A 3 Frankfurt - Köln: Parkplätze und Raststätten tragen, wie überall an den deutschen Autobahnen, Namen alter Flurbezeichnungen oder heißen nach Orten der Umgebung "Epgert" oder "Sessenhausen". Einige Kilometer nördlich von Montabaur aber verweisen blaue Schilder mit gekreuztem Essbesteck auf eine Raststätte "Landsberg an der Warthe". Einen Ort namens "Landsberg" gibt es hier nicht, und die Warthe ist ein Zufluss der Oder und liegt seit 1945 auf polnischem Gebiet. Hat die Autobahnverwaltung irrtümlich ein Raststättenschild aus der Umgebung der bayerischen Stadt Landsberg am Lech im hohen Westerwald montiert? Mitnichten, sagt Rudolf Rosenberger vom Autobahnamt Montabaur. Gemeint sei tatsächlich das polnische Landsberg an der Warthe, seit 1945 Gorzow Wielkopolski. Aber warum trägt eine Raststätte in Rheinland-Pfalz den Namen einer Stadt jenseits der Oder? Rosenberger vermutet, dass der Name auf Vertriebene zurück geht, die nach dem Krieg dort angesiedelt wurden. Bis 1964 habe die Anlage jedenfalls nach einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe "Kutscheider Hof" geheißen.
Ida Brüse aus der Westerwaldgemeinde Sessenhausen weiß mehr. Ihrer Familie gehört der Kutscheider Hof, auf dessen Land in den fünfziger Jahren der Parkplatz angelegt wurde. Später kam ein Kiosk hinzu. 38 Jahre verkaufte Ida Brüse dort Getränke, Brötchen und Kuchen. "Das war der schönste Autobahnparkplatz Deutschlands", begeistert sie sich noch heute. Groß war ihre Überraschung als im Frühjahr 1965 ein Mitarbeiter der Autobahnmeisterei verkündete, der Rastplatz heiße ab sofort nicht mehr "Kutscheider Hof" sondern "Landsberg an der Warthe". "Überall wurden damals Autobahnparkplätze umbenannt", erinnert sich Frau Brüse, "der Verkehrsminister dachte wohl, das wird noch mal was mit den Ostgebieten."
Bundesverkehrsminister war Hans-Christoph Seebohm (CDU), nebenamtlich Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Wenn in den Nachkriegsjahren in Osteuropa oder unter westdeutschen Linken das Gespenst eines deutschen Revanchismus umging, diente die Person Seebohms als leibhaftiger Beweis. Die Tschechoslowakei, Polen und die Sowjetunion sollten sich ja nicht der Hoffnung hingeben, die Deutschen hätten das Land jenseits von Oder und Neiße abgeschrieben, so die oft wiederholte Kernthese Seebohmscher Sonntagsreden.
Im Bonner Auswärtigen Amt hörte man das mit gemischten Gefühlen. Töne, wie sie Seebohm regelmäßig von sich gab, passten schlecht zur offiziellen Politik, wonach es keine gewaltsamen Veränderungen von Grenzen in Europa geben sollte. Aber anders als die DDR weigerte sich die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Statt dessen buhlten sowohl CDU wie SPD um die Stimmen der Millionen Vertriebenen.
Im Bundesverkehrsministerium in Berlin existieren keine Akten mehr aus der Ära Seebohm. Immerhin weiß man dort, dass "Landsberg an der Warthe" nicht der einzige Ort an westdeutschen Autobahnen ist, der auch heute noch an ehemals ostdeutsche Städte erinnert: So gesehen liegt Pommern an der A 2 ( Parkplätze "Kolberg" und "Stettin" bei Hamm-Uentrop), Ostpreußen bei Gelsenkirchen (Parkplatz "Allenstein"), "Königsberg" bei Aachen, "Preußisch Eylau" südlich von Bremen und "Tilsit" zwischen Köln und Leverkusen.
Im Bundesarchiv in Koblenz findet sich schließlich in einem schmalen Leitz-Ordner die Geschichte dieses besonderen Stücks westdeutscher Erinnerungskultur: In einem Schreiben im September 1964 "ersucht" Seebohm die Straßenbaubehörden der Länder, in jedem Bundesland "zunächst drei" Autobahnrastplätze, in Absprache mit örtlichen Vertriebenen-Organisationen nach ehemals ostdeutschen Städten zu benennen. Nicht alle Länder machten mit. Nordrhein-Westfalen benannte fünf Rastplätze neu, Rheinland- Pfalz und Niedersachsen je einen. In den folgenden Jahren gab es seitens der Vertriebenenorganisationen immer wieder Vorstöße zu weiteren Umbenennungen, die aber von Seebohms Nachfolger Georg Leber (SPD) abgeblockt wurden.
Die Absicht, mit diesen Benennungen den deutschen Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete aufrechtzuerhalten, waren Teil einer weit verbreiteten Erinnerungskultur: Viele westdeutsche Städte übernahmen zum Beispiel sogenannte Patenschaften für ehemals deutsche Orte jenseits von Oder und Neiße und benannten Straßen und Plätze nach ihnen. Heute sind diese ursprünglich aus "revisionistischem" Geist geborenen Patenschaften in vielen Fällen zu ganz normalen Städtepartnerschaften mutiert.
Den meisten Reisenden fallen die blauen Schilder mit der Aufschrift "Rastplatz Tilsit" oder "Allenstein" neben den Bänken, Mülltonnen und WC-Häuschen an den Autobahnen auch nicht mehr auf. Aber es gibt Ausnahmen wie die ältere Dame, die auf ihrem Weg von Pforzheim nach Duisburg regelmäßig in "Landsberg an der Warthe" einkehrt: "Das ist meine Heimat in Ostbrandenburg. Deshalb müssen wir hier immer Pause machen."
Auch sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sorgt der Umgang mit der Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Verlust der Gebiete östlich von Oder und Neiße immer wieder für innenpolitische Diskussionen und außenpolitische Verstimmungen. Während der Bund der Vertriebenen den Deutschen aus Ostpreußen, Pommern, dem Sudetenland und anderen Regionen Osteuropas am liebsten einen Opferstatus ähnlich dem der ermordeten Juden zuerkennen möchte, beharrt vor allem Polen darauf, Ursache und Wirkung zu benennen: Vertreibungen und Gebietsverluste waren Folge des deutschen Angriffs- und Vernichtungskriegs gegen die osteuropäischen Nachbarn.
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