anderen zusammenzuschließen - nur so könnten sie bestehen. Und zitiert aus der "Kunst des Krieges" , dem Klasssiker von Sun Tzu: "Derjenige, der weiß, wann er kämpfen kann und wann nicht, wird den Sieg davon tragen".

Das E-Book übrigens, von dem bei der Buchmesse 2008 noch so viel die Rede war, ist weit hinter den Erwartungen oder Befürchtungen zurückgeblieben: Gerade mal 65000 digitale Bücher sind seither verkauft worden. Eine "marginale Größe" nennt das Honnefelder.

Und was ist nun eigentlich mit der Krise? Der beruhigende Befund am Tag der Messe-Eröffnung: Sie hat bisher kaum Spuren in der Buchbranche hinterlassen. Der Handel legte beim Umsatz in diesem Jahr gar um bisher 2,8 Prozent zu - mit Spannung blicken jetzt viele, die nach Frankfurt angereist sind, auf das bald beginnende Weihnachtsgeschäft.

Und dann ziehen alle ein Stockwerk höher, wo sich unter dem Motto "Tradition& Innovation" der Ehrengast mit einem großen Stand präsentiert. Der chinesische Künstler LI Jiwei hat auf 2500 Quadratmetern die Architekturinstallation "Buchberg" geschaffen, eine Zeitreise von alten Holzdrucktechniken bis hin zu moderner Technologie. Ein Blatt Papier, ein Tropfen Tusche, ein Schriftzeichen und ein Buch: Diese Elemente kehren immer wieder.

Und in einer Ecke des Standes dann die traditionellen "Books on": 2500 internationale Bücher über das Gastland, wie jedes Jahr. Hier, so hat die Buchmesse versichert, dürfe die chinesische Zensur nicht zuschlagen. Tatsächlich gibt es viele Bildbände mit malerischen chinesischen Landschaften und alte Bücher von Pearl S.Buck - kritische zeitgenössische chinesische Autoren sind auf den ersten Blick nicht zu finden. Bemerkenswert kühl kommt der Ehrengaststand daher, in weißes und blaues Licht getaucht.

Das offizielle China ist bis zum Sonntag mit einer eindrucksvollen Delegation in Frankfurt präsent: 160 Schriftsteller und Journalisten, 500 Vertreter der Verlagsbranche, 150 Künstler und viele andere mehr.

Ob er denn glaube, dass sich die Dissidenten und die Offiziellen begegnen werden, ob es zur Diskussion komme, wird Direktor Boos gefragt. Der antwortet geradezu philosophisch: "Wir werden nicht zwei Chinas auf der Messe haben, sondern viele hundert - und es wird Schnittmengen geben".

Und dann strömen sie alle hinaus, aus der stickigen Abgeschlossenheit der Messehalle. Die Buchmesse, das darf man getrost glauben, wird als großes Fest ihre eigene Dynamik entfalten unter den Gästen aus 100 Nationen.

Autor:  Claus-Jürgen Göpfert
Datum:  13 | 10 | 2009
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