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12. Januar 2016

Richard David Precht: Die Gesetze der medialen Entrüstungsindustrie

 Von 
Kreative Verständigung: Deutschunterricht im Frankfurter Beratungszentrum für Arbeitsvermittlung.  Foto: epd

Wenn etwas Bedrohliches vor der Haustür passiert, gehen sehr schnell die Maßstäbe verloren, sagt der Philosoph Richard David Precht im Gespräch über Köln und die Folgen.

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Herr Precht, Sie haben unlängst gesagt, im Jahr 2015 habe sich in Deutschland mit der Ankunft der Flüchtlinge ein Fenster geöffnet, durch das „ein Stückchen blanker Realität zu uns hereinschien: bunte Gesellen vom Sturmwind verweht, Glückssucher mit Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken. Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen!“ Bleiben Ihnen solche Worte nach der Silvesternacht von Köln im Hals stecken?
Wir haben 2015 eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Von denen sind an Silvester einige wenige kriminell auffällig geworden. Wenn wir jetzt anfingen, Flüchtlinge generell mit Kriminellen gleichzusetzen, begingen wir einen fatalen Fehler. Ich habe übrigens auch geschrieben: Wir müssen mit mehr Kriminalität auf unseren Straßen, mit mehr Machismo in den Köpfen rechnen.

Na toll. Und mit dieser lapidaren Feststellung wollen Sie zur Tagesordnung übergehen?
Überhaupt nicht. Wir werden im Gegenteil gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, um der so beschriebenen Probleme Herr zu werden. Milliarden für Bildung, Integration. Aber auch für mehr Polizeipräsenz und wirksamere Maßnahmen der inneren Sicherheit. Die Flüchtlinge werden uns sehr viel Geld kosten. Ich sage auch nicht, wir müssen alle dauerhaft aufnehmen, die zu uns kommen. Konkret: Die meisten Tatverdächtigen vom Kölner Hauptbahnhof stammen offenbar aus Marokko. Das würde ich als sicheres Herkunftsland einstufen und nach Verhandlungen mit der Regierung in Rabat zusehen, dass man die Täter der Silvesternacht sehr schnell zurück in ihre Heimat verfrachtet.

Hat Köln die Debattenlage in Deutschland verändert?
Ja, aber der Stimmungsumschwung zeichnete sich schon länger ab. Ich glaube, diese Bewegung folgt den Gesetzen der medialen Aufregungs- und Entrüstungsindustrie, insbesondere des Fernsehens. Ganz am Anfang war ja selbst die „Bild“-Zeitung den Asylsuchenden sehr positiv gesonnen. Das hat mich zwar gefreut, ich fand es allerdings fast schon ein bisschen spooky, gespenstisch, wie harmonisch das Loblied der Willkommenskultur klang. Aber zu viel Harmonie – das halten die Medienmacher, die auf Dissonanzen gepolt sind, nicht allzu lange aus. Also war klar, irgendwann wird das kippen.

Zur Person
Richard David Precht.

Richard David Precht, geboren 1964 in Solingen, ist seit seinem Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (2007) einer der bekanntesten und gefragtesten philosophischen Autoren Deutschlands. Ende 2015 erschien der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Philosophiegeschichte unter dem Titel „Erkenne die Welt“. Precht hat Honorarprofessuren an der Leuphana Universität Lüneburg und der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin inne.

Ehrlich gesagt, Herr Precht, kann ich die Platte „am Ende sind die Medien schuld“ nicht mehr hören. Sie betreiben damit das üble Spiel all derer, die wahlweise „Lügenpresse“ skandieren oder über die „Scharfmacherei“ der Medien wettern.
Umso wichtiger ist, dass die Medien nicht in den Chor der Undifferenzierten einstimmen. Und ich bleibe bei meiner Kritik, dass sie das in Teilen tun. Dass Köln binnen weniger Tage zu einer von Asylanten gepeinigten Stadt und zum Synonym sexueller Gewalt gegen Frauen werden konnte, hat in erheblichem Maße mit der medialen Resonanz zu tun und führt dazu, dass Leute, die sich bisher sicher fühlten, es auf einmal mit der Angst zu tun bekommen. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme. Zwischen Zagen und Zuversicht wird letztere irgendwann wieder an Kraft zulegen.

Ist das Bekenntnis zu Aufklärung, Menschenwürde, Freiheitsrechten ähnlich wetterwendisch?
Ich befürchte das. Die hehren Werte der Aufklärung, auf die wir – zu Recht – so stolz sind, auch unsere Liberalität und Toleranz haben keine allzu feste Verankerung im Unterboden unserer Gesellschaft und sind hinüber, wenn irgendetwas Bedrohliches vor unserer Haustür passiert. Da gehen dann sehr schnell die Maßstäbe verloren.

Was meinen Sie?
In Köln sind 200 Frauen sexuell belästigt worden. Sehr schlimm, gewiss. Aber unversehens erscheint uns das als eine weit größere humanitäre Katastrophe als das, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge passiert. So eine Wahrnehmungsverschiebung dürfen wir nicht zulassen.

