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Rotterdam: Flecken mit Eigenleben

Ein Rundgang über die Art und die Object Rotterdam.

Ein Readymade, na toll, denkt man ein wenig genervt und will eigentlich möglichst schnell weiter, als etwas im Augenwinkel glitzert. Es ist ein handelsüblicher Besen, auf dem ein paar Farbflecken von der Benutzung im Kunst- oder Anstreicherkontext zeugen, doch diese Flecken haben es irgendwie in sich. Schaut man genauer hin, entdeckt man, dass die Farbkleckse nicht sind, was sie zu sein scheinen, sondern schwarze Miniatur-Diamanten, edle Steinsplitter und Perlenpartikel.

Susan Collis ist dafür mit dem Illy-Prize der gleichnamigen Kaffeefirma ausgezeichnet worden, der mit 10 000 Euro dotiert ist und jährlich auf der Art Rotterdam verliehen wird. Entscheidend dürfte dabei nicht nur der Besen, sondern Collis' Präsentation am Stand ihrer Londoner Galerie Seventeen gewesen sein: eine ganze Koje voller Banalitäten, von der fleckigen Arbeiterjacke, über olle Balken, diverse Schrauben und Dübel, bis hin zu einem schmuddeligen Tisch. Dass sich Ränder und Flecken stets als sorgsam applizierte Einlege- oder Näharbeiten entpuppten, dass die wertvollsten Materialien verwendet wurden, sah man erst, nachdem Galerist Dave Hoyland zum genaueren Hinschauen aufgefordert hatte.

Gleiches gilt übrigens für die zarten Ritzarbeiten von Graham Dolphin, ebenfalls präsentiert von Seventeen: Unlesbar winzig hat der Künstler Texte von den Beatles oder Bob Dylan auf die jeweiligen Vinylschallplatten geritzt, was im Fall des White Albums ein immenser Aufwand gewesen sein muss. Allerdings gehört die Galerie Seventeen mit ihrem bemerkenswerten Programm zu den Ausnahmen auf der zehnten Art Rotterdam, die insgesamt wieder eine eher lokale Angelegenheit war: Von 73 Galerien kamen gut zwei Drittel aus den Niederlanden. Glücklicherweise ist es den Machern der Art Rotterdam aber auch in diesem Jahr gelungen ihr Konzept - junge, aufstrebende Galerien, die ungewöhnliche Kunst zu zivilen Preisen anbieten - mit der entscheidenden Anzahl arrivierter Kollegen anzureichern, die über endlose Foto-Variationen vermeintlicher Becher-Schüler, zahlreiche Keramik-Ungetüme und Porträtgemälde hinwegtrösteten.

So etwa die Galerie Dépendance aus Brüssel, die nicht nur mit Haegue Yang eine zweite würdige Anwärterin auf den Illy-Preis im Programm hatte, sondern auch bezaubernde Blätter aus den siebziger Jahren von Thomas Bayrle und ein reichlich merkwürdiges, wenngleich auf subtile Weise fesselndes Pünktchen-Gemälde von Benjamin Saurer für 5500 Euro.

Das heimliche Thema: Tiere

Parisa Kind aus Frankfurt war bereits zum zweiten Mal in Rotterdam, obwohl sie sich diesmal den Stand mit Loraini Alimantiri aus Athen teilte. Die ergreifend schöne Leinwand von Thilo Heinzmann, eine Konfrontation von Pferdefell mit Amethyst, passte aber wohl eher zufällig zum heimlichen Thema der Messe: Tiere. Die Galerien Pianissimo und MKgalerie zeigten ausgestopfte Rehkitze, bei Torch sorgte ein zerstückelter Collie für sanften Grusel und bei Ronmandos begutachtete ein präpariertes Äffchen seine rot lackierten Fingernägel, gegenüber stand ein gepiercter Hahn.

Die mit Sammeltellermotiven und Porzellanwaffen angereicherten, im Wortsinne brutal-kitschigen Keramikhähnchen von Pauline Wiertz, die im vergangenen Jahr von einer New Yorker Galerie präsentiert wurden, fanden diesmal in der Halle gegenüber bei "Object Rotterdam" ihren Platz, einer mit 21 Ausstellern äußerst kleinen Messe für "autonomes Design", die in diesem Jahr zum ersten Mal stattfand und ausschließlich Unikate oder streng limitierte Objekte anbot.

Eine nahe liegende Idee, nicht nur aufgrund der attraktiven Lage - ein alter Schiffsterminal auf der Hafenhalbinsel Kop van Zuid -, wenige Meter von Ben van Berkels berühmter Erasmus-Brücke entfernt, sondern auch, weil sich in Rotterdam eine ganze Reihe bemerkenswerter Designer angesiedelt haben, nicht zuletzt seit Richard Hutten vor zehn Jahren ein Gebäude im Obst-Bereich des gigantischen Hafens bezog und zahlreiche Kollegen ihm nachfolgten.

So etwa die Gruppe Demakersvan, die auf der "Object" ein Stück Maschendrahtzaun zeigten, das zu einem kunstvollen Ornament verwoben eine "Antwort auf all die hässlichen Zäune" geben soll, die in der Welt so herumstehen. Auch Hutten selbst war mit einem Entwurf vertreten, der genauso gut auf der Kunstmesse seinen Platz hätte finden können: ein Teppich, dessen Orientmuster sich zur Hälfte in sorgfältig sortierte Linien auflöst. Angeboten wurde das Stück für 7000 Euro erstaunlicherweise nicht von einem Niederländer, sondern von der Mailänder Galerie I+I.

Ansonsten gab es hanebüchenen Kitsch, untragbaren Schmuck, Stehlampen aus zusammengeknäuelten Gartenschläuchen, eine Anrichte aus Dominosteinen und natürlich Droog - die derzeit erfolgreichste Designgruppe der Niederlande, mit einer Präsentation ihrer Klassiker, wie dem aus diversen Lagen alter Klamotten bestehenden Rag Chair oder dem Chest of Drawers, einem locker miteinander verbundenen Schubladensammelsurium, beides Entwürfe von Tejo Remy.

Warum Droog Maßstäbe gesetzt hat, ist auch durch den Vergleich mit diversen Kollegen schnell ersichtlich. Um die angepeilten Synergieeffekte mit der Kunstmesse noch effektiver zu nutzen, sollte man bei der "Object Rotterdam" ruhig noch ein wenig nachbessern.

Autor:  SANDRA DANICKE
Datum:  9 | 2 | 2009
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