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26. Januar 2016

Regensburger Domspatzen: Matte Reaktion auf massenhaften Missbrauch

 Von Stephan Goertz
Klein der Mensch, groß die Kirche. St. Peter in Regensburg.  Foto: epd

Der massenhafte Missbrauch von Kindern bei den Regensburger Domspatzen scheint die inner- und außerkirchliche Öffentlichkeit nicht zu berühren. Täter im hiesigen sozialen Kontext rücken in den Hintergrund.

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Wenn zu verschiedenen Zeiten das gleiche geschieht, muss es nicht dasselbe bedeuten. Als im Januar 2010 der damalige Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der Jesuit Klaus Mertes, zahlreiche Vorfälle sexueller Gewalt an ehemaligen Schülern öffentlich macht – am Ende sind es rund 100 Meldungen – und daraufhin Woche für Woche an immer neuen Orten neue Fälle aufgedeckt werden, stürzt die katholische Kirche in die größte Vertrauenskrise der Nachkriegszeit. Ihr moralisches Kapital scheint unaufhaltsam und auf lange Zeit verloren zu gehen. Was nicht allein an den Missbrauchsfällen selbst liegt, sondern nicht weniger am zu Tage tretenden institutionellen Versagen im Umgang mit Tätern und Opfern.

Als Anfang Januar dieses Jahres der Rechtsanwalt Ulrich Weber in einem „Zwischenbericht“ von mindestens 231 Kindern spricht, die zwischen 1953 und 1992 bei den Regensburger Domspatzen Opfer von Prügeln oder sexuellem Missbrauch wurden, da sorgt dies zwar noch für ein überregionales Echo, aber für kein mit 2010 vergleichbares Maß an Berichterstattung und Empörung. Eine offizielle Stellungnahme des Bistums zu Webers Bericht steht auch nach Wochen aus. In einer Predigt am 24. Januar aber hat der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer die Arbeit des Sonderermittlers ausdrücklich gewürdigt.

Die inner- wie außerkirchliche Öffentlichkeit scheint des Themas „Kirche und sexueller Missbrauch“ überdrüssig geworden zu sein, die Bereitschaft zur moralischen Entrüstung erschöpft. Seit der Kölner Silvesternacht fokussiert sich die politische Debatte auf eine ganz andere Täter-Opfer-Konstellation. Adressat der Forderung, das uns heilig gewordene Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu achten, ist nicht mehr die katholische Kirche, sondern die als fremd wahrgenommene muslimische Kultur. Im Vergleich dazu rückt das Interesse an Tätern in hiesigen sozialen Kontexten (Familien, Schulen, Sportvereine) in den Hintergrund. Oder erklärt sich die vergleichsweise matte Reaktion auf den massenhaften Missbrauch in Regensburg (die Zahl der Betroffenen wird auf 600 bis 700 geschätzt) mit einem so dramatischen Ansehensverlust der katholischen Kirche, dass ihre moralische Fallhöhe heute als verschwindend niedrig wahrgenommen wird? Das wäre für die Kirche tatsächlich eine dramatische Situation.

Viele Fragen, wenig Interesse

Nicht ausschließen möchte ich eine dritte Deutung: Hat die katholische Kirche nach 2010 womöglich so viel in die Aufarbeitung und Präventionsarbeit investiert, dass zwar noch immer alte Fälle aufgedeckt werden, aber die Institution doch erkennbar aus den Fehlern und Verfehlungen der Vergangenheit gelernt hat? Das Verdrängen und Vertuschen von Fällen musste offiziell eingestanden werden, und wissenschaftliche Forschungsprojekte haben in zahlreichen Ländern schonungslos kirchliche Strukturen und klerikalen Machtmissbrauch kritisiert. Zunächst Papst Benedikt XVI. und dann auch sein Nachfolger Franziskus haben unmissverständlich Stellung bezogen, und sie drängen die Bischöfe seit Jahren, sich mehr um den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu sorgen. Der Vatikan hat eine Kinderschutzkommission eingerichtet, Bischofskonferenzen weltweit sollen Richtlinien zum Schutz vor sexuellem Missbrauch vorlegen, ein neuer vatikanischer Gerichtshof kann Bischöfe belangen, die ihrer Verantwortung in diesem Bereich nicht nachgekommen sind oder die in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen haben.

Diese verschiedenen römischen Maßnahmen stoßen jedoch nicht in allen Teilen der Welt auf Verständnis. Noch immer wird von Bischofskonferenzen berichtet, die um das Thema einen weiten Bogen schlagen und römische Vorgaben mit dem Argument ignorieren, dass es bei ihnen das Problem nicht gebe. Da etwa Homosexualität eine Erscheinung des dekadenten Westens sei, heißt es zum Beispiel in manchen Gegenden Afrikas, könne es im eigenen kulturellen Umfeld gar nicht zu sexuellen Übergriffen von Klerikern auf männliche Jugendliche kommen. Auch die letztjährige Bischofssynode hat die enorme Kluft in der Wahrnehmung und Beurteilung sexualethischer Fragen, wie sie hier deutlich wird, noch einmal drastisch vor Augen geführt.

Die Reaktionen und Maßnahmen der Kirche hierzulande, was sexuellen Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter betrifft, gelten im weltweiten Vergleich als vorbildlich. Dies ist auch denen zu verdanken, die früh begriffen haben, dass an einer umfassenden, unabhängigen und transparenten Aufarbeitung kirchlichen Handelns kein Weg vorbei führt, wenn die Kirche als Institution Vertrauen zurückgewinnen und vor allem den Opfern ein Mindestmaß an Gerechtigkeit widerfahren lassen will.

Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, hat in einem Interview mit der Zeitschrift „Herder Korrespondenz“ 2014 von einem schwierigen kirchlichen Kulturwandel gesprochen. Es gehe um einschneidende Veränderungen im Umgang mit Macht und um ein Überdenken des Priesterbildes. Es sei verheerend, wenn man das eigene kirchliche Heil an den Opfern vorbei in einer Spiritualisierung suche und vorschnell von Umkehr und Versöhnung spreche.

Kirche sieht sich als Opfer

Unterscheidet sich nun der Regensburger Fall von vergleichbaren Fällen der vergangenen Jahre? Auch hier, so darf vermutet werden, haben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Strukturen katholischer Internatseinrichtungen der Nachkriegsjahrzehnte eine entscheidende Rolle gespielt. Das Interesse, das sich momentan auf Regensburg richtet, hat mit besonderen Regensburger Reaktionen auf den Skandal des sexuellen Missbrauchs seit 2010 zu tun. Anders als andere deutsche Bischöfe, wie der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, die schon bald um eine differenzierte kirchliche Selbstwahrnehmung bemüht waren und zur Umkehr mahnten, konnte man in Regensburg den Eindruck gewinnen, die Kirche sehe sich in erster Linie selbst in der Rolle eines Opfers – nämlich von Medienkampagnen. Es wurde durch eine Äußerung des damaligen Bischofs Gerhard Ludwig Müller ein Streit über historische Vergleiche mit der antiklerikalen Propaganda in der Nazizeit entfacht. Es war viel von Einzelfällen und wenig von systemischen Ursachen die Rede. Bereitwillig wurde die Verantwortung auf einen vermeintlich relativistischen und kirchenfeindlichen Zeitgeist abgeschoben.

Noch in diesen Tagen gibt es Stimmen aus dem Bistum, die, entgegen der Haltung des Bischofs, eine erneute Aufarbeitung der Vergangenheit als unnötig und überflüssig bezeichnen. Eine für viele Opfer sicher kaum erträgliche Position, zumal es zu denken gibt, dass viele Fälle überhaupt erst nach der Einsetzung eines unabhängigen Ermittlers bekannt geworden sind. Zuvor hatten zahlreiche Opfer offenbar nicht genügend Vertrauen, sich direkt an das Bistum zu wenden.

Der Zwischenbericht ist für Regensburg auch deshalb brisant, weil die Ereignisse in die Zeit fallen, in der Georg Ratzinger Domkapellmeister der Domspatzen war (1964 bis 1994). Auch wenn er nicht im Mittelpunkt des Skandals steht wie der langjährige Leiter der Domspatzen-Grundschule, der 1992 verstorbene Johann Meier, so hat Ulrich Weber doch die Frage aufgeworfen, in welchem Maße Ratzinger von welchen Übergriffen gewusst hat. Wobei wir nicht einfach von heutigen Verhältnissen auf die Vergangenheit zurückschließen dürfen. Sexueller Missbrauch wurde von einer Mauer des (Ver-)Schweigens umgeben. Die Verlockung war groß, nichts Genaues wissen zu wollen.

Es kann gegenwärtig keinen Schlussstrich geben. Dagegen spricht auch die ausdrückliche öffentliche Bitte von Bischof Voderholzer im Januar 2015 an Betroffene, sich zu melden. Ein Regensburger Sonderweg, wie es ihn zum Beispiel im vorigen Jahr bei der Überarbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts gegeben hat, würde im Falle der Aufarbeitung der Geschehnisse bei den Domspatzen der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in ganz Deutschland schaden. Misstrauen und auch nicht zu leugnende Ressentiments fänden erneut eine Bestätigung. Ich gehe aber davon aus, dass die Mehrheit der deutschen Bischöfe ein eminentes Interesse daran hat, den Fall der Regensburger Domspatzen ohne Ansehen einstiger Verantwortungsträger mit aller Sorgfalt aufzuklären. Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht und fällt mit ihrem Dienst an den Menschen – gerade wenn es um die „Opfer ihrer eigenen ‚Pastoral‘“ (Klaus Mertes) geht.

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