Was wäre dann wohl erst in Deutschland los, wenn es zu Terror-Attacken wie 2004 in Madrid, 2005 in London oder im vergangenen Jahr in Paris käme?
Ganz ohne Alarmismus gesagt: Ich bin mir sicher, dass es zu ungeahnten Hassausbrüchen gegen Asylbewerber und Migranten käme. Das liegt daran, dass die Anzahl derer, die ein grundsätzliches Problem mit „den Ausländern“ haben, relativ hoch ist. Sie haben in einer von „Willkommen“ und „Wir schaffen das“ getragenen Stimmung geschwiegen. Aber schon jetzt machen sie sich lautstark und teilweise handgreiflich Luft.

Trotzdem setzen Sie auf die Kraft der Aufklärung und ihrer Werte.
Die Werte der Aufklärung sind ein Korrektiv gegen Stimmungen und Bauchgefühle. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Artikel 1 des Grundgesetzes erklärt die Würde jedes Menschen für unantastbar, nicht die Würde des Deutschen. Das heißt: Das Leben jedes Syrers, Afrikaners oder Irakers ist genauso viel wert wie das eines Deutschen. Aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Mehrheit der Deutschen das – wenn es hart auf hart käme – so sehen würde.

Und der Philosoph seufzt resigniert dazu?
Nein. Ich finde, wir können schon stolz darauf sein, dass es in den vergangenen Jahrzehnten gelungen ist, diese Werte wenigstens teilweise ernst zu nehmen.

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Und heute? Was tun?
Nicht von Affekten treiben lassen. In der Aufregung neigen wir zum Aktionismus – und stehen in der Gefahr, dass wir unsere Lage durch übereilte Maßnahmen schlimmer machen, als sie vorher war. Wir müssen sehen: Menschen, die vor Verfolgung, Folter, Krieg und Terror – also vor denkbar schwierigen Lebensumständen – geflohen sind, sind schwierig. Sie sind ein großes Problem für den sozialen Frieden und den Zusammenhalt der aufnehmenden Gesellschaft. Aber dennoch bleibt es dabei, dass wir ihnen nicht die Tür vor der Nase zuschlagen dürfen. Wir stehen in der Pflicht, diesen Menschen zu helfen.

Eine schöne Maxime, die aber den Praxistest bestehen muss. Wie entgehen Sie dem Vorwurf der Realitätsblindheit?
Indem ich zum Beispiel sage: Es gibt sichere bessere Möglichkeiten zu helfen, als den Flüchtlingen einfach die Tür nach Deutschland zu öffnen.

Nämlich?
Zur Realität und zur Wahrheit gehört, dass Deutschland und „der Westen“ eine ganz andere, viel entschiedenere und durchdachtere Politik machen müssen, als sie es über Jahrzehnte hinweg zur Wahrung ihrer geostrategischen Interessen, ihres Zugangs zum Öl und ihrer ökonomischen Wachstumsraten gewohnt waren. Die Globalisierung bringt uns einander näher, als es uns lieb sein mag. Es kann uns aber nicht egal sein, was dem Syrer oder Iraker in seiner Heimat geschieht.

Auch das klingt gut, ist aber doch eine Überforderung.
Ich weiß. Aber wir müssen zunehmend in diesen Dimensionen denken und handeln. Denn es ist doch klar: Der nach Millionen zählende Strom von Flüchtlingen wird sich durch kein Grenzregime dieser Welt aufhalten lassen. Es sind also viel größere Anstrengungen notwendig, als wir sie bisher unternommen haben. Und wenn wir ehrlich sind, wir tun noch immer fast nichts. Auch jetzt ist es das Höchste, was uns zum Krisenmanagement in Syrien einfällt, dass wir ein paar Tornados schicken. Als ob das die Lage in der Region verbessern würde oder das Flüchtlingsproblem verringern würde! Im Gegenteil: Es droht eine Verschlimmerung, solange kein Mensch sagen kann, was eigentlich passieren wird, sollte der IS – falls das überhaupt gelingt – eines Tages geschlagen sein.

Das Wort des Philosophen schützt keine verängstigte Frau am Kölner Hauptbahnhof und stoppt keinen rechten Schläger, der am Eigelstein Jagd auf Migranten macht.
Völlig richtig. Eine solche Macht des Wortes zu beanspruchen, wäre ja auch absurd. Deshalb sage ich, auf die Praxis kommt es an. Zum Beispiel müssen wir all diesen von Testosteron-Überschüssen und Minderwertigkeitskomplexen getriebenen jungen Männern, die den ganzen Tag in Flüchtlingsunterkünften und Asylbewerberheimen herumlungern, etwas zu tun geben. Integration geschieht dadurch, dass man etwas lernt, arbeitet und vielleicht auch noch mit anderen Fußball spielt. Solange wir uns darum nicht mit massivem Einsatz von Geld und Personal kümmern, werden wir immer das Abdriften in Subkulturen und kriminelle Milieus erleben.

Erst der Fußball, dann die Philosophie.
Wenn Sie so wollen. Und, das mag Sie überraschen, ich füge hinzu: strengere Gesetze, mehr Polizeipräsenz. Ich hätte jedenfalls keine Angst vor einem „Polizeistaat“, wenn auf der Domplatte in Köln künftig 100 Polizisten mehr im Einsatz wären als bisher.

Interview: Joachim Frank

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