Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

24. Februar 2016

Rechtspopulismus: „Rechtspopulisten sind nicht koalitionsfähig“

 Von Michael Hesse
Der Rechtspopulismus ist ein sehr großes Problem unserer Zeit.  Foto: dpa

Der Politologe Colin Crouch spricht im Interview mit der FR über die Bedrohung durch den Rechtspopulismus, den Unsinn des Neoliberalismus und das Dilemma der Sozialdemokratie.

Drucken per Mail

Herr Crouch, versagt die heutige Sozialdemokratie darin, dem Schutzbedürfnis der Menschen zu entsprechen, was diese dann in die Arme der Rechtspopulisten treibt?
Die Sozialdemokratie ist sehr schwach geworden, weil sie einen großen Teil ihrer Wähler, die traditionelle Arbeiterklasse, verloren hat. Die von der Sozialdemokratie diskutierten Fragen haben dennoch weiterhin eine große Relevanz für die Menschen. Etwa die Tatsache, dass der Markt an sich keine Allgemeingüter schaffen kann, die Menschen diese aber benötigen. Das ist eine Hauptfrage des Liberalismus. Die Sozialdemokratie ist historisch der wichtigste Träger dieser Frage, aber sie wird in der Tat immer schwächer.

Ist das Schutzbedürfnis der Menschen in Zeiten der Globalisierung der Grund, dass sie sich in die Arme der Rechtspopulisten werfen?
Der Rechtspopulismus ist ein sehr großes Problem unserer Zeit. Er hat zwei sehr unterschiedliche Ursachen. Auf der einen Seite ist er eine Folge des Neoliberalismus, der Tatsache also, dass die Staaten keine Souveränität mehr in Bezug auf die globalen ökonomischen Entwicklungen haben. Das ist ein Problem für Menschen, die in ihrem Land und ihrer Nation die Ursache für ihre Rechte und ihre Freiheiten sehen. Zum anderen führt die Krise in der islamischen Welt mit ihren Folgen wie etwa dem Terrorismus dazu, dass der Rechtspopulismus so stark ist. Beide Ursachen wirken zurzeit zusammen und erzeugen Fremdenfeindlichkeit. Deshalb gibt es in fast jedem Land diese Bewegung.

Was kann man tun?
Es gibt eine Wahlmöglichkeit für die Neoliberalisten. Haben sie es lieber, mit rechtspopulistischen Parteien eine Koalition zu bilden und sich gegen die Sozialdemokratie zu stellen, oder ist es besser für den Neoliberalismus, mit den Sozialdemokraten zusammenzugehen. Denn man muss wissen, dass die neuen Nationalisten die Hauptfeinde des Neoliberalismus sind. Hingegen haben die Sozialdemokraten und die Neoliberalen als Schnittmenge den Liberalismus. Wir sehen aber, dass von den Neoliberalen, etwa in Dänemark oder in Norwegen, die Sozialdemokraten als politischer Hauptgegner gesehen werden. In beiden sozialdemokratisch geprägten Ländern arbeiten die Konservativen und Liberalen lieber mit Rechten als mit Sozialdemokraten zusammen. Die Neoliberalen sollten sich das gut überlegen.

Eine deutsche Firma produziert in Malta.  Foto: REUTERS

Gibt es die Gefahr, dass die Rechten sich dauerhaft etablieren? Wie in den 20er Jahren?
Es gibt die Befürchtung. Aber wir haben noch die Wahl, dies zu verhindern. Es ist interessant, dass Deutschland das Land ist, in dem der Rechtspopulismus am schwächsten ist, auch wenn er anwächst. Anders als in Frankreich, Großbritannien, Skandinavien oder Polen. Wir kennen die Geschichte der 20er und 30er Jahre, das hilft. Die rechtspopulistischen Bewegungen haben zudem immer internen Streit. Weil sie nicht demokratisch sind, können sie ihre internen Auseinandersetzungen schwer beilegen. In Österreich und den Niederlanden gab es bereits Versuche der Zusammenarbeit von Konservativen und Rechten. In beiden Fällen haben sich diese Koalitionen gespalten, auch wegen der internen Probleme der Rechtspopulisten. Sie sind nicht koalitionsfähig, einfach weil sie nicht tolerant sind. Das ist ihr Merkmal, Abwesenheit der Toleranz. Sie können nur gewinnen, aber nicht mitarbeiten. Deshalb könnte es sein, dass sie allmählich wieder verschwinden.

Zur Person
Prof. Colin Crouch.

Colin Crouch, geboren 1944 in London, ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Sein jüngstes Buch erschien im vergangenen Herbst: „Die bezifferte Welt: Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ (Suhrkamp, 250 Seiten, 21,95 Euro). Dass es mit dem Kapitalismus schlechter bestellt ist als angenommen, diskutierten Wissenschaftler an der Universität Wuppertal. Unter dem Titel „Jenseits des Kapitalismus“ sprachen auf Einladung des Philosophen Smail Rapic und des Soziologen Wolfgang Streeck die Nachfolger der Frankfurter Schule wie Claus Offe, Lutz Wingert oder Hauke Brunkhorst mit Politikwissenschaftlern, unter ihnen Colin Crouch.

