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17. Januar 2013

Quentin Tarantino im Interview: Persönliche Angriffe ignoriere ich

Mit seinem umstrittenen "Django Unchained" gewann Quentin Tarantino den Golden Globe für das beste Drehbuch. Foto: AFP

Regisseur Quentin Tarantino spricht im Interview über Völkermord, seinen neuen, mehrfach Oscar-nominierten Film „Django Unchained“ und den Besitz von automatischen Waffen.

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Viele Worte muss man über Quentin Tarantino eigentlich nicht mehr verlieren. Längst ist der Amerikaner nicht mehr nur das viel beschriene Enfant terrible des Kinos, das sein Publikum mit Gewaltexzessen provoziert und mit „Pulp Fiction“ das Gangster-Genre revolutionierte.

Inzwischen gehört der vielfach preisgekrönte 49-jährige längst zu den cineastischen Großmeistern Hollywoods. Und das, ohne auf blutige Brutalität, bösen Witz und endlose popkulturelle Verweise zu verzichten. Auch sein neuer Film „Django Unchained“ ist wieder ein in vieler Hinsicht überwältigendes Kinoereignis – und wurde gerade für fünf Oscars nominiert.

Mr. Tarantino, Sie haben in „Inglourious Basterds“ von den Gräueltaten der Nazis erzählt. In „Django Unchained“ geht es nun um die Sklaverei. Sind das für Sie verwandte Themen?

Selbstverständlich. Die Sklaverei war ein Holocaust – und zwar einer, der 245 Jahre andauert. Genauso wie die Ausmerzung der amerikanischen Ureinwohner ein Holocaust war, nicht weniger schlimm als der Holocaust im Zweiten Weltkrieg oder der Völkermord an den Armeniern. Natürlich hat jedes dieser schrecklichen Ereignisse seine ganz eigene, nicht vergleichbare Geschichte. Aber letztlich ging es in allen Fällen um rassistisch motivierten Genozid.

Ihr Film hat in den USA prompt eine große Debatte ausgelöst ...

Weil Amerika einfach Angst davor hat, sich mit dem Thema Sklaverei zu beschäftigen. Niemand will sich wirklich damit auseinandersetzen, weder die Weißen noch die Schwarzen. Das mag sich für deutsche Ohren ungewöhnlich anhören, denn Sie sind daran gewöhnt, sich immer wieder mit der Schuld zu beschäftigen, die man in Ihrem Land auf sich geladen hat. Wie überhaupt die meisten Länder dazu gezwungen sind, sich früher oder später den Sünden ihrer Vergangenheit zu stellen. Aber die USA haben es geschafft, so gut es geht einfach darüber hinwegzuschliddern. Selbst in der Schule lernt man mehr über den Goldrausch als über die Sklaverei.

Sehen Sie die Chance, dass sich daran etwas ändert?

Nun, mit dem Holocaust an den Indianern hat man sich in den USA irgendwann durchaus beschäftigt. Vor allem Dank einigen Filmen wie „Little Big Man“ – übrigens so etwas wie ein Bruder im Geiste von „Django Unchained“ – hat sich ab den Sechziger Jahren das Bild, das man in den USA vom Umgang mit den Indianern hat, vollkommen verändert. Was die Sklaverei angeht, fehlen solche filmischen Auseinandersetzungen bislang. Das Thema wurde, wenn überhaupt, ins Fernsehen abgeschoben. Wenn da nun „Django Unchained“ oder auch andere Filme einen Wendepunkt darstellen, bin ich mir sicher, dass sowohl das weiße als auch das schwarze Amerika in 30 Jahren einen ganz anderen Blick auf die Sklaverei haben wird als heute.

Nicht jedem gefällt, wie Sie sich dem Thema gewidmet haben. Von Ihrem Kollegen Spike Lee etwa haben Sie ordentlich Schelte bezogen. Meinen Sie, dass seine Kritik auch etwas mit Ihrer Hautfarbe zu tun hatte?

Ob meine Filme Debatten und Kontroversen auslösen, ist mir eigentlich egal. Darauf lege ich es nicht an. Aber ich bin mir sicher, dass einige der Vorwürfe, die mir im Kontext von „Django Unchained“ nun gemacht wurden, ausgeblieben wären, wenn ich selbst schwarz wäre. Das versteht sich fast von selbst.

Wie reagieren Sie auf solche Angriffe?

Filmkritik ist etwas, das ich sehr schätze. Ich liebe es, Kritiken zu lesen. Wenn ich der gleichen Meinung bin, freue ich mich. Und wenn nicht, dann geht mir das am Arsch vorbei. Manchmal bedeutet das ja sogar interessante Denkanstöße, wenn sich jemand wirklich mit den cineastischen Aspekten meines Werks auseinandersetzt. Aber persönliche Angriffe und Gesellschaftskritik ignoriere ich einfach. Kein einziger Vorwurf auf inhaltlicher Ebene hat mich je dazu bewegt, auch nur das Geringste an meiner Arbeit als Filmemacher zu verändern. Ich glaube an mich selbst und das, was ich tue, aus tiefstem Herzen und mit aller Leidenschaft. Deswegen empfinde ich es als meine Aufgabe als Künstler, mich auf dieser Ebene nicht in Frage stellen zu lassen.

Wo sehen Sie rund 250 Jahre nach dem Ende der Sklaverei das größte Elend Ihres Landes?

Für mich sind die größten Sünden der amerikanischen Gesellschaft heute ihre Drogengesetze. Durch sie wurden fast drei Generationen schwarzer Männer zu großen Teilen weggesperrt. Diese Gesetze sind schuld daran, dass der schwarze Teil der US-Bevölkerung bis heute nicht sein Potenzial ausschöpfen konnte und viele Errungenschaften des Civil Rights Movements immer noch brach liegen. Würde man zurückkehren zu den Drogengesetzen der Siebziger Jahre, würden drei von vier Gefängnisinsassen wieder frei kommen.

Deswegen ist diese Gesetzgebung im Grunde eine neue Form der Sklaverei. Nicht zuletzt angesichts all dieser privatwirtschaftlich geführten Gefängnisse, die direkt neben den staatlichen liegen und sich aus Profitgründen immer wieder gegenseitig die Häftlinge zuschachern. Die Gründe, warum an der Situation nichts geändert wird, sind die gleichen wie damals bei der Sklaverei: man weiß eigentlich, dass die Zustände untragbar sind, aber man fürchtet sich vor den Konsequenzen der Veränderung.

Ein anderes großes Thema ist derzeit mal wieder der Waffenbesitz der Amerikaner. Die Weltpremiere von „Django Unchained“ etwa wurde nach dem Amoklauf von Newtown abgesagt. Müsste man an diesen Gesetzen nicht auch etwas ändern?

Ja, wobei ich es prinzipiell durchaus richtig finde, dass jeder das Recht hat, eine Waffe zu besitzen. Ich selbst habe eine, denn ich lebe allein in einem großen Haus und will mich schützen können. Es gibt Waffen-Fans, es gibt Jäger und Waffen-Sammler – das ist alles in Ordnung. Aber was gefährlich, fahrlässig und unvertretbar ist, sind diese Automatikwaffen, die ganz offensichtlich zu militärischen Zwecken geschaffen wurden. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund, warum eine Privatperson eine Waffe besitzen sollte, die innerhalb weniger Sekunden 30 oder 40 Schüsse abfeuern kann. Darüber müssen wir sprechen, denn das ist obszön.

Apropos Schusswaffen: Stimmt es, dass Sie etliche Gewaltszenen wieder rausgeschnitten haben, um Ihre Chancen auf den Oscar zu erhöhen?

