Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

22. Dezember 2014

Professx Lann Hornscheidt: Sexismus in der Sprache

 Von Sonja Eismann
„Es hat einen unglaublichen Effekt, ob irgendwo Studentinnen und Studenten steht oder eben nur Studenten“, sagt Lann Hornscheidt.  Foto: REUTERS

Sich angesprochen fühlen: Professx Lann Hornscheidt spricht über die Notwendigkeit, Sprache auch an sich in Frage zu stellen, über Benennungen als politische Handlungsform und über reduzierte Bilder im Kopf.

Drucken per Mail

Lann Hornscheidt, wie wird der von Ihnen vorgeschlagene geschlechtsneutrale Titel „Professx“ korrekt ausgesprochen?

Machen Sie es am besten so, wie Sie es selbst für richtig halten! Es ist ja eigentlich ganz einfach, denn das x wird im Deutschen stets „iks“ ausgesprochen. Ich würde „Professiks“ oder „Mitarbeitiks“ sagen. Darüber hinaus ist es spannend zu sehen, dass es ähnliche Diskussionen auch beim so genannten Binnen-I gab. Diese Laute sind ja nicht wirklich schwer zu artikulieren. Ich glaube, dass sich da eine gewisse Abwehr gegenüber sprachlichen Veränderungen allgemein zeigt.

Funktioniert es, gewisse Benennungen und Anreden qua Verordnung auszutauschen?

Das ist ja nichts, was mit der Brechstange passiert. Es ergibt sich im Gegenteil aus einem langen Prozess des Hinhörens zu Menschen, die sich von den gängigen Sprachformen nicht angesprochen fühlen. Es ist schmerzhaft, sich damit auseinanderzusetzen, dass in das, was wir als Normen kennen, die Diskriminierungen schon strukturell eingeschrieben sind. Ich als Person mit sprachwissenschaftlicher Ausbildung sehe Sprache als Handlung. Zu behaupten, dass es eine Grammatik gibt, die einfach da ist, ist eine sehr machtvolle Handlung. Diese Natürlichkeitsvorstellung von einer unverrückbaren deutschen Grammatik, einem eindeutig „korrekten“ Sprechen und Schreiben, hängt sehr eng mit Nationalismusvorstellungen zusammen. Das wird in vielen Kommentaren deutlich, die sich dagegen verwehren, dass unsere Sprache an sich in Frage gestellt wird. Das ist spannend, weil es ignoriert, dass Diskriminierungen wie Sexismus und Rassismus unserer Sprache bereits eingeschrieben sind, also damit auch Teil dieser so hochgehaltenen deutschen Kultur.

Während Konservative Ängste vor einer „Verhunzung“ der deutschen Sprache äußern, kommt von linker Seite der Vorwurf, dass Neubenennungen an real existierenden Diskriminierungen nichts ändern.

Nicht-diskriminierende Sprechweisen sind kein Allheilmittel, sondern nur einer von vielen Ansatzpunkten. Wer sich darauf einlässt, merkt, wie stark die sprachlich vermittelte Realität sexistisch und rassistisch wirkt. Über dieses Bewusstsein können Leute anfangen, auch materielle Situationen zu verändern.

Die feministische Linguistik der 1970er und 80er Jahre hat darauf gesetzt, Frauen in der deutschen Sprache sichtbar zu machen, sie zum Beispiel explizit als Leserinnen statt als Leser zu benennen. Können Sie mit Ihrer Kritik an Zweigeschlechtlichkeit dem überhaupt noch etwas abgewinnen?

Natürlich baue ich darauf auf. Ich bin politisiert wurden durch die Veröffentlichungen der feministischen Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch. Wie bei jeder Sache muss es immer ein Weiterdenken geben, also zum Beispiel auch eine Herausforderung der x-Form. Sprache ist nie „gut“, nie fertig. Es darf in politischer Sprachkritik auch nicht immer nur um Gender gehen. Machtkategorien wie Rassismus spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich selbst finde es gerade sehr spannend zu überprüfen, wie viele Metaphern ich verwende, die Nicht-Behinderung als Norm setzen, und dafür neue Bilder zu finden.

Was raten Sie jenen, die bereit zu Veränderungen, dabei aber verunsichert sind, was sie noch sagen „dürfen“?

Zur Person

Lann Hornscheidt, 1965 in Velbert geboren, hat Linguistik und Skandinavistik studiert und ist heute am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin tätig. Weder als Mann noch als Frau möchte Lann Hornscheidt adressiert werden, sondern als „Professx“. Dieser Wunsch löste im deutschen Feuilleton einen Sturm der Empörung aus.

