Ein Roman - so darf sich vieles nennen - aus der Unterwelt, die mit der obersten Oberwelt verfließt, dessen Held ein Gangster ist und dessen Milieu jene Gangster im Stil Chicagos vor hundert Jahren und zugleich der überschwer reichen neuen Russen der Gegenwart sind - gewiss ganz reizvoll, das Thema. Ein literarisches Meisterwerk hat Natan Dubowizki damit aber nicht vorgelegt. Die Tatorte sind Moskau, ein wenig Kaukasus und ein Dorf namens Lunino; die handelnden Figuren kriminell, korrupt oder beides; gangsta fiction eben.
Der Held ist ein "sehr schlechter Mensch, der sehr gerne besser werden würde, aber nicht kann und deshalb leidet". So hat Wladimir Surkow das Buch rezensiert. Wladimir Surkow ist Erster Stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung und spricht öffentlich (wenn er öffentlich spricht, was ziemlich selten ist) über geistige Werte eines neuen Russland, das erst werden soll. So einer müsste solch ein Buch eigentlich runterschreiben. Aber: Surkow ist Natan Dubrowitzki. Sagen jedenfalls Eingeweihte, und er dementiert nicht.
Surkow gilt als Chefideologe seit Putin und unter Medwedew, erfindet von Fall zu Fall außerordentlich patriotische Jugendorganisationen und verlangt einen neuen zivilisatorischen Trend, was man auch als eine geistig-moralische Wende übersetzen könnte. Meist hält er sich im Hintergrund. Wird aber sichtbar, was er tut, oder hörbar, was er sagt, so tritt mit ihm zusammen jedesmal die Frage auf: Was bezweckt er nur wieder damit? Was also mit diesem Buch?
Sein Protagonist Jegor äußert einmal, ein Gespräch abschließend: "In Russland Bandit sein, das ist Konformismus". Diese Szene könnte der Jelzin-Zeit zugeordnet werden - eindeutig ist die Chronologie nicht -, könnte sich also auf die seit Putin angeblich abgeschlossene Periode des Raubkapitalismus beziehen. 170 Seiten später, die kriminellen Strukturen haben sich gewandelt, steht jedoch wie ein Fazit: "Ganz oben begriff man allerdings recht schnell, dass man zu weit gegangen war, und die Korruption wurde bald wieder mit Respekt behandelt. Das Imperium hatte kurz gewankt und eine Delle bekommen, aber standgehalten". Die "erschrockenen Generäle der Staatssicherheit versammelten sich im Büro des Obersten und entschieden, dass man, um nicht alle einsperren zu müssen, einfach einen für alle sitzen lassen würde." Wer da nicht an Chodorkowski denkt, ist selber schuld.
Satirischer Mut fehlt dem Autor
Was ist das nun, das Buch mit dem Titel "Nahe null"? Ein Nichts ist es nicht, für derlei hat Surkow gewiss keine Zeit. Ein Bestseller wird´s auch kaum, so routiniert es auch geschrieben ist. Die satirischen Passagen leiden unter der großen Entfernung von früheren Autoren wie Ilf-Petrow aus Odessa oder Soschtschenko aus Leningrad; und wenn der deutsche Verlag im Klappentext auf Gogol anspielt, dann wohl eher, weil der Texter glaubt, dass deutsche Käufer mit dem Namen etwas anfangen können, als dass er annimmt, Dubowizki-Surkow spiele in derselben Autorenliga wie der Verfasser der "Toten Seelen". Diese Autoren haben den Staat und die Gesellschaft nicht zu gestalten versucht, sondern die Gestalten verspottet. Der Mut geht Dubowizki-Surkow ab. Er nimmt alles zurück. Schon im "Intro", in dem er den Leser zur Lektüre einlädt wie Kasperle die Kinder zum Zuschauen. Erst recht im "Outro", in dessen letzten beiden Sätzen es allen gut geht und alles korrigierbar war. Solche Vorsicht reduziert die gangsta fiction zum Schmarren, um die es sich schon formal in manchen philosophisch gemeinten Abschnitten handelt.
Das weiß der Autor doch.
Was also bezweckt er? Eine Attacke auf den ersten nach-jelzinschen Präsidenten, die Klartext lauten müsste: "Wladimir Wladimirowitsch Putin, Sie haben es nicht geschafft"? Eine Ermutigung an den Nachfolger, etwa: "Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, nun korrigieren Sie das alles doch endlich"? Kurz: Hat die faktische Nummer drei im Staate Russland der derzeitigen Nummer eins Schützenhilfe geben wollen in der Hoffnung, die Intelligenzija werde das Signal verstehen? Medwedew appelliert immer wieder an die klugen und verantwortungsbewussten Bürger unter den Russen, den Kampf gegen die Rückständigkeit Russlands aufzunehmen, Korruption, Inkompetenz und den Status eines Rohstofflandes zu überwinden.
Was hat das mit "Nahe null" und ihrem Verfasser zu tun? Die Intelligenzija fürchtet Surkow und verachtet ihn noch mehr. Der Autor seinerseits verachtet (wenn man dem Duktus seines Werkes glauben kann) die Intelligenzija und das Volk, die Gesellschaft und ihre Repräsentanten. Bleibt, unausgesprochen, die Sehnsucht nach einem sehr starken Mann an der Spitze, dem Über-Korrektor, der die auf 170 Seiten ausgebreiteten Fehler richtigstellt. In Zeiten, in denen Stalin-Bilder wieder in die Öffentlichkeit getragen werden sollen und nahezu jeder Vierte in Russland den Diktator für überwiegend gut hält, bekommt der Gegenwarts-Nihilismus dieses Buchs einen sehr eigenartigen Beigeschmack.
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