Tatsächlich haben wir vieles gedreht, was noch wesentlich brutaler ist als das, was jetzt auf der Leinwand zu sehen ist. Aber das habe ich nicht wegen der Oscars rausgeschnitten, sondern für das Publikum. Ich bin sehr stolz darauf, dass man als Zuschauer im Verlauf von „Django Unchained“ die unterschiedlichsten Emotionen durchmacht. Und das ist es doch auch, was man für den Preis einer Kinokarte erwarten können sollte.

Es gibt Witz genauso wie Romantik oder Spannung, Gewalt, die man kaum ertragen kann, genauso wie solche, die eine fast kathartische Wirkung hat. Und am Ende, wenn Django mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen triumphiert, wünsche ich mir, dass das Publikum applaudiert und jubelt. Sei es im wahrsten Sinne des Wortes oder auch einfach nur innerlich. Das war bei den ersten Schnittfassungen, die noch brutaler waren, nicht der Fall Deswegen habe ich einiges wieder rausgenommen, um meine Zuschauer nicht zu sehr zu traumatisieren.

Für den Oscar nominiert ist nun nicht nur der Film, sondern auch wieder Christoph Waltz. Sie beide scheinen einander gut zu tun.

Ohne Frage! Ich verliebte mich schon in Christoph, als er damals für „Inglourious Basterds“ vorsprach. Die Rolle des Hans Landa erschien mir damals als die beste Figur, die ich je geschrieben hatte, doch mir kam der Verdacht, dass sie womöglich unspielbar war. Ich fand einfach partout keinen passenden Schauspieler und war schon fast bereit, das gesamte Projekt wieder auf Eis zu legen. Doch dann kam Christoph und gab mir meinen Film zurück. Und nicht nur das: die Zusammenarbeit mit ihm war auch noch wunderbar.

Deswegen haben Sie den Dr. Schultz in „Django Unchained“ für ihn geschrieben?

Genau. Er durfte auch als einziger immer mal wieder das Drehbuch sehen, bevor es fertig war. Damals lebte er nicht in Los Angeles, aber wann immer er zu Besuch war, gingen wir gemeinsam die neusten Seiten durch. Ich wollte ihm die Möglichkeit geben, sich so früh und so intensiv wie möglich mit dieser Figur zu beschäftigen.

Inzwischen sind Sie unzertrennliche Freunde.

Und das, obwohl wir kaum unterschiedlicher sein könnten. Ich bin ja bekanntlich ein großer Fan und Verfechter der Popkultur. Christoph dagegen ist ein echter Snob – und stolz darauf. Aber wenn ich ihn mal dazu bringe, die Hochkultur für einen Moment zugunsten eines meiner Lieblingsfilme beiseite zu lassen, dann ist er zum Glück doch immer ganz begeistert. Genauso wie ich, wenn er mich mit in die Oper nimmt. Wir sind einfach echte Kameraden, als Menschen wie als Künstler.

In der Vergangenheit haben Sie oft angekündigt, Sie würden das Filmemachen an den Nagel hängen, weil Ihnen die Digitalisierung des Kinos missfällt. Müssen wir wirklich um Ihre Zukunft als Regisseur fürchten?

Nun ja, noch ist diese Entwicklung ja zum Glück erst zur Hälfte abgeschlossen. Aber ich bleibe dabei: digitale Projektion im Kino ist für mich nichts anderes als Fernsehen in der Öffentlichkeit. Und das ist es nicht, wofür ich mal angetreten bin. Oder lassen Sie es mich anders formulieren. Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Das stand ein paar Mal im Raum, aber es hat sich letztlich nicht ergeben. Was auch in Ordnung ist, denn sonst hätte ich vermutlich nicht die Filme gedreht, die ich gedreht habe. Oder zumindest nicht auf die Art und Weise, wie ich sie gedreht habe. Ich habe mit meiner Entscheidung diesbezüglich nie gerungen, denn bislang war es das alles wert. Aber ich habe es für Film getan. Digital ist den Verzicht auf eine Familie nicht wert! Denn digital ist Fernsehen und nicht Kino.

Das Interview führte Patrick Heidmann.

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