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Rudi Dutschke: "Füchsisch aufpassen"

Rudi Dutschkes Brief vom 25. 2. 1975 im Wortlaut.

Rudi Dutschke nach seiner Ankunft in Århus, Februar 1971.
Rudi Dutschke nach seiner Ankunft in Århus, Februar 1971.
Foto: dpa

Liebes Gretchen,

mir ist die Sache nicht ganz klar, aber dennoch muß ich Dir einige Zeilen mitgeben - für den ,Fall aller Fälle'. Du hast mir wenig geglaubt in meiner Einschätzung von Personen aus unserem Umkreis. Darum hat es auch keinen Sinn Dir meine Überzeugungen und Begründungen niederzuschreiben. Nur eins sollst Du nie aus dem Kopf verlieren, das ist die 99,9%-Überzeugung von mir, daß, wenn es einen ,Abgang' von mir gibt, dann ist das in der gegenwärtigen Phase eher durchgeführt durch SU-DDR-Geheimdienst als durch westlichen. Letzterer wird sofort etwas versuchen, wenn er es für unerläßlich hält. Dafür gibt es zur Zeit keinen Anlaß. Meine kurzen Auftritte zeigten Kraft, aber auch die Schranken von mir. Ich habe nicht die Absicht in einer Phase wie der jetzigen selbstmörderisch an die Massenmobilisierung heranzugehen.

Was das Interesse für die ersteren wäre? Ganz einfach, und ohne Überheblichkeit, ich bin für sie leider die einzige wirkliche theoretische und politische Herausforderung. War das Buch schon ein gefährlicher Schlag für sie, so wird meine Konkretisierung der Kritik des ,despotischen' Kommunismus vom Standpunkt des ,demokratischen' Kommunismus halt noch gefährlicher. Meine These wäre falsch, wenn die demokratische Richtung sich durchsetzt. Dann wäre ich keine Herausforderung, sondern ein Glied im einheitlichen antikapitalistischen Kampf. Dem ist aber nicht so. Ost- und West-Geheimdienst werden wahrscheinlich gerade in der Kontrolle der Reste, Relikte bzw. Neuansätze der ,Neuen Linken' kooperieren. Mir ist nicht wohl zumute. Aber meine Lage ist halt nicht mehr die vom letzten April. Etwas habe ich schon vollbracht...

Habe keine Lust, mich draufgehen zu lassen, werde wie ein Fuchs aufpassen. Aber nichts ist unmöglich. Darum schreibe ich diese kurzen Zeilen. Sie haben Sinn nur für den Fall...

Unseren beiden Kindern Ho und Po mußt Du alles (!) erzählen, besonders dann wenn sie die Geschichte der Kämpfe für die Befreiung schon besser durchschauen können.

So, wie gerne ich mit Dir zusammenbleiben möchte, habe ich oft gesagt, erkläre es hier noch einmal. Wir hatten ein barbarisches, aber oft auch schönes Leben miteinander. Hoffentlich geht es besser weiter.

Seid umarmt

Rudi

P.S.: Habe mich gut unter Kontrolle...

Rudi Dutschke schrieb diesen Brief an seine Frau Gretchen Klotz-Dutschke am 25. Februar 1975. Mit dem Buch ist seine 1974 im Wagenbach Verlag publizierte Dissertation gemeint: "Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen - Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Lenin, Lukács und die Dritte Internationale". Mit "Ho" ist der älteste Sohn Hoseia Che und mit "Po" die Tochter Polly gemeint, der jüngste Sohn Marek ist erst 1980 nach dem Tod seines Vaters geboren. FR

Datum:  28 | 5 | 2009
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