Ich würde gar nicht von „dürfen“ sprechen, weil das immer Normen oder gar Verbote voraussetzt, von denen ich nichts halte. Doch wenn ich merke, dass es negative Auswirkungen auf Personen hat, wenn ich gewisse Begriffe verwende, dann möchte ich diese gar nicht mehr verwenden. Es erweitert meinen Horizont ungemein, wenn ich diesen Menschen respektvoll zuhöre und von ihnen neue Begriffe lerne oder mir selbst welche ausdenke, wo ich das für mich kann. Ich empfinde es als lustvoll, sich Sprache als eine politische Handlungsform anzueignen. Ich erkläre es meinen Studierenden manchmal so: Wenn mir eine Person sagt, das Wort Blume traumatisiert mich, aus welchem Grund auch immer, dann höre ich auf, das Wort zu benutzen. Da muss ich mich nicht mal mit Macht- und Diskriminierungsstrukturen beschäftigen.

Nun wurde schon mehrfach behauptet, Sie selbst nützten Sprache als Zwangsmittel.

Ich finde das absurd, es ist eine Projektion derjenigen, die genau in diesem Moment so handeln. Denn wenn manche dieser Leute äußern, ich sollte in die Psychiatrie zwangseingewiesen oder am besten gleich umgebracht werden – ich selbst lese diese verletzenden Kommentare nicht, sondern lasse sie nur von meinem Team auswerten –, was ist das anderes als gewaltvolles Sprechen, das abweichende Meinungen mundtot machen möchte? Ich versuche, meine Studierenden durch Text- und Lektüreübungen zu einem reflektierten und achtsamen Sprachgebrauch zu ermuntern, während es mir damals schlicht verboten war, meine Dissertation mit Binnen-Is zu versehen. Ich habe es dann trotzdem gemacht.

Vielen Menschen erscheint das Überprüfen ihres eigenen Sprachgebrauchs als sehr kompliziert.

Dass beispielsweise ein simples Binnen-I zu lang oder zu kompliziert sein soll, weist doch eher darauf hin, welche reduzierten Bilder wir im Kopf haben. Ich kann nur sagen, dass ich mich mit keiner androgendernden Form, also einer, die das Männliche als das allgemein Menschliche setzt, angesprochen fühle. Ich musste mich fragen, tue ich mir das an, mich nicht gemeint zu fühlen, alles erst für mich übersetzen zu müssen? Ich habe mich so entschieden, doch die meisten Menschen wählen den Weg, sich angesprochen zu fühlen, auch wenn ihnen der damit verbundene Sexismus vollkommen bewusst ist. Es gibt viele Perzeptionsuntersuchungen, die zeigen, dass es einen unglaublichen Effekt hat, ob irgendwo Studentinnen und Studenten steht oder eben nur Studenten. Oder wenn es heißt: die Ermittler bei der Kripo – keine Person stellt sich hier eine Frau vor! Wenn wir Formen verändern, verändern wir auch unsere Wahrnehmung von der Wirklichkeit und müssen uns dann fragen, warum gibt es denn so wenige Ermittlerinnen oder Staatsanwältinnen.

Aber sind das nicht akademische Diskussionen, die wiederum Menschen mit weniger Bildung ausschließen?

All diese Überlegungen kommen nicht aus der Uni, sondern aus politischen Bewegungen. Die Universitäten springen auf so etwas ja immer sehr spät auf. Was nicht heißt, dass akademische Sprache nicht ausschließend ist, im Gegenteil, und dass sich da die Dinge verändern, halte ich für sehr wichtig.

Hat Sie der Angriff auf Ihre Person überrascht oder sehen Sie einen generellen Backlash gegen vermeintlichen „Genderwahn“?

Dass es ein dermaßen großes Bedürfnis von älteren – oder auch jüngeren – weißen Männern gibt, sich gegen diese für sie offensichtlich so bedrohlichen Veränderungen zu verwehren, zeigt doch eher sehr deutlich, dass hier etwas im Umbruch ist. Ich bin im Gegenteil davon beeindruckt, wie viele kraftvolle neue Bündnisse sich gegen diesen Backlash gegründet haben. Prinzipiell fände ich es sehr schön, wenn Leute lernen, respektvoll miteinander umzugehen, statt aufeinander einzuschlagen.

Interview: Sonja Eismann

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Kleppern

Exklusiv für die Zubereitung von Rührei ist eigens ein Verb erfunden worden: kleppern.

Gerührt? Verloren? Zu zweit im Glas? Die Diskussion über das Ei und seine optimale Zubereitungsart ist noch längst nicht vom Tisch. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 26. August

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 26. August 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps