Herr Nel, Ihre Inszenierung des Simplicissimus ist 2005 an Stuttgart entstanden. Sie haben jetzt also gut vier Jahre Abstand dazu. Gab es aus neuen Erkenntnissen, aus einer neuen Situation heraus etwas zu verändern?
Ich habe mir bei den Proben alles noch einmal sehr genau angesehen und die ganze Inszenierung praktisch noch einmal in die Hand genommen. Ich fand unsere Herangehensweise aber nach wie vor plausibel. Veränderungen gibt es in Details, wie immer, wenn man mit neuen Menschen an die Sache heran geht. Aber im Großen und Ganzen handelt es sich um die selbe Inszenierung, den selben Ansatz, die selben Fragen wie in Stuttgart. Wir haben damals sehr gründlich an der Inszenierung gearbeitet, und dann entstehen so schnell keine neuen Perspektiven. Aber es ist schön, noch einmal jedes Detail zu prüfen. Ich kann mir vorstellen, dass es hier und da noch mehr Tiefe gibt.
Christof Nel inszeniert seit den 80er Jahren auch Opern. "Simplicius Simplicissimus" hat er zuvor in Stuttgart gezeigt; die überarbeitete Produktion hat am Sonntag in Frankfurt Premiere.
Die Inszenierung thematisiert auch den historischen Formenbestand des epischen Theaters und zeigt auch eine historisch in den 30er Jahren verortete Oper.
Wir haben Hartmann als einen dezidierten antifaschistischen Komponisten gesehen, der sehr früh sehr genau gewusst hat, was kommen würde und entschieden hat, nicht in die Emigration zu gehen. Die Oper zeigt auch eine Konsequenz daraus: wie ihm in seiner Münchner Wohnung der umgebende Terror auf den Leib rückt. Insofern ist unser Zugang kein formaler und historischer. Wir wollten zeigen, wie dieser Mann dazu kam, am Material des Simplicissimus, also anhand des Dreißigjährigen Krieges zu thematisieren, was ihm selbst widerfährt.
Dieses Hereindringen einer feindlichen Welt in einen ungeschützten Privatraum zeigt einen Zivilisationsbruch an, der das zentrale Motiv der Oper ist. Dass Hartmann die Auflösung jeglicher Normalität schon 1934 mit dem Dreißigjährigen Krieg in Zusammenhang bringt, kann doch nur bedeuten, dass er schon sehr früh geahnt oder gewusst hat, was kommen würde.
Eben weil ihm die Nazi-Herrschaft gleich auf den Leib gerückt ist. Er bekam sehr schnell Aufführungsverbot, und er erfuhr sehr schnell, wie es sich anfühlt, wenn es keine gesellschaftliche Atmosphäre von Menschlichkeit mehr gibt, auf die man sich verlassen kann. Grimmelshausens Roman projiziert das auf die Situation eines Kindes, das Anschluss sucht, das Eltern sucht und Halt im Leben, das wissen will, wie man leben soll und das statt dessen erlebt, dass die Welt voller Mörder ist. Es geht um eine schwere traumatische Erfahrung.
Ihre Inszenierung sucht also weniger Bilder für den Zivilisationsbruch als vielmehr für das psychische Trauma der Hauptfigur, das ja auch sehr stark von der Musik transportiert wird.
Was die Musik anbelangt, haben wir uns nachdrücklich für die ältere Fassung entschieden. Hartmann hat in den fünfziger Jahren eine wesentlich üppiger instrumentierte, pathetischere Orchesterfassung für die große Bühne hergestellt mit einer umfangreichen Ouvertüre. Wir haben uns dagegen entschieden. Das Trauma, das Verletzliche, das Zerbrechende ist in der frühen Fassung viel authentischer.
Die Klangfarben dieser Fassung erinnern ein wenig an Strawinskys "Geschichte vom Soldaten", auch ein Stück Kriegs-Musiktheater.
Diese Musik ermöglicht auf der Bühne viel mehr Präzision, und dass wir dem Kern der Geschichte zugewandt bleiben und uns nicht ablenken lassen. Dieses Lapidare, das auf viele Worte und auf jeglichen Schnörkel verzichtet, birgt für uns gerade jetzt bei der Überarbeitung der Inszenierung ein ungemein starkes Erlebnis. Dass die Präzision, mit der Hartmanns Musik Spannungen herstellt, nie nachlässt, nie nachgibt, ist gerade in dieser durchsichtigen Instrumentation beeindruckend. Dass er an bestimmten Stellen als Komponist verstummt, erscheint dann überaus konsequent.
Sie meinen das Strawinsky-Zitat und den Bach-Choral?
Er setzt diesen Choral "Nun ruhen alle Wälder" als Moment der Sehnsucht nach Geborgenheit und durchkreuzt ihn sehr vorsichtig, aber es bleibt klar, dass diese Musik nicht seine Erfindung ist.
Als der Choral entstand, war der Dreißigjährige Krieg etwa so lange her wie für uns der Zweite Weltkrieg. Es muss in den Familienerzählungen noch starke Erinnerungsspuren gegeben haben.
Genau. Bach war diesen Ereignissen noch recht nahe. Eine andere Stelle, in der Hartmann sich der Zeit nähert, ist die Rezitation des Gryphius-Gedicht. Da schweigt sogar das Orchester. Hartmann zieht sich zurück und lässt etwas Anderes sprechen. Das ist eine große und sehr moderne Geste. An einer anderen Stelle rekurriert er anhand eines Liedes auf die Zeit der Bauernkriege. Er stellt also rein musikalisch schon sehr pointierte historische und politische Bezüge her. Auch etwa durch das direkte Zitat aus Strawinskys "Sacre du printemps".
Man hätte zum Thema des Zivilisationsbruchs auch aktuelle Bilder finden können, etwa aus Afghanistan. Sind Sie da nicht in Versuchung gekommen?
Man muss sich ja immer fragen: Für wen sind die Bilder auf der Bühne eigentlich - richten sie sich primär an die Zuschauer und muss man Analogien für ihre eigene Umgebung finden? Oder geht es darum zu zeigen, was die Figuren auf der Bühne erleben? Bei einer Szene wie dem Sprechchor zum Beispiel, in dem es um die schrecklichen Dinge geht, die Landsknechte tun, haben wir völlig auf äußere Bilder verzichtet, weil sich in den Figuren auf der Bühne alles spiegelt, was für diese Szene wichtig ist. Wenn man zu Analogie-Bildern greift, kann man alles viel leichter abnicken.
Interview: Hans-Jürgen Linke
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen