Die Oscar-Nominierung für den "Baader-Meinhof-Komplex" ist ein Meilenstein. Vielleicht ist es jetzt endlich so weit, und das deutsche Kino wird nicht mehr mit seiner Kunsttradition identifiziert werden, sondern mit seinem kommerziellen Mainstream.
Lange hat Bernd Eichinger, der Produzent dieses historischen Actionfilms, darauf hingearbeitet. Selbst ein Kind des Jungen Deutschen Films, der mit der Produktion des Syberberg-Werks "Hitler - ein Film aus Deutschland" bekannt wurde, noch bekannter aber mit dem Fantasyfilm "Die unendliche Geschichte", arbeitete er lange an einer Umorientierung der deutschen Filmpolitik
Viele waren an diesem Prozess beteiligt, der historisch mit den Tod Fassbinders 1982 zaghaft einsetzte, dann zu gravierenden Veränderungen in Filmförderung und -ausbildung führte, hin zu marktfähigeren Produkten. Ein weiterer Wegstein war die Entmachtung der Expertenjurys bei der Bundesfilmpreisvergabe. Der größte deutsche Fördertopf, der Filmförderfonds des BKM, operiert heute ohne Drehbuchprüfung. Wie viele kommerziell eingestellte Produzenten bereits in den Achtzigern forderten, wird ohne Blick auf den Kunstwert ein Kostenzuschuss bewilligt.
Stolz sein kann die deutsche Filmkultur dennoch. Denn auch "Waltz with Bashir" wurde für den Oscar nominiert, diese Koproduktion mit Israel über das Trauma eines Soldaten, der ein Kriegsverbrechen nicht vergessen kann. Neue Wege geht dieser künstlerische Dokumentarfilm, der den Umweg über den Animationsfilm wählt, um das Unsagbare zu zeigen, jene Dinge, über die man sonst wohl schweigen müsste. Denn auch das kann das Kino, wenn es denn eine Kunst ist: Denkanstöße geben, die uns nicht in Ruhe lassen, wenn das Licht im Kino wieder angeht.
Welche Anregung aber geht vom "Baader Meinhof Komplex" aus? Auf welchen Zahn wollten uns Uli Edel und Bernd Eichinger fühlen? Es ist ein Konsensfilm über ein wahrlich polarisierendes Thema, das von einer anderen Macht des Kinos lebt, der Übermacht des Genres. Mit starken Protagonisten kann, wer es geschickt anstellt und die Regeln des Hollywood-Kinos beherrscht, jede Geschichte erzählen. Im Guten wie im Schlechten. Denn es ist unerheblich, ob man es mit dem Heldentum eines Stauffenberg zu tun hat oder dem so genannten "Antiheldentum" des Mörders und Demagogen Andreas Baader.
Das "Bigger than life", das Prinzip der Überhöhung, aber steht nicht jedem. In "Waltz with Bashir" gibt es keinen Helden, dafür eine Menge Opfer - wie Ari Folman, den Regisseur des Films, der ein Loch in seiner Erinnerung erforscht. Als Zwanzigjähriger muss er im Libanonkrieg Zeuge eines Massakers gewesen sein, das Christen an Palästinensern verübten. Er vertraut sich einem Psychiater an, der eine praktikable Erklärung anbietet: Das Trauma seiner Eltern, die den Holocaust überlebten, habe sich lediglich auf ihn übertragen. Doch der Protagonist forscht weiter und sammelt Interviews. Jedes provisorische Bild, das sich ergibt, wird sichtbar und bleibt doch nur Modell.
Trailer: "Der Baader Meinhof Komplex"
Auch Eichingers Geschichtsfilm nimmt für sich eine Erinnerungsarbeit in Anspruch. Sogar von der Aufarbeitung eines kollektiven Traumas ist die Rede. Doch wie bei seinem 2004 ebenfalls für den Oscar nominiertem Film "Der Untergang" erklären seine Bilder nichts, wie sie auch keine Fragen stellen. Illustration und eine pedantische Nachstellung, die ihr größtes Augenmerk auf die Anzahl der verschossenen Patronen legt, füllen nicht die Lücken des Verdrängten. Im Gegenteil, sie stellen sich vor die klaffenden Löcher und überdecken den ungesicherten Bereich. Also jene Gebiete in diesem schwierigen Terrain, wo die Fragen bohren und die Kunst ansetzen könnte.
Das Neue Deutsche Kino der siebziger Jahre, an das heute nur ungern erinnert wird, interessierte sich vielleicht manchmal zu sehr für diese wunden Punkte. Und Helden gab es bei einem Fassbinder schon gar nicht zu bestaunen, dafür eine Menge kaputter Typen. Und doch bleiben seine Werke gerade im Ausland erstaunlich lebendig. Interessant, dass auch ein ebenfalls für den Oscar nominierter deutscher Kurzfilm ein historisches Trauma zum Thema hat - und dabei eine offensiv-poetische Annäherung sucht: Jochen Alexander Freydank erzählt in seinem gleichnamigen Film von einem "Spielzeugland", in das man, wie ein kleiner Junge erzählt bekommt, die jüdischen Nachbarn gebracht haben will. Wie mag ein Kind sich diesen Ort wohl vorstellen? Auch das ist eine Kino-Frage.
Groß sind die Chancen bei den Oscars für den "Baader Meinhof Komplex" nicht. Der deutsche History-Thriller gilt als Außenseiter neben dem französischen Cannes-Gewinner "Die Klasse".
Spannend aber wird es jedenfalls am 22. Februar, die Favoriten in den Hauptkategorien sind einfach zu gut: Da ist "Frost/Nixon", dieses vor Spannung knisternde Kammerspiel über die Begegnung eines gefallenen Präsidenten und eines aufstrebenden Talkmasters. Oder David Finchers neuestes Kunststück über ein Kind, das zur Zeit des Ersten Weltkriegs im Körper eines Greises geboren und immer jünger wird: "Der seltsame Fall des Billy Button". Der Brite Danny Boyle schließlich hat in Indien mit "Slumdog Millionär" eine soziale Tragikomödie gedreht wie von De Sica. Ausgerechnet die Fernsehshow "Wer wird Millionär" inspirierte das Szenario, was wieder einmal beweist: Aus allem kann ein guter Regisseur ein Kunstwerk schaffen.
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