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15. März 2016

Pussy Riot: „Ich bin nicht Putins persönliche Feindin“

 Von Michael Hesse
Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa auf dem Glastonbury Festival im Südwesten Englands. .  Foto: imago

Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa spricht im Interview mit der FR über die Werkzeuge der Revolution, gewaltfreien Widerstand, ihre Haltung zu Putin und russische Gefängnisse.

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Frau Tolokonnikowa, fast scheint es so, als wäre der Protest von Pussy Riot etwas ruhiger geworden. Ist Ihr Buch „Anleitung zur Revolution“ nun ein Fanal zum erneuten Aufbruch?
Etwas ruhiger? Gerade wurde ein Freund von mir in Russland zusammengeschlagen. Sein Auto hat man angezündet, es ging in Flammen auf. Also: Ruhiger ist es bestimmt nicht geworden. Wir wollen nach wie vor zu dem Kern des Systems vordringen und es verändern. Die Reaktion des Systems ist weiterhin extrem heftig, wie man sieht.

Ist Russland eine Diktatur?
Ja, würde ich so sagen.

Ein Land auf dem Weg zum Faschismus?
Seit Russland erklärt hat, es wolle die Rechte von Russen auf der Krim verteidigen, entwickelt es ähnliche Züge zu dem, was man unter dem Begriff des Faschismus versteht.

Putins Lieblingsphilosoph ist ja auch der frühere faschistische Denker Iwan Ilijn.
Ja, ein schlechtes Zeichen, ihn jetzt zu lesen. Seine politischen Ansichten sind scheußlich. Viele Philosophen denken aus irgendwelchen Gründen, sie könnten sich zu allem äußern. Ilijn war nicht kompetent genug, um über die russische Kultur und Literatur zu sprechen. Er entwickelte sich zu einem Monster.

Haben Sie da keine Angst, in diesem Land zu leben? Warum gehen Sie nicht ins Exil, wie es viele andere gemacht haben, zum Beispiel Michail Chodorkowski?
Ich fühle mich in Moskau wohl, warum sollte ich also ins Exil gehen. Und Chodorkowski hat eine ganz andere Beziehung zu Putin, er ist sein Feind. Das ist etwas ganz anderes als bei uns. Wir sind für Putin nur Leute, die Ärger machen, das kann man nicht vergleichen. Man wird jedoch immer aufmerksamer auf uns wegen unserer Arbeit als NGO. Aber damit kommen wir klar.

Sie sind keine Feindin Putins?
Ich mag seine Regierung nicht. Aber ich bin nicht seine persönlicher Feindin. Ich glaube auch nicht, dass er aufwacht und an mich denkt. Bei Chordorkowski ist es möglicherweise anders.

Zur Person

Nadeschda Tolokonnikowa, geboren 1989, wuchs in Norilsk auf, einem der am schlimmsten umweltbelasteten Orte der Welt. Mit 16 Jahren begann sie ihr Philosophiestudium in Moskau, wo sie sich Pussy Riot mitbegründete.

Nach dem „Punk-Gebet“, mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Heute lebt Tolokonnikowa in Moskau.

Ihr Buch „Anleitung für eine Revolution“ ist im Verlag Hanser Berlin erschienen (224 S., 17,90 Euro).

Immerhin waren Sie zwei Jahre in Haft, weil Sie gegen Putin rebellierten. Hassen Sie ihn nicht?
Ich weiß nicht, was Hass ist. Ich hasse niemanden. Das ist meine ethische Position. Ich würde es lieben, wenn Russland ohne ihn wäre. Aber ich schenke ihm nicht besonders viel Aufmerksamkeit. Ich versuche vielmehr, das zu tun, was ich kann, um anderen Menschen zu helfen, ihnen Informationen zukommen zu lassen. Wir haben eine Internetplattform gegründet, Mediazona heißt sie. Außerdem helfen wir Gefangenen. Wir setzen uns für dutzende Gefangene ein, die ernsthaft erkrankt sind. Sicher, ich bin gegen Putin. Ich versuche den Menschen zu zeigen, dass ich ihnen mehr helfen kann als die russische Regierung.

Und Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie eine Anleitung für eine Revolution geben. Welche Eigenschaften hat eine Revolution?
Man muss sich erst einmal klar machen, was man will und seine Ziele definieren. Dann muss man sich nach den entsprechenden Werkzeugen umsehen. Revolution ist ein Wort, das sehr unterschiedliche Bedeutungen hat. Der Astronom Kopernikus hat Untersuchungen über den Lauf der Planeten angestellt und die revolutionäre These aufgestellt, dass es nicht die Sonne ist, die um die Erde kreist, sondern dass wir, die Beobachter auf der Erde, es sind, die sich drehen. Was ich sagen will, ist, dass Revolutionen etwas sehr Natürliches sind. Ich denke an eine Revolution in einem breiteren Sinne und nicht einfach an eine politische Revolution. Selbstverständlich bedeutet mir die politische Revolution sehr viel.

Mit oder ohne Gewalt?
Ich bin absolut gegen Gewalt. Es geht mir um symbolische, nicht-gewaltmäßige Aktionen. Ich glaube, dass nur diese Art von Handlungen, die gewaltfrei ist, etwas zum Besseren wenden kann. Denn wenn man einmal mit der Gewalt anfängt, wird man diesen Kreislauf nie wieder verlassen

Weil der Staat immer über mehr Waffen als andere verfügt?
Nein, nicht deshalb. Einfach weil man Dinge nicht mit Gewalt verändern kann. So wird man nie seine eigenen Werte etablieren können, Werte, zu denen Gewaltfreiheit gehören sollte.

Sie zitieren Marx in Ihrem Buch, der über Philosophen sagte, es komme nicht darauf an, die Welt unterschiedlich zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Würden Sie das unterschreiben?
Das steht in der 11. Feuerbach-These. Dieser Text von Karl Marx beeinflusste mich sehr als Jugendliche. Ich glaube daran. Ich denke wirklich, dass Jesus Christus ein solcher Philosoph gewesen ist, wie es in der Feuerbach-These steht. Es kommt darauf an, die Welt wirklich zu verändern und seine eigene Philosophie und Religion zu etablieren. Christliche Marxisten waren so eine Art Philosophen, die durch ihre Handlungen und ihr Leiden neue Werte in der Gesellschaft geschaffen haben.

„Die Menschen sollen selbst entscheiden, ob sie über die Diktatoren lachen oder weinen sollen“, sagt Nadeschda Tolokonnikowa. Vor wenigen Tagen trat sie in Köln auf.  Foto: imago

Sie scheinen einen Bezug zu Philosophen zu haben. Sie erwähnten auch Kant und dessen kategorischen Imperativ, sein höchstes Moralprinzip, in Ihrem Buch. Woher kommt dieser Bezug?
Das heißt nicht, dass Kant unbedingt so wichtig für mich wäre. Dass ich all diese Jungs aus der Philosophie anführe, ist nur natürlich, schließlich war ich fünf Jahre an der philosophischen Fakultät. Eigentlich habe ich eher versucht, so wenig Philosophen zu erwähnen, wie es für mich möglich war. Aber wenn du fünf Jahre Philosophie studiert hast, passiert das nun einmal mit dir.

Warum war Kant wichtig?
Was Kant wirklich ausmacht, ist, dass er die goldene Regel der Moral zum Einsturz brachte. Sie besagt: Wenn du möchtest, dass sich jemand in einer bestimmten Weise dir gegenüber verhält, solltest du dich ihr gegenüber genauso verhalten. In der Bibel findet sich Ähnliches, auch die ältesten Kulturen sprechen dieses Prinzip aus. Aber Kant stellte das höchste Moralprinzip auf eine neue Basis. Er lehrte, du musst aus moralischer Pflicht handeln und kannst nicht einfach einen moralischen Gewinn erwarten. Du handelst als moralische Person, also aus deiner eigenen Einsicht. Dafür gibt es keinen Profit. Er schrieb es vor mehr als zweihundert Jahren. Leider haben es immer noch zu wenige Menschen verinnerlicht.

