Eigentlich ist Sergeant James Crowley des Rassismus unverdächtig. Der Bostoner Polizeibeamte hat in der Vergangenheit Kollegen darin unterrichtet, rassische Diskriminierung zu vermeiden. Dennoch ist Crowley jetzt in den USA zu einem bekannten Gesicht des Alltagsrassismus geworden.
Grund ist, dass Crowley in Ausübung seines Dienstes am 16. Juli an den Falschen geriet. Crowley verhaftete einen der prominentesten schwarzen Intellektuellen des Landes wegen mutmaßlichen Einbruchs, als dieser versuchte, in sein eigenes Haus zu gelangen. Für den Verdächtigen, den Direktor des Instituts für Afro-Amerika-Studien an der Harvard -Universität Henry Louis Gates, schien der Vorfall die in der schwarzen Community weit verbreitete Vermutung zu belegen, dass Schwarze in Amerika prinzipiell der Kriminalität verdächtig sind. Er werde einen Dokumentarfilm über das sogenannte "racial profiling" drehen, kündigte Gates noch in Handschellen an, und Crowley werde noch von ihm hören. Die Beteuerungen des Beamten, er sei nur der Dienstvorschrift gefolgt, wollte im Fall Gates kein Mensch hören. Nicht einmal Präsident Obama, der ihn einer "großen Dummheit" bezichtigte.
Es mag sein, dass am 16. Juli rassistische Stereotype bei Crowley unbewusst eine Rolle gespielt haben, doch dass sich Gates über den Zwischenfall derartig echauffiert, kommt überraschend. Gates gilt unter schwarzen Wortführern als gemäßigte Stimme. Seinem Widerpart, dem zornigen Cornell West, der nicht weniger als die Revolution fordert, setzte Gates stets das Modell des Aufstiegs innerhalb der US-Gesellschaft entgegen. Er ist ein typischer Vertreter der etablierten schwarzen Mittelschicht, die zwar bestehende Ungleichheit anprangert, deren Ziel jedoch eine "perfektere Union" ist, wie auch Obama sie fordert und nicht etwa deren Umsturz.
In seiner wissenschaftlichen Arbeit versuchte Gates eine eigene Theorie der afro-amerikanischen Literatur zu entwickeln. Die Strategie der schwarzen Literatur in Amerika, schrieb er in seinem Hauptwerk "The Signifying Monkey" sei analog der Überlebensstrategie der Schwarzen in der Gesellschaft: Es gehe darum, der weißen Mehrheit deren Stereotypen überzeichnet zurück zu spiegeln und diese dadurch als Vorurteile zu entlarven. Am Ende sollte auf allen Seiten die Erkenntnis stehen, dass "Rasse" keine brauchbare Kategorie ist, um Menschen einzuordnen.
Trotz dieser Grundhaltung gab sich Gates in den vergangenen Jahren zunehmend kämpferisch. In seiner Fernsehserie "African-American Lives" rekonstruierte er - zum Teil mit Hilfe von DNA-Analysen - die Stammbäume prominenter Afro-Amerikaner und konfrontierte sie vor der Kamera mit ihrer afrikanischen und ihrer Sklaven-Vergangenheit. Die Serie rief Befremden hervor, schien sie doch eine schwarze Identität nicht nur kulturell, sondern auch im biologischen Sinn zu bestätigen.
Auch Gates publizistische Tätigkeit in jüngster Zeit zeugte von einer Verhärtung seiner Haltung. Während des Wahlkampfes im vergangenen Jahr gründete er das Nachrichtenportal "The Root", das als Alternative zu den Mainstream-Medien eine schwarze Gegenöffentlichkeit herstellen sollte. Mit anderen Medien als "The Root" oder schwarzen Journalisten wie Tavis Smiley weigerte sich Gates fortan zu reden. Die Auffassung, dass Amerika eine "schwarze" Stimme brauche, die der angeblich "weißen" Stimme der Mehrheitskultur entgegengesetzt wird, trug Gates ebenfalls Kritik ein.
Eines der intellektuellen Vorbilder von Barack Obama scheint sich in dem Moment zu radikalisieren, in dem mit Obama der Silberstreif einer post-rassistischen amerikanischen Gesellschaft am Horizont auftaucht. Und der gute Sergeant Crowley muss als Prügelknabe herhalten.
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