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05. August 2014

Reinhard Mohr Henryk M. Broder: Zu Hause im Kalten Krieg

 Von 
Bei Franz Josef Strauß, dem guten alten Hetzer von der CSU, ging es nicht ganz so wortreich zu.  Foto: imago stock&people

Wie unsere Neureaktionären die Komplexität der Welt reduzieren und die nationalen Reihen gegen alle Feinde schließen: die Linken, Wladimir Putin und den Islam.

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Geben wir es unumwunden zu: Dieser Text kommt von da, wo die „Heuchler“ sitzen, die „vermeintlich progressiven Spießer“, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Schäfchen ins Trockene und ihre Kinder in die Privatschule zu bringen, bevor sie bei einem guten Glas Wein die Demokratie verachten. Was wir noch nicht wussten: Wir „Putinversteher, Freiheitsverächter, Kabarettprediger“ etc., wir haben die Macht! Wir sind die meisten, der Mainstream, left rules in Deutschland, die Linke hat gewonnen!

Das ist, kurz zusammengefasst, die Botschaft von Texten, wie ehemalige Linke sie besonders gern schreiben. Die obigen Zitate stammen aus dem jüngsten Pamphlet dieser Art, erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom vergangenen Wochenende. Reinhard Mohr, ein ehemaliger Sponti und AStA-Aktivist aus dem Frankfurt am Main der 80er Jahre, hat es geschrieben, aber es hätte auch Henryk M. Broder sein können, das tut nichts zur Sache, die insgesamt zwei Argumente der Rechtsgewendeten sind immer wieder die gleichen.

Wir Freiheits- und Demokratieverächter

Erstens: Wir Freiheits- und Demokratieverächter haben nicht kapiert, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, und denken uns darum Probleme aus, die es gar nicht gibt, weshalb sie Reinhard Mohr auch nur in Anführungszeichen erwähnt: zum Beispiel „Kriegseinsätze“ der Bundeswehr oder die „Festung Europa“.

Natürlich sagen diese Autoren nicht ausdrücklich, dass es all diese Dinge nicht gebe, sie lassen sie einfach nur im Konjunktiv verschwinden: „Wenn im handelsüblichen Politjargon über die angebliche ,Festung Europa‘ gesprochen wird, die sich vor der wachsenden Zahl afrikanischer Flüchtlinge abschotte, ist er (der linke Spießer) freilich wieder auf Linie.“ Wer mal ein Lehrbuch über Zynismus schreiben will, kann sich den Satz ja merken.

Zweites Argument: Die Irren, die aus lauter Freiheitsverachtung den Klimawandel und die „Kriegseinsätze“ und die Massentierhaltung und alles kritisieren, sind die Mehrheit. Wir haben – armer Reinhard Mohr – gewonnen, und auch die Art, wie wir unseren Sieg auszukosten pflegen, ist allseits bekannt. „Einschlägige Gewissheiten äußern die Wächter des neuen Mainstreams gern abends bei der selbstgemachten Lachslasagne in der Vier-Zimmer-Altbauwohnung im Prenzlauer Berg“, und dabei denken sie sich in „politischer Selbsthypnose“ Phänomene aus wie „Ausgrenzung“, „Diskriminierung“ oder „Rassismus“.

Man wundert sich, dass Mohr nicht auch noch „Prenzlauer Berg“ in Anführungszeichen schreibt, aber das liegt sicher daran, dass er selbst dort gewohnt hat und laut Wikipedia auch noch wohnt, allerdings höchstwahrscheinlich in einer Drei-Zimmer-Neubauwohnung, umgeben von fertig gekaufter Hackfleisch-Lasagne.

Leise stellt sich uns die Frage: Wenn wir schon gewonnen haben, wir linken Mainstream-Spießer, warum lesen wir dann immer noch von Kriegseinsätzen und Klimawandel, von kläglich ertrinkenden Flüchtlingen an unseren europäischen Grenzen? Ja, wenn das alles nur in der Frankfurter Rundschau stünde, dann wäre auch das erklärt, denn selbstverständlich gehört die FR zu jenen, bei denen „das Bedürfnis, zum guten, also unschuldigen Teil der Menschheit zu gehören, ein wichtiges Element der Berufsauffassung geworden ist“. Aber stand nicht kürzlich auch in der FAZ etwas über tote Flüchtlinge? Ist die dem armen Mohr jetzt auch schon zu links?

