Es war ein hektisches Jahr für Johnny Borell. Zuerst musste er das Scheitern seiner Beziehung mit Hollywood-Star Kirsten Dunst verwinden, dann Gerüchte verkraften, er hätte einen Hang zu ungesetzlich jungen Gespielinnen, und sich außerdem jede zweite Nacht völlig verschwitzt in einem anderen Nachtclub fotografieren lassen. Schließlich blitzte er auch noch ab bei Tennisprofi Maria Sharapowa und die Boulevard-Presse dichtete ihm stattdessen eine Affäre mit der damals erst 17-jährigen "Harry Potter"-Darstellerin Emma Watson an. Und ganz nebenbei musste der Glamourboy des britischen Gitarrenpop, der fast immer in weißem T-Shirt und weißer Jeans auf die Bühne geht, auch noch ein neues Album für seine Band Razorlight schreiben.
Das Ergebnis heißt "Slipway Fires" und wirkt nun leider tatsächlich bisweilen wie ein lästige Verpflichtung. Oder eine eher abwesend zusammengeschusterte Sammlung von Abfallprodukten des vorausgegangenen Erfolgsalbums "Razorlight", mit dem das Quartett vor drei Jahren den globalen Durchbruch schaffte.
Poetische Weiterentwicklung
Schon an dieser Platte wollte damals mancher Kritiker herummäkeln, wurde aber von der normativen Kraft des Faktischen überrollt. Das Album produzierte gleich fünf eingängige Hitsingles, die alle Eigenschaften eines hoch ansteckenden Virus entwickelten, verkaufte mehrere Millionen Exemplare und beförderte Razorlight zu Fußballstadien füllenden Rockstars.
Diesen Aufstieg verarbeitet der berüchtigt egozentrische Borrell nun auf "Slipway Fires" und nimmt dazu die Haltung eines vom Leben geschüttelten, zu unergründlicher Weisheit gelangten Frühvergreisten ein. Das stark autobiografische "North London Trash" handelt von seinen prägenden Jugendjahren: Doch im Gegensatz zu seinem damaligen Kumpel und Bandkollegen, der drogenabhängigen Skandalnudel Pete Doherty, hat es Borrell, wie er singt, zu einer "gut gebauten Freundin und einer Börse voller Bargeld" gebracht. Außerdem beschimpft er den "Tabloid Lover", der seine in der Regenbogenpresse dokumentierten Eskapaden allzu gierig konsumiert.
So stolz ist der mittlerweile 28-jährige Borrell auf seine poetische Weiterentwicklung, dass er gar angedroht hat, mit dem tätowierten Textauszug "She lives on disillusion row" aus der ersten Single "Wire To Wire" seinen literarischen Ambitionen auf der eigenen Haut ein Denkmal zu setzen - ungeachtet der Tatsache, dass die Zeile nur eine recht platte Anspielung auf die "Desolation Row" des von Borrell überaus verehrten Bob Dylan ist.
Wie jetzt? Miese Songs?
Außerdem hat Borrell höchstselbst errechnet, dass er für "Slipway Fires" eine Textmenge von 3789 Wörtern zusammen geschrieben hat, während das Vorgängeralbum nur 3008 aufzuweisen hatte. Gerade diese Wörter aber sind zunehmend umstritten: Nicht nur nachkartende Kritiker stellen nun plötzlich unisono fest, dass Borrells textliche Ergüsse schon immer von eher minderer literarischer Qualität gewesen seien. Auch auf YouTube kursieren mittlerweile Versionen von Razorlight-Songs, die die dichterischen Fähigkeiten von Borrell karikieren.
Zudem sind die Songs von "Slipway Fires", wiewohl stets geschmackvoll arrangiert mit stimmungsvollem Klavier, vorsichtig flirrenden Akustikgitarren oder harmoniesüchtigen Backgroundchören, lange nicht mehr so ansteckend hitverdächtig wie das ältere Material. In ihren besten Momenten, fand die hämische britische Musikpresse, erreichten Razorlight die Qualitäten von Fleetwood Mac, in ihren schlechtesten die von Whitesnake. Selbst die ehrwürdige Times glaubte in "Wire To Wire" den miesesten Song des Jahres entdeckt zu haben. Es scheint fast so: Inmitten all der Hektik des vergangenen Jahres hat Johnny Borrell verzweifelt versucht erwachsen zu werden. Doch das Alter, muss man feststellen, steht auch ihm nicht.
Live: 15.4. Köln, 18.4. Hamburg, 20.4. Berlin
Razorlight: "Slipway Fires"
(Mercury / Universal)
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