Können wir aus der Geschichte des politischen Denkens lernen? Finden wir in den Texten der Klassiker Antworten auf die uns heute beschäftigenden Fragen? Dem britischen Ideenhistoriker Quentin Skinner zufolge müssen wir die zweite Frage verneinen und die erste auf eine bestimmte Weise verstehen. Nach einem von ihm gern zitierten Wort gibt es nur individuelle Antworten auf individuelle Fragen, und potentiell gibt es so viele verschiedene Fragen wie Fragende - die Fragen der Klassiker sind gerade nicht die unseren. Wer nun aber meint, damit bleibe der Geschichtsschreibung nur die Gräberpflege auf dem Friedhof der Ideen, verkennt, dass gerade die Konfrontation mit uns fremd erscheinenden Denkweisen das Bewusstsein für die historische Bedingtheit, ja Beschränktheit der eigenen Perspektive zu schärfen vermag. Der Antiquar wird so zum Kritiker.
Dafür, dass er unser Verhältnis zur Ideengeschichte durch radikale Kontextualisierung auf eine neue Grundlage gestellt hat, erhielt Skinner nun den alle zwei Jahre verliehenen Bielefelder Wissenschaftspreis. Wie Axel Honneth in seiner Laudatio hervorhob, ist es gerade die Verbindung von substantieller Forschungsarbeit, methodologischer Reflexion und kritischer Subversion gegenwärtiger Gewissheiten, die Skinners Werk den Scheingegensatz zwischen historischem und systematischem Denken überwinden lässt. Diese drei Dimensionen vereinigen sich besonders eindrucksvoll in Skinners Studien zum Begriff der Freiheit: Sie zeigen uns, so Honneth, dass wir in einem Bild gefangen sind, dass wir von einem verarmten Freiheitsverständnis beherrscht werden, aus dessen Griff uns allein die historische Verunsicherung zu befreien vermag.
Skinners Festvortrag führte dies an der Universität, an der Niklas Luhmann die Systemtheorie und Reinhart Koselleck die Begriffsgeschichte entwickelte, auf ebenso knappe wie brillante Weise vor. Während die liberale Tradition unter Freiheit versteht, dass ich in meinem Tun nicht durch Eingriffe anderer behindert werde, setzt die republikanische Perspektive anders an.
Ein anspruchsvolles Ideal
Der Sklave nämlich ist auch dann unfrei, wenn der wohlwollende Sklavenhalter ihn in Ruhe lässt. Er ist nicht sein eigener Herr, denn er bleibt abhängig vom Willen des anderen, der ihn das jederzeit spüren lassen kann. Freiheit besteht demnach in mehr als der bloßen Abwesenheit von Eingriffen - sie besteht darin, nicht von der Willkür anderer abhängig zu sein. Dass dies ein anspruchsvolles Ideal ist, muss nicht gegen es sprechen. Aber ist es in unserer Welt überhaupt realisierbar und ist wirklich jede Form der Abhängigkeit freiheitseinschränkend?
In einem Kolloquium zum Werk des Geehrten stand neben der Frage, ob philosophische Texte primär als argumentative Beiträge zu einer wissenschaftlichen Diskussion oder als rhetorische Eingriffe in einen konkreten Kontext verstanden werden sollten, genau die Reichweite des Freiheitsbegriffs im Zentrum. Dass jemand Macht über mich hat, so der Einwand, verringert in keiner Weise meine Freiheit, wenn diese Macht nicht genutzt wird und ich das auch nicht befürchten muss. Skinner zufolge reicht aber schon die bloße Möglichkeit des Eingriffs aus, um den Status eines freien Bürgers zu verlieren. Wenn der Staat die Emails seiner Bürger überwacht, ihnen aber versichert, dass sie auch weiterhin frei sind zu schreiben, was sie wollen, führt das zu einer Abhängigkeit (und wahrscheinlich auch zu einer Selbstzensur), die die Freiheit formal bestehen lässt, aber von innen aushöhlt. Das kann nicht die Freiheit sein, die wir meinen - es ist jedenfalls nicht die Freiheit, die Skinners ideengeschichtliche Zeugen der Anklage meinen.
Sind wir demnach alle Sklaven, vielleicht ohne es zu wissen? Die Arbeit des Ideenhistorikers ist getan, wenn sein Publikum sich diese Frage stellt. Nicht nur seine bescheidene Art verbietet Skinner die Rolle des Propheten, sondern auch die methodologisch wie geschichtlich fundierte Skepsis gegenüber überzogener Selbstgewissheit. Aus der Geschichte des politischen Denkens führt kein gerader Weg zu uns oder gar in die Zukunft - dass sich auf den vielfältigen Umwegen aber sehr viel lernen lässt, ist Skinners Lektion.
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