Wie macht man das? Muss man mit den Rechten diskutieren oder soll man ihnen gegenüber klarstellen, dass man mit ihnen nichts zu tun haben will?
Man muss zuhören, wenn nicht die Rechtspopulisten, wohl aber ihre Wähler über ihre Ängste sprechen. Es gibt viele Menschen, vielleicht mehr unter den jüngeren, die gerne in einer multikulturellen Gesellschaft leben wollen. Sie sehen darin viele Vorteile und sehen keine besonderen Unterschiede zwischen sich selbst und anderen. London ist die multikulturellste Großstadt Europas. Es ist zugleich die Stadt in Europa, in der die Rechtspopulisten die geringste Unterstützung haben. Aber es gibt Menschen, die Angst haben, dass im Arbeitsmarkt Nachteile für sie durch Zuwanderung entstehen. Etwas anderes ist die Sorge wegen des islamischen Terrorismus, das ist ein großes Problem.

Was kann man noch tun?
Die Rechtspopulisten sagen immer: Wir sind die echten Deutschen. Und sie sagen: Es gibt eine politische Klasse, die sich von der Bevölkerung weit entfernt hat und lügt. Das sagten schon die verstorbenen Rechtspopulisten Pim Fortuyn in den Niederlanden oder Jörg Haider in Österreich. Hier könnten die Eliten sehr viel tun. Allerdings sind diese Rechtspopulisten auch eine kleine Elite, auch wenn sie sich anders zu geben versuchen und mit den Leuten in der Kneipe ein Bier trinken gehen.

Es gibt ebenfalls die Zerstörungskraft des Neoliberalismus, hervorgerufen auch durch technologischen Fortschritt. Die Sozialdemokratie hat ihre Wähler verloren. Wie ist es mit dem Mittelstand, ist auch er bedroht durch künstliche Intelligenz und Roboter?
Wir wissen nicht, ob die Technologie mehr Arbeitsstellen schafft als sie zerstört. Bis heute sind technologische Fortschritte gut gewesen für die Mehrheit der Bevölkerung. Natürlich gibt es Zeiten der Unsicherheit, aber in der Regel schafft sie mehr Stellen und bessere Stellen. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, so wie es einige behaupten. Sie glauben, dass wir am Ende dieses Prozesses stehen. Aber wir wissen das nicht. Klar ist doch, dass der Kapitalismus ohne unsere Konsumfähigkeit nicht auskommt. Wir kleinen Leute müssen konsumieren können, sonst muss sich der Kapitalismus etwas einfallen lassen. Er braucht uns, unsere Arbeit und unsere Kaufkraft.

In Ihrem Buch zeichnen Sie ein sehr negatives Bild des Neoliberalismus.
Ich bin ein Gegner des Neoliberalismus, weil ich einige seiner Hypothesen für unsinnig halte. Ich glaube, dass eine Marktwirtschaft die besten Möglichkeiten für den Menschen bietet. Wir kennen keine besseren Alternativen. Der Neoliberalismus trägt im Kern den Liberalismus, der trägt keine Fremdenfeindlichkeit mit sich. Der Neoliberalismus läuft in die falsche Richtung, er glaubt nicht, dass der Markt Korrekturen braucht. Doch in Wahrheit benötigt er sie in der Art und Weise, wie es heute in der sozialen Marktwirtschaft der Fall ist. Wir beobachten nun, dass die Neoliberalen sich immer weiter nach rechts, die Sozialdemokraten weiter nach links bewegen. Selbst in den USA gibt es mit Bernie Sanders eine linke Bewegung. Das alles ist eine bedenkliche Entwicklung.

Was ist die Antwort? Nationalisierung statt Globalisierung?
Wir brauchen eine regulierte Globalisierung. Wenn stattdessen die Nationen versuchen, sich durch Schutzzölle gegen die Globalisierung abzuschotten, befinden wir uns in einer Situation wie in den 20er und 30er Jahren. Das führt zu furchtbaren Verhältnissen zwischen den Staaten. Nach der Krise von 2008 wurde das vermieden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Globalisierung uns gute Dinge bringt. Die Menschen in China und Indien können gute Produkte von uns kaufen und wir von ihnen. Wenn wir gegen die Globalisierung sind, sagen wir gleichzeitig, dass wir für die Produkte mehr zahlen wollen. Wir brauchen eine regulierte Globalisierung, die gegen schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen vorgeht. Das ist unsere Chance.

Interview: Michael Hesse

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Weich

Die „Weiche“ heißt „Weiche“, weil sie den beweglichen, nachgiebigen, „weichen“ Vorgang des Ausweichens erlaubt.

Heute: Das Times mager würde sich dem Verdacht einer Intelligenzquotientenabweichung um mindestens minus fünf bis zehn Punkte aussetzen, hätte es nicht mit all seinen Mitteln recherchiert. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 28. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 28. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 27. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 27. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 26. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 26. September 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps