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30. Dezember 2012

Richard Sennett: Soziologie und Sozialromantik

 Von Christian Schlüter
Richard Sennett wurde am 1. Januar 1943 in Chicago geboren.  Foto: picture-alliance / dpa

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett wurde bekannt mit „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ - ein Rückblick zum 70. Geburtstag.

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Kapitalismus macht kaputt: die Menschen, die Traditionen und die Natur. Das ist keine neue Einsicht. Und wir haben unseren Frieden mit ihr gemacht, weil wir daran glauben, das kapitalistische Zerstörungswerk mache nur Platz für das Neue und vor allem Bessere. Das nämlich läge genau im Plan der Aufklärung: Fortschritt von Erkenntnis, Fähigkeiten und Wohlstand. Zu den unhintergehbaren Standards der Kulturkritik seit Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ oder Reinhart Kosellecks „Kritik und Krise“ gehört indes die Einsicht, dass mit diesem Fortschritt erhebliche, die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft insgesamt gefährdende Verluste verbunden sind.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett ist da keine Ausnahme. Bekannt wurde er mit „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“, ein 1977 veröffentlichter Langessay über die Korrosion einer für die lebendige Demokratie essentiellen Ressource: der Öffentlichkeit als Sphäre des Aus- und Neuverhandelns allgemeinwohlwichtiger Güter. Dabei gilt sein Augenmerk den städtischen Gesellschaften, und so entwickelt er die Hauptthese des Buches, hier ginge der Verfall des politisch aktiven Lebens mit einer „Tyrannei der Intimität“ einher.

Sennett bemerkt hier die biopolitischen Mächte, also die der Regulation und Reparatur kapitalistischer Gesellschaften dienenden Lebenswissenschaften wie eben die Psychologie, deren Intimitätsfuror maßgeblich die große Entpolitisierung vorantreibe. Das erinnert an die ideengeschichtlichen Arbeiten Michel Foucaults, den Sennett schon seit jungen Jahren kennt – da war er noch kein Soziologe, sondern spielte Cello auf einer Konzertreise durch Frankreich. Aus der Begegnung entstand eine Freundschaft, die sich im Schreiben Richard Sennetts bis heute niederschlägt.

Mit dem „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ liegt gewissermaßen die Mustervorlage für eine Reihe weiterer prominenter Bücher Sennetts vor. Von der „Der flexible Mensch“ (1998) über „die „Kultur des neuen Kapitalismus“ (2006) bis zu „Handwerk“ (2008) und „Zusammenarbeit: Was unsere Gesellschaft zusammenhält“ (2012) kreist seine Denken immer wieder um die Stadt, das öffentliche Leben, die Entpolitisierung und Vereinzelung des Menschen. In diesem irreversiblen Verfallsgeschehen verzeichnet der Soziologe auch den Verlust so ehrwürdiger Werte wie Treue, Fleiß und Verantwortung.

Dieser kulturkonservative Einschlag treibt mitunter skurrile Blüten. Wenn Sennett in „Handwerk“ allzu emphatisch eine noch nicht entfremdete, nicht arbeitsteilige Gegenwelt des Arbeitens beschwört, dann mag man sich an die sozialromantisch eingefärbte Beschreibung der Schusterwerkstatt in Martin Heideggers „Sein und Zeit“ erinnert fühlen. Dabei dient ihm das ganzheitliche, auf die Schaffung ganzer Werke zielende Musizieren durchaus als – normatives – Ideal. Mit anderen Worten, Sennett verteidigt die Errungenschaften der bürgerlichen Hochkultur mit einiger Verve.

Kaum verwunderlich, enthalten sie doch die Befreiungs- und Aufstiegsgeschichte des Amerikaners, der am 1. Januar 1943 in Chicago geboren wurde und dort in einem Armenviertel aufwuchs. Das Cello-Spiel eröffnete ihm eine neue, bessere und weitere Welt. Auch so eine Art Dialektik der Aufklärung.

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