Für den Mord an den europäischen Juden hat sich seit den 1990er-Jahren die Chiffre „Auschwitz“ durchgesetzt – damit wird vor allem auf die industriell betriebene Tötung in Vernichtungslagern rekurriert. Mehr als die Hälfte der etwa 5,4 Millionen ermordeten Juden starb allerdings außerhalb solcher Todesfabriken. Auschwitz war zwar der Höhepunkt des Judenmordes, doch bis zur Inbetriebnahme der Vernichtungslager waren die meisten sowjetischen und polnischen Juden unter deutscher Herrschaft bereits tot. In den Gaskammern starben dann vor allem Juden, die aus West- und Südeuropa dorthin deportiert worden waren.
Über die Hälfte der ermordeten Juden wurde also durch deutsche Handarbeit und östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie, jener gedachten Grenze, die das deutsche und das russische Imperium nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 trennte, in einem Gebiet, das sich von den baltischen Staaten über Weißrussland und die Ukraine bis zu einem Streifen in Westrussland erstreckte, ermordet. Zusammen mit den polnischen Gebieten nennt der Historiker Timothy Snyder in seinem Buch diese Region „Bloodlands“. Und er betont: Nicht nur Juden starben hier, sondern auch Weißrussen, Ukrainer, Polen, Russen und Balten, eben die Bewohner dieser Länder. Die meisten waren Frauen, Kinder und Alte, also Zivilisten und damit Opfer einer mörderischen Politik entweder Stalins oder Hitlers. Snyder errechnet vierzehn Millionen Menschen, die mitten in Europa in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das NS- oder das Sowjetregime ermordet wurden.
Die östliche Dimension des Judenmordes
Der Yale-Historiker weist damit nicht nur auf die östliche Dimension des Judenmordes hin und korrigiert zurecht das Bild eines relativ distanzierten Mordens. Diese Verschiebung des Blickes auf Osteuropa und das eigentliche Mordgeschehen ist in der NS-Täterforschung schon länger zu beobachten, aber in der Öffentlichkeit noch nicht angekommen. Problematischer ist ein anderer Aspekt, den Snyders Buch mit sich führt. Es stellt den Judenmord in einen anderen – nämlich einen geografischen – Zusammenhang.
Seine Geschichte der Bloodlands beginnt nicht mit der „Endlösung der Judenfrage“, sondern mit den sowjetischen Hungersnöten 1932 infolge der Kollektivierungen, die in der Ukraine in einen geplanten Massenmord münden sollten, nachdem Stalin dem ukrainischen Bauer die Schuld an dem wirtschaftlichen Desaster gegeben hatte. Insgesamt starben in der Ukraine 3,3 Millionen Sowjetbürger an Hunger und Folgekrankheiten; und etwa dieselbe Zahl von Ukrainern in der gesamten Sowjetunion. Im „Klassenterror“ um 1937/38, mit denen Stalin vermeintliche oder tatsächliche Feinde, oft ganze soziale Gruppen wie die Kulaken vernichten ließ, setzt sich die Katastrophe fort. Damit verbunden war der „Nationalitätenterror“, dem eine Viertelmillion Sowjetbürger zum Opfer fiel, hauptsächlich die sowjetischen Polen. Danach folgten die 21 Monate der „gemeinsamen“ deutsch-sowjetischen Terror- und Vernichtungspolitik in Polen, dann der Holocaust. Am Ende standen Rache mit Zwangsinternierungen und Vertreibungen der Deutschen – allerdings angesichts der blutigen Geschichte der Bloodlands keineswegs eines der dramatischsten Kapitel.
Revisionistisches Terrain
In welchem Verhältnis stehen nun die Massenmorde zueinander? Das wird nicht recht klar. Der Noltesche kausale Zusammenhang, nach dem der „Rassenmord“ der Nationalsozialisten nur aus Furcht vor dem älteren „Klassenmord“ der Bolschewiki entstanden sei, ist es wohl nicht, obwohl Snyder den Partisanenkrieg als Provokation für den NS-Terror bezeichnet und sich damit auf revisionistisches Terrain begibt. Snyder vergleicht die beiden Mordgeschehen eher quantitativ: Bis Ende 1938 hatten die Sowjets etwa tausendmal so viele Menschen ermordet wie die Nationalsozialisten.
Zwischen dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ermordeten Deutsche und Sowjets polnische Zivilisten in vergleichbarer Zahl. Mit dem Unternehmen Barbarossa waren dann die Deutschen für fast alle politischen Morde verantwortlich, etwa zehn Millionen Menschen, neben den Juden auch drei Millionen Kriegsgefangene. Doch was erklärt ein solcher Gewaltraum mehr, als dass es eine Tragödie ist, wenn ein Mensch in seinem kurzen Leben gleich zwei oder gar mehrmals Opfer eines Vernichtungsversuches wird? Vermutlich ist es die Vorstellung, von Gewalt kontaminierte Räume seien Ermöglichungsräume für neuerliche Gewalt.
Wo alle Gewalt hemmende Schranken niedergerissen sind, ergeben sich Situationen, um Macht und Vernichtungsfantasien freien Lauf zu lassen und sich der mörderischen Mission hinzugeben. Dies entspricht dem Trend in der neuesten historischen Gewaltforschung: Wo früher intentionalistische und funktionalistische Interpretationen federführend waren, sind es heute eher „situationistische“. Dieser auf lokale Zusammenhänge gerichtete Blick verspricht interessante Einsichten in komplexe Mordprozesse. Denn es ist ja in der Tat so, wie Jan-Philipp Reemtsma die „Terrorratio“ beschrieb, dass viele mordeten, weil sie an den Antisemitismus glaubten, aber nicht weniger daran glaubten, weil sie gemordet hatten. Gleichwohl verhilft dieser neue Situationismus nur dann zu einem besseren Verständnis der Vernichtungspolitik, zumindest der antisemitischen, wenn sie auf Grundlage all dessen aufbaut, was die bisherige Forschung betont hat, vor allem die Bedeutung des Antisemitismus für die Vernichtungspolitik.
Mit den Bloodlands kann man eben nicht erklären, warum nur fünf Prozent der niederländischen Juden überlebten und auch der letzte griechische Jude gegen Kriegsende, als die Wehrmacht alle Kapazitäten brauchte, durch ganz Europa transportiert wurde, um in Auschwitz vergast zu werden.
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