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Rückhaltloser Spaß: Orgie im Gemeindebau

Eine Orgie, so scheint es mir, pervertiert den Sinn und die Vernunft, indem sie das Infantile, das von Moral und Erziehung Gehemmte zulässt, was eine ungeheure Lust verspricht. Eine Orgie ist Lust - an was auch immer. Und deshalb ist sie auch suspekt, wird als gefährlich angesehen. Eine Orgie ist das Gegenteil von jeder Organisation, sie ist organisch, unorganisiert, ungeplant, spontan. Gemeinhin wird die Orgie als Gruppenerlebnis definiert, als kollektiver Lustrausch. Die handelnden Personen agieren nicht nur, sondern erleben gleichzeitig auch eine Katharsis? Möglich ist natürlich alles, aber vorstellen will ich mir das nicht - schon wenn ich nur an Elke denke oder daran, dass ich die meisten Menschen, auch die schönsten, als hässlich empfinde, steht ihnen doch ins Gesicht geschrieben, was sie täglich in der Zeitung und im Fernsehen konsumieren, was sie essen Tag für Tag: gemästetes Schweinefleisch, unbefruchtete Embryonen von in kleinen Gefängnissen gehaltenen Hühnern, Würste aus Knochenmehl, Chemie - und wenig Oregano. Und so sehen sie auch aus. Mit denen eine Orgie? Niemals.

Auch die Aufführungen von Österreichs bekanntestem Orgienkünstler, Hermann Nitsch, halte ich eben deshalb für problematisch, weil es Zuseher gibt, Leute, die nicht mitmachen, sondern nur konsumieren - auch wenn sie eingebunden sind, sie bleiben doch Betrachter und stören mit ihren zensierenden Blicken, mit ihren Birkenschlapfen und karierten Pullovern, ihren originellen Designerbrillen, Frisuren und Zwängler-Gesichtern, sie stören die Enthemmung. Da ist das orgiastische Gefühl selbst in der Liturgie noch leichter herzustellen, erstens weil man da mehr auf die Bühne des Altars konzentriert ist, der Nachbar keine Rolle spielt, solange er nicht daraus fällt, und zweitens weil der Ablauf als bekannt vorausgesetzt werden kann. Deshalb habe ich es übrigens als Ungeheuerlichkeit empfunden, als die katholische Kirche vor einigen Jahren das kollektive Händeschütteln und "Friede"-Wünschen eingeführt hat.

Ob man das, was ein Publikum erlebt, als Orgie bezeichnen kann, weiß ich nicht. Im geglückten Fall ist es ein großes gemeinsames Erlebnis, eine sinnliche, manchmal denklüsterne Entgrenzung. Während die Schauspieler und Musiker vielleicht ganz andere private Orgien erleben, oder auch nur ihrem Handwerk nachgehen, spielen sich im Publikum Triumphe des Genusses ab - oder auch nicht. Jedenfalls immer zivilisiert.

Die Orgie ist zumindest ihrer Idee nach ein Aufbegehren gegen die Kommunikationslosigkeit, gegen das monadische Dasein des Einzelnen. Es kommt zu einer wechselseitigen Durchdringung mit anderen als auch mit dem Cosmos - oder, um es mit Freud zu sagen, das Es trifft das Über-Ich und geht stiften.

Die Orgie ist eine rituelle Erfahrung unseres Seins, weshalb es in allen Naturvölkern orgiastische Feste gibt, in denen alle sonst herrschenden Regeln ihre Gültigkeit verlieren. Bei uns ist dieses heidnisch Orgiastische noch am ehesten im Faschingsbrauchtum zu finden, wo geschützt durch die Verkleidung die gesellschaftliche Ordnung auf den Kopf gestellt wird. Aber es gibt auch andere orgiastische Veranstaltungen wie etwa die Tomatita in Spanien, bei der sich die Teilnehmer eine größenwahnsinnige Schlacht mit Tonnen von Tomaten liefern, um sich so ins Paradeis zu manschen. Auch die Mattanza fällt mir ein, die blutrünstige Thunfischjagd vor Sizilien. Und was haben wir? Starmania und Wetten dass? Oder das Neujahrskonzert?

Eine Gesellschaft braucht die Orgie, ein kollektives sich Entäußern und Verlorengehen im Rausch, das beste, was wir kennen. Wir haben zwar Bierzelte und Feuerwehrfeste, Fußballspiele und Happenings in der Kunst. Doch sind das Orgien? Auch Leute, die mit Mülleimern voller Popcorn ins Kino gehen, erleben eine Art von Orgie. Selbst in einem Fastfood-Restaurant ist alles bigger, better, larger, ultrabig, Kingsize. Wir haben die Orgie, dieses kultisch anarchische Ereignis, dem alles außer Rand und Band gerät, nichts heilig ist, zurechtgestutzt auf kleine Orgien des Konsums, auf kleine leistbare Übertreibungen. Warum? Weil die Orgie was Subversives ist? Hat man deshalb den Wiener Aktionismus so verdammt? Hermann Nitsch zum Staatsfeind erklärt?

Uns fehlt die Orgie, das Dionysische. Unsere Gesellschaft verdrängt die Körpersäfte, den Exzess. Wir ergehen uns in Angst vor Asylanten, Angst vor Krebs, Angst vor dem Sinnlosen, der Leere, dem Bankrott. Vielleicht wäre die Orgie ein schönes Gegenangebot? Könnte man das Orgiastische nicht in der Schule unterrichten? Vielleicht kann es Vereine zur Wiederbelebung der Orgie geben? Fernsehsendungen? Volkshochschulkurse? "Orgien leicht gemacht." Und wenn sich Hotels auf Orgien spezialisierten, wäre das doch auch ein sehr verlockendes Angebot. Ich ginge zwar nicht hin, doch täte es mich interessieren.

Franzobel lebt als Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien seine "Liebesgeschichte" (Zsolnay Verlag).

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Datum:  23 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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