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29. Dezember 2015

Rückblick 2015: Was für die Geschichtsbücher bleibt

 Von 
Ramadi, zuletzt in der Hand des IS, wird seit Tagen von den Truppen des Irak zurückerobert.  Foto: REUTERS

Ein Versuch unter dem Eindruck des Kriegs in Syrien, der Flüchtlingskrise oder der bedrohten Europäischen Union über das Jahr 2015 nachzudenken.

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Wer in seine Suchmaschine „Konflikte 2015“ eingibt, dem liefert Wikipedia 46. Die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkünfte im August in Heidenau in der Sächsischen Schweiz gehören dazu wie auch die im Mai begonnenen Kämpfe um den ukrainischen Flughafen Donezk. Genannt werden weiterhin die demonstrativen Selbstverbrennungen von Tibetern, die Terroranschläge von Januar und November in Paris, der syrische Bürgerkrieg, das Oktober-Attentat auf die US-Botschaft in Sarajevo, die seit dem März andauernde Militärintervention gegen den Jemen.

Es ist das Kuddelmuddel von Gemetzeln, die die Menschheitsgeschichte weniger zu durchziehen als zu konstituieren scheinen. Bei vielen der aktuellen Ereignisse findet sich das Wort islamistisch. Bei einem Vergleich mit früheren Jahrhunderten wird man feststellen, dass es eines Islamismus, eines Islam, nicht bedarf, um für Konflikte zu sorgen.

Sub specie aeternitatis – unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit muss man das so sehen, aber so leben wir nicht. Wir leben im Handgemenge der Aktualität. Das führt leicht dazu, dass wir Nachrichten hübsch getrennt voneinander aufbewahren. Die einschlägigen Institutionen informieren uns, dass die Millenniumsziele bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt zwar nicht erreicht wurden, dass aber heute deutlich weniger gehungert wird als noch vor zehn Jahren. Blicken wir hinüber in das andere Nachrichtensegment, so stellen wir fest: Gleichzeitig fliehen immer mehr Menschen hunderte, tausende von Kilometern aus ihren Lebensräumen.

Aus der nationalen Armutsforschung wissen wir, dass es bei Armut um nichts Absolutes geht. Es geht um eine als unerträglich empfundene Differenz. Nicht zwischen denen ganz oben und denen ganz unten. Die wird meist akzeptiert. Die Revolten richten sich meist nicht gegen die Spitzen der Gesellschaft, sondern gegen die Vorgesetzten. Bei der Einschätzung der eigenen Situation spielt nicht der Abstand zu den Reichsten eine Rolle, sondern es geht und ging wohl immer mehr um die Distanz zwischen denen in der unteren und denen in der oberen Mitte. Zur Flucht führt nicht der nackte Hunger, die absolute Armut, sondern die Einschätzung, Zuhause schliddere man unaufhaltsam die soziale Stufenleiter abwärts. Das gilt für die Binnenmigration zum Beispiel in Deutschland genauso wie für die großen internationalen Migrationsbewegungen.

Es kommt noch etwas hinzu: Der Mechaniker im Irak hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie ein Mechaniker in Europa lebt. Wenn er sie nicht hat, hat sie ein das Internet nutzender Freund. Der erzählt ihm nicht nur davon. Er zeigt es ihm. Die Globalisierung ist dabei, aus weitgehend getrennten Weltregionen kommunizierende Röhren zu machen. Es ist nicht mehr nur das Kapital nach billiger Arbeitskraft unterwegs, sondern die Arbeitskraft sucht sich jetzt auch Orte, an denen sie sich günstiger verkaufen kann.

In dem Bündel von Motiven, die Menschen in Bewegung setzen, darf man nicht nur an Hungerbäuche, zerbombte Landschaften und Naturkatastrophen denken. Das alles spielt eine Rolle, aber es findet auf der geänderten Geschäftsgrundlage einer globalisierten Welt stand. Sie ist es ja nicht nur objektiv, sondern auch in den Fantasien der Menschen. Als der verarmende Kleinadel kastilischer Städte und Dörfer hörte, dass in Afrika und Westindien Vermögen gemacht werden konnten an Goldküsten und in Silberländern („Argentinien“), da brachen sie auf in blühende Landschaften („Florida“) und entdeckten Städte, die den Reichtum der europäischen bei weitem übertrafen. Sie kamen als Räuber und Totschläger.

Tenochtitlan, Cusco („Der Nabel der Welt“ auf Quechua) wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Indianer ausgerottet. Eine der gerne übersehenen Quellen der europäischen Ängste vor der „neuen Völkerwanderung“ liegt hier. Die Europäer schließen von sich auf andere.

Europa wäre nur zu retten, indem man mehr Europa schafft

2015 wird – so ist zu fürchten – als der Anfang vom Ende der Europäischen Union in die Geschichtsbücher eingehen. Die Flüchtlingsfrage sprengt das europäische Haus. Das geht natürlich nur, weil wirtschaftlich und politisch längst Sprengsätze gelegt sind. Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik treibt Europa auseinander, statt es zusammenzubringen. Europa wäre nur zu retten, indem man schnell mehr Europa schafft. Die europäischen Staaten müssten nicht nur Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, sondern auch Außen- und Sicherheitspolitik energisch zusammenführen. Damit ist heute weniger als je zu rechnen.

Migranten an der mazedonischen Grenze. Die Flüchtlingsfrage sprengt das europäische Haus, doch die Sprengsätze haben Politik und Wirtschaft gelegt.  Foto: REUTERS

2004 erklärte die rot-grüne Bundesregierung noch, unsere Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Als Russland 2014 die Krim annektierte, sah Europa sich außerstande, den sicherheitspolitischen Status quo zu verteidigen. Es sieht nicht so aus, als würde das jetzt in Syrien besser gelingen.

Das sind nur ein paar der Probleme, die derzeit bei uns auf der Tagesordnung stehen. Aus den Schlagzeilen der Tageszeitungen ist das Drohpotential Nordkorea wieder verschwunden. Auch die verschiedenen Konflikte zwischen China und Japan sind ja nicht beigelegt, sondern werden weiter am Schwelen gehalten. Die Bedrohung, die von zerfallenden Staaten ausgeht, konzentriert sich auf die Organisation „Islamischer Staat“. Das ist ganz falsch. Man sollte die dort gemachten Erfahrungen nutzen, um vergleichbaren Entwicklungen in einem Dutzend anderer Staaten entgegenzuwirken.

Seit 1971 veröffentlicht das World Economic Forum jedes Jahr seinen „Global Competitiveness Report“. Das war und ist im Wesentlichen der Versuch, die Produktivitätsentwicklungen einzelner Länder an Hand eines Dutzend von Indikatoren festzustellen und – mehr oder weniger erfolgreich – zu prognostizieren. Im Jahre 2015 veröffentlichte das Forum erstmals einen „Inclusive Growth and Development Report“.

„Inclusive“ heißt er, weil er misst, wie weit die Bevölkerung am Wachstum beteiligt ist. Das den Davos-Gipfel ausrichtende Forum hat also begriffen, dass zu einem gesunden Wachstum gehört, dass möglichst viele etwas von ihm haben. Fast ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis das Forum begriff, dass dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum auf gesellschaftlichen Frieden angewiesen ist. Dabei hatte es nirgendwo an Stimmen gefehlt, die das nicht nur gepredigt, sondern auch nachgewiesen hatten.

Manche werden es vielleicht als gute Nachricht werten, dass das Forum, immerhin eine der zentralen Adressen der Reflexion über Weltwirtschaft, das im Jahre 2015 endlich auch begriffen hat. Pessimistische Hyperrealisten freilich werden der Befürchtung Ausdruck verleihen, dass, wenn das World Economic Forum darauf gekommen sei, dass massive Ungleichheit ein Wachstumshindernis sei, dann müsse man wohl leider davon ausgehen, dass die Ungleichheit ein Ausmaß angenommen habe, das nicht mehr friedlich zu reparieren sei.

