Berlin. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat unmittelbar vor der Aufzeichnung der Diskussionssendung mit TV-Entertainer Thomas Gottschalk seine Kritik am Fernsehen bekräftigt. Er habe in den vergangenen Monaten relativ viel im Fernsehen gesehen: "Es war schrecklich", sagte der 88-jährige Reich-Ranicki am Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin". Fernsehen solle dem Publikum Spaß machen, das bedeute aber nicht, "dass es schlecht sein muss".
Reich-Ranicki und TV-Moderator Thomas Gottschalk wollten am Mittwochnachmittag zur Aufzeichnung der Sendung zusammenkommen. Das ZDF strahlt die Diskussion am Freitag (17. Oktober, 22.30 Uhr) aus.
Das Zweite hatte die Sendung nach einem Vorschlag Gottschalks kurzfristig ins Programm genommen, nachdem Reich-Ranicki bei der Aufzeichnung der Gala zum Deutschen Fernsehpreis am Samstag den Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgeschlagen und heftige Kritik an der Qualität der prämierten Produktionen geäußert hatte. Unter anderem hatte die Jury unter Vorsitz von "TV Spielfilm"-Chefredakteur Lutz Carstens die RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" als beste Show geehrt - obwohl die Kommission für Jugendmedienschutz eine Ausgabe des Formats moniert hatte.
Die Intendanten der TV-Sender werden bei der Diskussion nicht dabei sein. Das sei aber auch nie anders geplant gewesen, sagte ZDF-Intendant Markus Schächter. RTL-Chefin Anke Schäferkordt sagte, "Herr Reich-Ranicki würde aus gutem Grund ablehnen, mit Menschen über Literatur zu diskutieren, die keine Bücher lesen. Uns fällt es schwer, mit ihm über Fernsehen zu diskutieren, das er nicht schaut".
ARD-Programmdirektor Günter Struve machte geltend, er sei nicht eingeladen worden: "Ich gehe nirgendwo hin, wo ich nicht eingeladen bin", zitiert ihn die Zeitung.
Derweil hielt die Debatte über Qualität im Fernsehen weiter an. Der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto mahnte, die Öffentlich-Rechtlichen dürften nicht die Programme der Privaten imitieren. "Wir zahlen hohe Gebühren und wollen dafür hochwertiges Fernsehen", verlangte er. CDU-Politiker Philipp Mißfelder wertete es als "scheinheilig, wenn ARD und ZDF jetzt mit dem Finger auf die Privaten zeigten. "Ihre Programme sind nicht automatisch anspruchsvoll, längst schielen sie genauso nach der Quote", sagte er.
Dagegen ist der Geschäftsführer der für die privaten Sender zuständigen Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Joachim von Gottberg, überzeugt, dass "die Debatte der Fernsehlandschaft zugute kommt". Reich-Ranickis TV-Intervention sei schon jetzt zum "Medienereignis" geworden.
Schauspieler Götz George, der vor knapp einem Jahr selbst den "Untergang" des deutschen Fernsehens voraussagte, hält den Auftritt Reich-Ranickis für "völlig legitim". Er glaube, dass den Literaturkritiker das Gleiche "belastet" habe wie ihn vor einem Jahr, als er ebenfalls den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhielt. "Du siehst zu zwei Dritteln eigentlich nur Figuren, die du nicht kennst. Und dann werden Projekte ausgezeichnet, die man eigentlich bekämpft, wenn man ein anständiger Schauspieler ist oder für gutes Fernsehen plädiert".
Schauspielkollegin Ann-Kathrin Kramer verlangte, ARD und ZDF sollten sich vom Quotendruck freier machen. Es werde "immer schwieriger, Sachen durchzukriegen, die ambitionierter, kritischer, politischer sind", sagte Kramer. (ddp)
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen