"Unklarheit" ist ein Stichwort in Raoul Tranchirers "Enzyklopädie für den unerschrockenen Leser", ein gewiss existenzielles Problem: "Unter den Menschen herrscht eine beklagenswerte Unklarheit über die Verhältnisse", heißt es da. Der Enzyklopädist will dem abhelfen und uns die Welt erklären, mit seinen Kollegen Wobser und Collunder und gegen seinen wissenschaftlichen Gegner Klomm, und wer begierig zur Behebung seiner Unklarheit weiterliest, findet sich zwar erhoben und erheitert, aber doch so ratlos wie zuvor: "Die eine Hälfte führt bei verkümmertem Leib ein schwächliches Dasein und lernt volle kräftige Lebensbewegungen überhaupt nicht kennen, während die andere Hälfte unter dem Gewicht ihres Körpers immer tiefer sinkt und sich kaum erheben und am Bewegungsleben teilnehmen kann."
Immerhin können die Menschen an der Tranchirerschen Welterklärung nun wieder teilnehmen: Obwohl alle Welt kulturkritisch über die Umbrüche auf dem Buch- und Zeitungsmarkt durch die neuen Medien lamentiert, erscheinen doch immer wieder Bücher, die die Konkurrenzlosigkeit des alten, immer neuen Mediums Buch erweisen.
Ror Wolf: Werke. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009.
Im Zustand vergrößerter Ruhe. Die
Gedichte.
Hrsg. von
Friedmar Apel. 478 Seiten,
49 Euro.
Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser. Band II. Hrsg. von Thomas Schröder. 488 Seiten,
79 Euro.
Anzuzeigen ist eine neue, die zweite, Ausgabe der Werke Ror Wolfs, auf zwölf Bände ist sie angelegt, die ersten beiden sind erschienen: Die Gedichte "in größtmöglicher Vollständigkeit" unter dem Titel "Im Zustand vergrößerter Ruhe", und ein Band der auf drei Bände angelegten Ausgabe der Raoul-Tranchirer-Enzyklopädien. Eine Prachtausgabe hat der Schöffling Verlag da hergestellt, großformatig, augenfreundlich gedruckt, in starkes rotes Leinen gebunden, zu einem zivilen Preis, der Enzyklopädienband im Vierfarbdruck, mit zahlreichen Collagen des Verfassers versehen. Eine reine Freude, und all das ohne jeden Jubiläums-Anlass; und kein Editionsgrab, sondern eine "Ausgabe letzter Hand" - Ror Wolf hat die Prinzipien offenbar mitbestimmt und darüber entschieden, welche Teile seines Archivs er öffnet, was er den jeweiligen Band-Herausgebern zur Verfügung gestellt hat und was nicht.
Der Tranchirer-Band enthält nur ein paar schmale Angaben zu den Erstdrucken der drei enthaltenen Teilbände und zu dem, was in den weiteren Bänden noch folgen wird - darunter ein ausführliches Nachwort, entsprechend dem Friedmar Apels im Lyrik-Band. Für die Enzyklopädien ist ein solcher Beitrag schon editorisch nötig: Hier hat der Autor mit den Jahrzehnten eine undurchschaubare Situation angezettelt, mehrere Bände sind immer wieder bearbeitet worden, erweitert, an den Einzelartikeln, am Aufbau ist immer weiter gefeilt worden, und in der Werkausgabe sollten nach dem Willen des Autors nun nicht etwa alle Enzyklopädien in ein Alphabet zusammengeführt werden, sondern jede Teilsammlung behält ihre eigene Komposition; allein im vorliegenden Band, der auch eine Gruppe von 78 bislang ungedruckten Stichworten enthält, wird der Durchgang von A bis Z vier Mal geboten.
Wie eine Parodie Sigmund Freuds
Ror Wolf ist ein perfektionistischer, individualistischer, vor allem aber ein zutiefst rätselhafter Autor. Er inszeniert unsere mehr oder minder unbewussten Ängste in einer Sprache, die wie eine Parodie Sigmund Freuds anmutet, verhaftet der Jahrhundertwende um 1900, und bei aller gemütlich bildungsbürgerlichen Bonhomie und Sublimierung, die sein Raoul Tranchirer vor sich herträgt, spricht er doch immer wieder Katastrophen ganz unverhüllt aus, ja er erzeugt sie geradezu bei seinen Lesern, mindestens Katastrophen kognitiver Art.
Die Erklärungsversuche der professionellen Opfer dieses Wolfs haben durchaus überzeugende Anteile zu bieten: Vom Zermahlen aller Bedeutungen ist die Rede, von seiner Erzählbewegung, die voller Überraschungen und Erwartungsenttäuschungen sei und nie berechenbar. Die Pointen werden verweigert und entstehen gerade wieder aus der Verweigerung.
Bei aller Oberflächen-Ähnlichkeit mit den Surrealisten unterscheidet sich Wolf von ihnen dadurch, dass ihm die Unverbindlichkeit, die Willkür des Surrealismus ebenso fehlt wie die Hoffnung, im Unbewussten spreche sich etwas "Eigentliches", "Authentisches" aus. Literatur besteht aus Sprache, und wie viele avantgardistische, moderne, schließlich postmoderne Texte halten auch die Werke Ror Wolfs das dauernd präsent, ohne zu einer dünnblütigen Selbstreflexionsliteratur zu werden.
"...und in der Ferne explodiert die Post"
Besonders an den Gedichten kann man nun erneut studieren, wie sehr die Fußballsonette, Hans Waldmanns unendliche Abenteuer oder Pfeifers Reisen Wortmusik aufführen. Man muss diese "Klinggedichte" laut lesen, wahrlich eine Abschaffung der Langeweile durch Musik, wie ein Gedicht heißt; durch Musik, und eben durch unentwegte Katastrophen: "Der Himmel knirscht, kein Rost, kein Bodenfrost./ Nur oben brennt das Ministerium,/
Abgetrennte Körperteile geistern durch die Gedichte, Figuren stürzen in Spalten, die beschädigten Einrichtungen der Welt schmatzen, knacken und zerfließen, und "die schlanken Damen schwanken auf den Planken". Die unendliche Vielfalt löst sich in Nichts auf, ein immer wieder komischer Vorgang, obwohl so klar gar nicht ist, worin der Trost liegt, den solche Lektüre verschafft, wenn Tranchirer in seinen Zerschneide- und Montagetätigkeiten die täglichen, schon gar nicht mehr registrierten Katastrophen in Auflösung und damit offenbar in die richtige Bedeutung bringt.
Aber der Trost ist da, die Unheimlichkeit der Zeit wird zur Levitation gebracht. Wolfs Werk hat bislang erratisch den Deutungsversuchen widerstanden. Es ist noch nicht erklärt, warum diese Mischung aus "Aufregung und Erschrecken, Wirklichkeitslust, Wichtigkeit und Kürze", aus Sprachgewalt, Komik und Entsetzen ihre Leser so bewegt und erheitert, was ihren Sog ausmacht. Ein rätselhaftes, sehr alltagstaugliches Werk: "Ich sollte jetzt an das Denken denken, aber an das Denken denke ich nicht, ich denke an etwas ganz anderes. Mit diesem Gedanken springe ich auf und verlasse den Ort."
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