Die Welt funktioniert nicht nach Zeitmaß der Politik

Ähnlich werden Schwarzseher auf die Einigung des Pariser Klimagipfels blicken. Die Klimaforscher haben Jahrzehnte dazu gebraucht, manchen Politikern beizubringen, dass unsere Welt nicht nach einem einzigen Zeitmaß funktioniert und schon gar nicht nach dem der Politik. Es gibt natürliche und auch gesellschaftliche, wirtschaftliche Prozesse, die spielen Jahrzehnte, Jahrhunderte lang auf den Tagesordnungen keine Rolle. Wenn sie endlich auf dieser aufschlagen, ist es oft – man nehme nur Staatsverschuldung oder Versteppung – schon fünf vor oder gar nach zwölf. Die Politik ist zu sehr mit der „Forderung des Tages“ beschäftigt. Die Wahrnehmung zukünftiger Entwicklungen betrachtet sie oft als nichts als „Visionen“. Helmut Schmidt verwendete den Begriff gerne als Schimpfwort. Er qualifizierte damit Visionen ab, die nicht die seinen waren.

Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Finanzpolitik treibt Europa auseinander. Die Diskussionen um den "Grexit" haben das 2015 deutlich gezeigt.  Foto: REUTERS

Nicht die Vision, sondern die Kurzsichtigkeit scheint mir die eigentliche Berufskrankheit der Politik. Nicht nur der Politiker. Man muss sich nur vor Augen halten, wie viel Arbeitskraft und Lebenszeit in den letzten Wochen für den Konflikt Merkel – Seehofer draufging. Nicht nur bei den beiden, nicht nur in den betroffenen Parteien, sondern auch in den die Politik begleitenden Medien. Für das dahinter stehende Problem der Flüchtlinge, bleiben allenfalls ein paar Fitzelchen Restenergie übrig.

Wenn man daran denkt, dass die Flüchtlinge nur Symptome eines komplexen Bündels von natürlichen, gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Problemlagen sind, dann wird einem klar, wie weit entfernt wir davon sind, das Problem auch nur zu analysieren, geschweige denn zu lösen.

Die Politik dafür zu schelten, wäre nur ein hilfloser, aber wohl unumgänglicher Anfang. Wichtiger wäre, dass die Öffentlichkeit, auch die Zeitungen, sich mehr interessierten für die Entwicklungen, die nicht oder nur ganz unten auf der Tagesordnung stehen.

Ich stand einmal abends mit einer Freundin in Frankfurt am Main vor dem Senckenbergmuseum. Sie sah die lebensgroße Nachbildung des vor dem Gebäude stehenden Riesensauriers nicht. Sie war zu nahe dran. Ich hätte ihn wohl auch nicht gesehen, wenn ich nicht gewusst hätte: Hier steht er. So geht es uns womöglich mit der Erderwärmung, dem Rassismus oder dem Trinkwassermangel, den zerfallenden Staaten, dem Ende der Europäischen Union. Bei zerfallenden Staaten denken wir an afrikanische Länder. Wir brauchen den Abstand, um etwas wahrzunehmen.

Das gilt für die Welt. Das gilt aber auch für uns selbst. Wir erkennen den Wahnsinn im anderen. Nicht in uns selbst. Wir fragen uns entgeistert: Was macht aus einem netten, freundlichen Ingenieurstudenten einen Terroristen? Was treibt einen Piloten dazu, bei seinem Selbstmord 150 Menschen mit in den Tod zu nehmen? Wir sollten uns Zeit für diese Fragen nehmen und ihnen Platz schenken. Wir sollten sie benutzen, um nachzudenken, über unsere Unfähigkeit, Briefe des Finanzamtes zu öffnen. Unser eigenes Gemütsleben ist uns mindestens ebenso fremd wie das eines verzweifelten Piloten. Wir sind ihm nicht gleich. Aber wir gleichen ihm. Vielleicht nicht jetzt, während wir diesen Artikel schreiben oder lesen, aber in anderen Augenblicken.

Wir müssen uns beschäftigen mit den Krisen der Welt und mit denen der Mitmenschen. Nicht, weil wir glauben, wir könnten dergleichen ein für alle Mal verhindern, sondern weil wir wissen wollen, wie Dinge geschehen, wie Menschen funktionieren. Aus Egoismus also hilft uns nur: Empathie mit der Welt.

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