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Rechtschreibreform: Laufende Reparaturarbeiten

Zehn Jahre Rechtschreibreform - ein Jubiläum, bei dem es nicht viel zu feiern gibt. Von Christian Schlüter

Britische Geister kennen kein ß: Alphabet, entstanden auf einer Séance 1869 in England.
Britische Geister kennen kein ß: Alphabet, entstanden auf einer Séance 1869 in England.
Foto: dpa

Seit der Diskussion um die deutsche Wiederbewaffnung dürfte es wohl keinen vergleichbaren medialen Aufruhr und dermaßen erhitzte Gemüter mehr gegeben haben: Vor genau zehn Jahren, am 1. August 1998, begann die Einführung der Rechtschreibreform in Deutschland. Nach zahlreichen Protesten und Änderungen hat sich nur ein kleiner Teil des Reformwerks durchsetzen können. In ihrer Mehrheit lehnen die Deutschen die neue Rechtschreibung nach wie vor ab.

Dabei sollte das, was die staatlichen Vertreter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am 1. Juli 1996 als gemeinsame Absichtserklärung unterzeichneten, zu einer "grundsätzlichen" Erneuerung und dabei vor allem zu einer Vereinfachung der von zahllosen Regeln und ebenso vielen Ausnahmen bestimmten Orthografie führen.

Mehr noch, die richtige Schreibweise sollte nicht länger nur durch Vokabelpauken erlernt werden, sondern sich auch durch logisches Schlussfolgern ermitteln lassen - so wie sich etwa der "Stängel" als Teil einer Pflanze aus dem Substantiv "Stange", nun ja: irgendwie erschließt.

Erstaunlicherweise blieb die trilaterale Absichtserklärung von den Medien weitestgehend unberücksichtigt. Als es mit der Reform 1998 dann tatsächlich los gehen sollte, war oder tat man jedenfalls sehr überrascht. Denn jetzt fing der Rummel an. Etliche Schriftsteller protestierten.

Zahllose Gutachten begannen zu kursieren. In Schleswig-Holstein stellten sich die Bürger in einem Volksentscheid mehrheitlich gegen die Reform, was die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis allerdings unbeeindruckt ließ. Im Jahre 2000 schließlich kehrte die Frankfurt Allgemeine Zeitung mit viel Gewese - und zunächst folgenlos - zur alten Rechtschreibung zurück.

2004 aber sprach sich der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff öffentlich gegen die Reform aus. Ein Dammbruch: Beifall brandete von allen Seiten, Politiker aller Couleur meldeten auf einmal ihr Unverständnis an. Und als auch noch mit der Axel Springer AG und dem Spiegel Verlag zwei der einflussreichsten Medienhäuser ankündigten, dem Beispiel der FAZ zu folgen, schienen die Tage der ehrgeizigen Rechtschreibreform gezählt.

Doch, es sollte nichts nutzen, die Reformer schritten voran, und die Duden-Redaktion versorgte das Sprachvolk zuverlässig mit den neuesten Irrungen und Wirrungen.

Die Geschichte der Rechtschreibreform ist somit auch eine Mediengeschichte - und hinterlässt vielleicht eine kleine Enttäuschung in Hinblick auf die Ohnmacht der gerne beschworenen vierten Gewalt im Staate. Immerhin, ein von der Kultusministerkonferenz einberufener Rat für deutsche Rechtschreibung nahm sich des Reformwerks noch einmal an und stellte Anfang 2006 einen reformierten Reformentwurf vor.

Die Änderungen betrafen insbesondere die umstrittene, zu Teilen widersinnige Groß- und Kleinschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung. Und dann war es soweit: Am 1. August 2006 wurden die neuen Regeln in den Schulen eingeführt.

Inzwischen hat der Vorsitzende des Rechtschreibrates und ehemalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair weitere Korrekturen angekündigt - "Spaghetti" mit oder ohne "h" und solche Fragen sorgten halt immer noch für Verwirrung. Seine Bilanz aus zehn Jahren Reformanstrengung: "Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen."

Ein flammendes Bekenntnis klingt anders, erstaunlich ist vor allem Zehetmairs Verweis aufs Grundsätzliche. Ja, selbstverständlich lässt sich immer bezweifeln, ob eine durch ihren täglichen Gebrauch in steter Veränderung begriffene und zugleich bestimmte, also lebendige Sprache "überhaupt" in ein Regelkorsett zu pressen ist.

Nicht weniger grundsätzlich ist noch ein Einwand, der sich in den vergangenen Tagen wieder Luft verschaffte: Die Reform führe zu einer Art Proletarisierung der Schriftsprache, weil sie sich durch Vereinfachung ("Delfin" statt "Delphin" oder "Maläse" statt "Malaise") bei bildungsfernen Schichten beliebt zu machen trachte, weshalb das Deutsche seiner ehrwürdigen Herkunft, gewissermaßen seines kulturellen Adels beraubt werde. Doch zeigen solche Einwände nur, dass es eine ideologiefreie Beschäftigung mit der Rechtschreibung nicht geben kann - und darf. Schließlich ist unsere Sprache der maßgebliche Kulturträger.

Etwas pragmatischer im Ansatz hat unlängst der Germanist Uwe Grund in einem Gutachten darzulegen versucht, dass seit der Reform die Rechtschreibfehler bei Schülern eklatant zugenommen haben - in Abituraufsätzen sogar bis zu 120 Prozent. Die Groß- und Kleinschreibung, so Grund, vor allem aber die Schreibung des s-Lautes ("s", "ss", "ß") bereite immer noch große Schwierigkeiten.

Gewiss möchte man all jenen beipflichten, die unsere Schüler als keineswegs zu dumm für die Neuregelung halten, doch umgekehrt folgt daraus nicht, dass die Reform zu blöd für die Schüler sei. Denn zumindest, was die s-Laute angeht, sind die Regeln doch eher einfach.

Lehrpläne hin oder her, auch in den Schulen sind die Widerstände gegen die Reform vielfältig. Und außerhalb von Schulen und Behörden schreibt ohnehin jeder, wie er will. Wir gönnen uns den Luxus mehrerer nebeneinander existierender und dabei "erlaubter" Schreibweisen. So gesehen war und ist die Rechtschreibreform auch ein Beitrag zur Vielfalt unserer Sprache. Oder schlicht der Beweis ihrer unerschütterlichen, bisweilen fröhlichen Anarchie.

Autor:  CHRISTIAN SCHLÜTER
Datum:  1 | 8 | 2008
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