Sie schreiben: Jesus ist der Beste, vergesst den Rest. Glauben Sie an Gott?
Nein, ich glaube nicht an Gott. Ich liebe aber die Religion, ich liebe religiöse Bücher. Es sind brillante, historische Kulturgüter, die unsere Gesellschaft ausmachen. Ich habe als Kind Kirchen, Synagogen und Moscheen besucht.

Aber dann tanzten Sie in einer Kirche aus Protest gegen Putin. Hat das Ihr Leben dramatisch verändert?
Na ja, ich ging dafür ins Gefängnis! Ich weiß nicht, wie dramatisch es für mich letztlich war. Aber es war auf jeden Fall extrem schlecht für meine Gesundheit.

Hat das Ihre Einstellung zur Religion verändert?
Das würde ich nicht sagen. Ich habe immer schon Religion und die offizielle Kirche als etwas Unterschiedliches verstanden. Es gibt eine große Tradition der Trennung beider Bereiche, worin immer ein Grund zum Protest lag. Lew Tolstoi wurde von der russisch-orthodoxen Kirche ausgeschlossen, deren Gebaren ihm missfiel. Dennoch liebte er Religion und Jesus Christus. Das ist mein Punkt. Jesus Christus und Religion sprechen mich an, aber ich hasse die offizielle russisch-orthodoxe Kirche in ihrer jetzigen Gestalt. Sie versucht, die Menschen vom Denken abzuhalten, zum Gehorsam anzuhalten und das zu glauben, was Putin sagt.

Sie sind bekennende Feministin. Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem Russlands? Die russischen Männer?
Ich würde niemals zum Geschlechterkampf aufrufen. Es gibt keinen Krieg zwischen Männern und Frauen. Das Problem ist die patriarchalische Struktur in Russland. Ein riesiges Problem! Darin liegt einer der Gründe für die immense Gewalt, die wir in der Gegenwart erleben, wie jetzt eben mein Freund, der Journalist. Aber natürlich teilt nicht jeder russische Bürger diese patriarchalische Kultur. Sie kommt von der Macht, von der politischen Elite, sie kommt von Putin.

Sie schreiben in Ihrem Buch von den Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen im Gefängnissen. Wie schlimm ist es für Sie gewesen?
Es war nicht einfach. Ich habe immer noch Alpträume. Es kommt auf deine Stärke, Energie an, und die Dauer der Haft. Das entscheidet, ob du durchkommst oder nicht. Ich hatte viel Energie und musste nur für zwei Jahre ins Gefängnis, die anderen Frauen um mich herum hatten wesentlich längere Strafen abzusitzen. Es hilft niemals, im russischen Knast zu sein. Wenn du einen Fehler gemacht hast und in ein russisches Gefängnis musst, wirst du leiden. Wenn du rauskommst, wirst du noch mehr Fehler machen.

Würden Sie noch einmal in der Kirche auftreten?
Ich bin kein Gott. Ich habe getan, was ich getan habe. Ich denke, dass es das wert gewesen ist.

Sie schreiben in Ihrem Buch, „Putin hat sich eingepisst“. Er stellt sich gerne als starker Führer dar, Sie versuchen, ihn lächerlich zu machen. Ist es die wichtigste Waffe, Diktatoren auszulachen?
Das nehme ich doch stark an. Es ist eine der Waffen. Die Menschen sollen selbst entscheiden, ob sie über die Diktatoren lachen oder weinen sollen.

Sie sind die Stimme Russlands, des besseren Russlands?
Nein, das bin ich nicht. Ich bin eine Künstlerin. Ich verstehe mich nicht als Repräsentant des ganzen Russlands, sonst wäre ich Präsident.

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