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01. Juli 2011

Rückblick: Antisemitismus und Antikommunismus

 Von Arno Widmann
Familie in den 60er Jahren.  Foto: dpa

Eine Tagung blickt zurück auf die 60er Jahre. Daniel Cohn-Bendit und Jürgen Habermas sind als Zeitzeugen geladen und diskutieren über den „linken Faschismus“.

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Flohen die 68er in den Sozialismus, um sich nicht mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen zu müssen? Nein, meint Daniel Cohn-Bendit und erzählt, wie seine damalige Freundin ihn sehr bald ihrem Vater vorstellte, damit der, ein ehemaliger SS-Mann, einem Juden die Hand geben musste. „Wer als Historiker nur die Bücher liest, der wird die Geschichte nie begreifen. Die Auseinandersetzung der 68er mit der Nazivergangenheit hat sich in den Wohnzimmern und an den Küchentischen abgespielt.“

In einem der schönsten Luxushotels Deutschlands, vor der prachtvollen Kulisse eines hochsommerlichen Sonnentages in den bayerischen Voralpen, debattierten Wissenschaftler der Universität München mit Kollegen aus dem kalifornischen Berkeley über „Jüdische Stimmen im Deutschland der 60er Jahre“. Mit Deutschland war die Bundesrepublik gemeint. Als Zeitzeugen hatten die Historiker Jürgen Habermas und Daniel Cohn-Bendit eingeladen. Das war sicher ein Fehler. Keiner der Vorträge der Fachleute wurde so aufmerksam verfolgt wie die Auftritte der beiden Quellen. Auch in diesem Bericht werden die Historiker darum nicht vorkommen.

Doch zunächst ein ganz anderer Blick auf die Welt: Zu den Versammelten sprach der Münchner Generalkonsul der USA Conrad R. Tribble. Er erzählte von einer Ausstellung über Schwarzamerikaner in der BRD der frühen Nachkriegsjahre, die zeige, dass „gerade die von ihnen, die aus dem Süden der USA gekommen waren, in Deutschland eine Freiheit kennenlernten, die sie aus ihrer Heimat nicht kannten.“

Cohn-Bendit, am 4. April 1945 im französischen Montauban geboren, berichtete, er habe seine Zeugung der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 zu verdanken. Ohne die hätten seine Eltern sich nicht treffen können. Schon darum habe ihm der Antiamerikanismus immer fern gelegen. Die die Freiheit brachten, waren selbst nicht frei.

Amerikanische Soldaten waren selbst nicht frei

„Ohne die jüdischen Remigranten“, erklärte Jürgen Habermas, Jahrgang 1929, wäre zumindest in den Geisteswissenschaften alles einfach weitergelaufen. Es hätte keinen Freud, keinen Wittgenstein gegeben. Die zurückgekehrten Juden hätten, so Habermas, „die Relevanzstruktur“ der wissenschaftlichen Fragestellungen verändert. „Man darf nicht vergessen“, mahnte Habermas, „bis in die 70er-Jahre hinein bestand noch die Befürchtung, dass es auch hätte schiefgehen können.“

Als Cohn-Bendit nach Habermas’ Vorwurf an die Studentenbewegung, sie praktiziere einen „linken Faschismus“, gefragt wurde, antwortete er, Habermas habe damals, im Juni 1967, etwas Richtiges getroffen. Die Revolutions- und Umsturz-, ja Gewaltrhetorik eines Rudi Dutschke sei „erschreckend“ gewesen. Aber Habermas habe seinen Vorwurf ja später zurückgenommen. „Im Jahre 1977, im Deutschen Herbst“, erläuterte Habermas. Er wollte sich nicht instrumentalisieren lassen für die Hetzjagd auf als RAF-Sympathisanten bezeichnete kritische Intellektuelle. Es sei ihm, erklärte Habermas, beim Vorwurf des Linksfaschismus um die Strategie gegangen, die „in den Institutionen verkapselte Gewalt zu entbinden, um das wahre Gesicht der Verhältnisse zu zeigen“.

Fortsetzung des Antikommunismus der Nazis

Dann wandte sich Habermas direkt an Cohn-Bendit: „Sie ignorierten damals, das werfe ich Ihnen auch heute noch vor, die Rolle des Antikommunismus. Der war die Fortsetzung des Antikommunismus der Nazi-Zeit. Der Antikommunismus erlaubte es, einfach weiterzumachen. Eine Befreiung vom Nationalsozialismus war in Deutschland nur möglich als Anti-Antikommunismus.“

Cohn-Bendit erwiderte nichts darauf. Er hatte zuvor klargemacht, dass er als libertärer Anarchist immer auch Antikommunist gewesen sei. Als er bei einer seiner ersten Demonstrationen in Frankfurt am Main ein paar Leute am Straßenrand sah, die die Demonstranten aufforderten, doch nach drüben zu gehen, ging er auf sie zu und konterte: „Wenn ihr keine Demonstranten wollt, geht doch nach drüben!“ Das war, das sah Jürgen Habermas auch an diesem Dienstag in Elmau nicht, genau das Hoffnungsvolle an der frühen Studentenbewegung. Dieses helle, antiautoritäre, gegenwartswache Moment wurde dann zerrieben in K-Gruppen, Terrorismus, Landkommunen, Psychotrips und auf dem langen Marsch durch die Institutionen.

Er habe nichts über sein Judentum und nichts über die Rolle der Juden 1968 gesagt, fragte der Historiker Norbert Frei Daniel Cohn-Bendit. Ab wann sah er denn den Antisemitismus der Linken? „Ich bin kein jüdischer Jude. Ich war ein Paria. Ich war für den Häuserkampf, ich war für die Aufführung von Fassbinders ,Der Müll, die Stadt und der Tod'. Natürlich gab es Antisemiten in der Linken. Wir haben das 1976 in Entebbe gesehen, als die Entführer die Passagiere nach Juden und Nicht-Juden teilten. Wirklich allein aber habe ich mich gefühlt, als es um Bosnien ging. Mit dem Nie-wieder-Deutsch hatte ich, das versteht sich von selbst, nie etwas zu tun. Nie-wieder-Auschwitz – damit war ich nie allein. Aber bei Bosnien ging es um Nie-wieder-Wegsehen. Damit war ich allein. Joschka Fischer musste aus diesem Nie-wieder-Wegsehen erst ein Nie-wieder-Auschwitz machen. Das ist falsch. So wird Auschwitz instrumentalisiert.“

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