Die Mohrs und Broders haben noch viel zu tun

Nein, das war nur Spaß, wir haben die Botschaft verstanden: Wer in einer Demokratie lebt und das womöglich gut, hat offensichtlich jedes Recht auf Widerspruch verwirkt, jedenfalls was die Angelegenheiten und die Verantwortlichen des eigenen Landes oder seiner Bündnisse angeht. Klar, Publizisten waren einst dazu da, Kritik auch an den Machtverhältnissen zu Hause zu üben, aber heute, da alles so schön ist, geht Journalismus anders: Jetzt kritisiert er die Kritiker, die Regierung freut sich, und alle haben ihre Ruhe, von den Flüchtlingen mal abgesehen, aber für die haben wir Anführungszeichen.

Dennoch geht es natürlich nicht, dass die Mohrs und Broders den Griffel beiseite legen und gar nichts mehr schreiben. Und in der Tat gibt es noch viel zu tun. Es gilt nämlich, die nationalen Reihen gegen die äußeren Feinde zu schließen, und das sind außer den Linken vor allem Wladimir Putin und der Islam.

Früher waren es übrigens die Kommunisten, falls sich noch jemand erinnert, und wenn uns nicht alles täuscht, hätte der kleine Reinhard Mohr, wäre er damals schon im Zustand reaktionärer Alterswut gewesen und nicht im AStA, wahrscheinlich Franz Josef Strauß verehrt. Kalten Krieg jedenfalls kann er, das muss man ihm lassen.

Eine kleine Kritik können wir allerdings Mohr und Co. nicht ersparen: Bei Strauß, dem guten alten Hetzer von der CSU, ging es nicht ganz so wortreich zu: „Jetzt kommen sie wieder, die roten Systemveränderer, wie die Ratten aus allen Löchern heraus.“ Oder: „Was wir in diesem Land brauchen, ist der mutige Bürger, der die roten Ratten dorthin jagt, wo sie hingehören – in ihre Löcher.“ Ist damit nicht eigentlich alles gesagt?

Zugegeben, wir hatten eine ganze Zeitlang nicht so recht Kalten Krieg, die Feindbilder verschwammen, so etwas erzeugt Erklärungsbedarf. Aber heute, da der wichtigste Gegner neben „dem Islam“ wieder in Moskau sitzt, müsste es doch etwas einfacher gehen als so: „Statt Putins aggressives Vorgehen anzuprangern, werden dem Westen, der EU und der Nato ,Kriegstreiberei‘ und ,Kumpanei mit Faschisten‘ vorgeworfen.“ Strauß, eindringlicher: „Wem es bei uns hier im Bundesgebiet nicht passt, der kann ja hinübergehen in die Sowjetzone.“

Da wir Freiheitsverächter auf Putin stehen und „deutlich mehr Verständnis für den Macho-Autokraten Putin als für die frei gewählten Regierungen Osteuropas“ haben, verfügen wir übrigens logischerweise über „eine tiefsitzende Verachtung der Demokratie“. Und das ist der Kern: Wer anders denkt, wird aus dem Spektrum der Demokraten rhetorisch ausgeschlossen.

Der Verlust intellektueller Redlichkeit

Sie sollen das alles ruhig schreiben, unsere Neureaktionäre. Aber wirklich ärgerlich ist es, dass sie dabei jede intellektuelle Redlichkeit verlieren. Ob und wann Kriegseinsätze legitim seien; ob die europäische Flüchtlingspolitik auf Abschottung beruhe oder nicht; ob sich nicht zu aller berechtigten Empörung über Putin auch ein kritischer Blick auf die Rolle der EU und der Nato richten sollte – über all das verliert ein Reinhard Mohr kein Wort.

Nicht einmal zu einer Haltung, die all das explizit verteidigen würde, lässt er sich herab. Er setzt, das ist die stets wiederholte Methode dieser Autoren, jede Kritik und jede Differenzierung mit den Parolen jener Minderheit von dummen Putin-Apologeten oder antiwestlichen Fundamentalisten gleich, die es ja tatsächlich auch gibt. Für diese Wenigen wird jeder in Haftung genommen, mit ihnen jeder verhöhnt, der undemokratisches, unfriedliches politisches Handeln nicht immer nur bei „den Anderen“ sieht.

Wer auf diese Weise die Komplexität der Welt zwar wortreich, aber gedankenarm auf ein Schwarz-Weiß-Bild reduziert, verdummt sich selbst und wird zum Kalten Krieger gegen die eigene Gesellschaft.

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