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Regisseur Petzold im Interview: Handapparat für den Film

Ein Gespräch mit Christian Petzold über das Kino als gesellschaftliches Ereignis.

In Deutschland entstehen heute hauptsächlich realistische Filme. Sie sind fast der einzige Regisseur, der in seine Filme Elemente des Phantastischen einbaut...

"Jerichow" ist aber doch wirklich ausgesprochen materialistisch! Wenn es darin etwas Überwirkliches gibt, kommt es daher: Wenn Leute anfangen zu begehren, machen sie sich die Welt ganz klein, zu einer winzige Scholle. Man wird ja auch als Liebender paranoid, man liest alle Zeichen, aber bezieht sie nur auf sich. So entsteht etwas Überwirkliches: Wenn eine Frau in einem Wald einen Namen ruft, und der Mann taucht hinter einem Busch auf, dann fallen Wunsch und physische Welt zusammen. Und das ist, glaube ich, das Glück im Kino.

Zur Person

Christian Petzold (48) gehört zu den international angesehensten deutschen Filmregisseuren. Seine Drehbücher, die in Zusammenarbeit mit dem politischen Dokumentaristen Harun Farocki entstehen, begründeten den Ruhm der "Berliner Schule".

Seinen Durchbruch erlebte er 2000 mit "Die innere Sicherheit", einem Familiendrama vor dem Hintergrund des Terrorismus. Sein neuer Film "Jerichow" startet heute in den deutschen Kinos.

Früher war das anders: Fritz Lang drehte "Dr. Mabuse" und sprach im phantastischen Genre über seine Gegenwart.

Vielleicht hängt es mit dem großen Fehler zusammen, eine Grenzlinie zwischen dem so genannten Art House und dem Mainstreamkino zu ziehen. Diese entzieht dem Art House das Phantastische und dem Mainstream das Physische. Das war früher nicht so. Früher konnte Bergman "Die Stunde des Wolfs" drehen und Lang seinen "Dr. Mabuse", weil das ein großes Kino war: Avantgarde und Mainstream waren sich nicht Feind. Das ist heute durch die Kaufleute, die die Kinos bestimmen, anders. Diese Unterscheidung raubt dem Kino seine Substanz. Das Art House ist ein deprimierendes Exil: Der Filmautor kam nur bis Eboli.

Gehörte früher zum Kinoerlebnis vielleicht auch das Element der Überraschung, womit man es bei einem Film zu tun bekam?

Heute verschwinden all diese schönen anonymen Einzelkinos, in denen man die Einsamkeit erleben konnte. Man war einsam wenn man hinein ging, man blieb auch einsam, aber wenn man nach Hause ging, war man reicher als zuvor.

Wenn ein neuer Petzold-Film Premiere hat, erhält die Presse einen Text vom Regisseur, der schon eine Menge erklärt. Ist das eigentlich nötig?

Ich halte die Überlegung, dass sich Regisseure hinter ihren Werken verstecken sollen, für verkehrt. Ich erlebe es als Befreiung, wenn ich schon den Schauspielern den ganzen Hausbau erklären kann und nicht nur eine einzelne psychologische Struktur.

Oder ist es vielleicht so, dass heutige Kritiker die Referenz zu "Wenn der Postmann zweimal klingelt" gar nicht mehr kennen und man ihnen bei der Deutung auf die Sprünge helfen muss?

Also, wenn die Kritik den Film nicht mehr erkennt, ist sie verloren. Ich verstecke diese Bezüge ja nicht, es ist mein Lieblingsroman. Aber man darf nicht vergessen: Im Buch haben sie schon auf Seite 6 miteinander geschlafen, auf Seite 22 ist der Grieche tot. Diese Seiten haben mich interessiert: das Dreieck, das im Kino immer wieder auftaucht, weil damit Besitzverhältnisse dargestellt werden.

Ist so eine Eifersuchtsgeschichte also ein politischer Film?

Das amerikanische Kino kann ja den Klassenkampf nicht darstellen, genauso wenig wie die Fabrikarbeit. Dafür erfanden sie den Banküberfall. Den Klassenkampf erzählen sie als gemeine kleine Geschichte über Sozialneid und Triebstruktur. Das mag ich am amerikanischen Kino: Wie sie es dort schaffen, Dinge, die sich nicht darstellen lassen, in anderen Szenarien auftauchen zu lassen.

Worin liegt die Aktualität?

Das Buch entstand während der amerikanischen Depression, als ein Traum ausgeträumt war. Ich glaube, dass dieser Roman immer dann im Kino auftaucht, wenn Dinge sich auflösen, eine Krise kommt. Drei Personen führen in eine räumliche Perspektive. Was geht in diesem Raum vor? Woher rührt die Spannung?

Nicht nur die Kritiker, auch die Schauspieler müssen bei Ihnen also Filmgeschichte lernen?

Ich habe mit ihnen jeden Tag einen Film geguckt: Fassbinders "Der Händler der vier Jahreszeiten" oder Bergmans "Mein Sommer mit Monika". So redeten die Schauspieler gar nicht mehr mit mir, sondern erarbeiteten sich ihre Rollen selbst. Alle Einstellungen kommen aus den Choreografien, die sich die Schauspieler erarbeiten haben - auch wenn es im Nachhinein vielleicht konstruiert und ausgedacht erscheint.

Probearbeit ist heute ein großer Luxus im Kino, keineswegs selbstverständlich.

Mir sind am liebsten drei Wochen Proben. Leider haben die wenigsten Schauspieler dafür Zeit, so wurden es immerhin zehn Tage. Das Schönste an meinem Literaturstudium war der so genannte Handapparat: Ein Feld, abgesteckt aus Büchern. Keine Verlinkung im Internet. So finde ich, müsste man einen Film beginnen: Mit einem Handapparat, bei dem man sich bedient und schaut und diskutiert.

Bei Ihrem Hausbau kommen aber einige Bausteine immer wieder vor: Ein Auto, das ins Wasser fällt, eine Frau, die halbtot im Gras liegt, eine Ampelkreuzung, die plötzlich mehr bedeutet, als ihr in der Straßenverkehrsordnung zukommt. Sind das absichtsvolle Selbstzitate?

Ich konnte noch nie Filmemacher leiden, die in jedem Film was ganz anderes gemacht haben. Lieber ist mir Howard Hawks, der alte Drehbücher wiederverfilmt hat und sich immer an ähnlichen Situationen abarbeitete. Etwas aber hatte sich immer verändert. Er sagte dann dazu: Wir leben von dem kleinen Unterschied. Das mag ich, darin steckt für mich die ganze Wahrheit. Nicht in irgendeiner Künstlererfindung eines einzelnen Bildes.

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Datum:  8 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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