Was gibt es Schöneres im Leben, als mit guten Freunden den Zustand vollkommener Heiterkeit zu fühlen, den Körper zu vergessen, abzuheben in eine klare Duselstimmung, einen wundersamen Rausch des Geistes, eine reinigende Seligkeit? Nun ist die Berauschtheit aber eine hohe, als solche oft vernachlässigte Kunst, drohen doch stets Übelkeit, Magensäure, Ausschweifung und Müdigkeit alles zu kippen. Räusche gibt es viele, nicht nur den des Alkohols, den des Wortes oder der Beseligung, auch den des Fressens, den der Macht, des Geldes, Sexes, Erfolges oder Sammelns.
Eine meiner Bekannten etwa, nennen wir sie Elke, hat die an sich löbliche Leidenschaft des Kunstsammelns, ist wie berauscht, kauft Kunst wie im Delirium, alles, was sie sich nur halbwegs leisten kann. Anselm Kiefer, Arnulf Rainer und Jeff Koons. Was an sich nicht tragisch wäre, wenn ihr nicht mehrere Zinshäuser gehörten und sie, angetrieben von ihrer Kunstbesessenheit, Altmieter, arme alte, von kleinen Renten lebende Menschen meist, unschön hinausekelte, um junge zahlungskräftigere zu lukrieren.
Diese Frau hat nie gelitten, außer vielleicht dass sie bei einem Hundertwasser einmal zu spät gekommen ist, keine Ängste ausgestanden, außer vielleicht die um eine Brigitte Kowanz. Immer wurde ihr alles in den Schoß gelegt, so dass man sich schon wünschen darf, ihr schönheitskorrigiertes Gesicht mitsamt ihrer aufgespritzten Lippen und Krähenfüße auch einmal im Dreck zu sehen.
Und ja, diese Elke ist recht hübsch. Doch kann man sich mit ihr berauschen, ohne an die rausgeekelten Mieter zu denken? Könnte man mit ihr eine Orgie erleben? Würde ihre soziale Hartherzigkeit alles zunichte machen? Oder brächte die Orgie so etwas wie Reinigung?
Haben Sie schon einmal eine Orgie erlebt? Träumen Sie davon? Hatten auch Sie wie einst der Herr Karl eine Orgie im Gemeindebau? Wahrscheinlich nicht, die Orgie ist nämlich etwas aus der Mode gekommen, Orgien helfen in keinem Lebenslauf, für Orgien gibt es in unserer sachlich nüchternen Welt nur noch wenig Platz, nur selten ist noch wer ein polygamer Orgiast.
Um es gleich zu sagen, ich bin weder Organist, noch ein Verfechter der Orgie, aber ich beschäftige mich gern damit, weil sie die Abgründe unserer Existenz, das O, entblößt, durch ihre überhöhte Aufschwellung hinabschauen lässt in die Untiefen der Verdrängung, die Samenstränge unseres Seins.
Nur, was ist eine Orgie? Etwas, wie man in Österreich sagt, Oarges? Ein www.org, ein Happening mit Rudelbumsen? Eine Schlammschlacht unter Hippies wie in Woodstock? Oder doch mehr etwas Geistiges? Religiöses? Mystisches? Orgelmusik? Ist sie, wie wohl landläufig gemeint, urban und dekadent? Oder doch mehr eine Sauerei? War am Anfang aller Zeit nicht der Urknall, sondern die Orgie, die Urologie, nein Urorgie? Und wurden die ersten Menschen nur deshalb aus dem Paradies vertrieben, weil Eva auf Adams Orgelpfeife spielte? Und was war erst auf Noahs Arche los? Was in Jericho, in Sodom und Gomorra?
Sucht man im prallen Universum Internet nach Orgien, kommt man in Massenbefriedigungen zu stehen, die mehr mit einem landwirtschaftlichen Wettmelken zu tun haben als mit dem, was man sich nach Bataille, de Sade oder Apollinaire unter einer Orgie vorzustellen vorgenommen hat. Eine Orgie, so wie ich sie mir denke, hat weniger mit einer Masse kopulierender Körper zu tun, eher mit einer Überwindung des Fleisches durch das Fleisch im Fleisch, weniger mit einer zügellosen Ausschweifung casanovascher Ausrichtung, mehr mit einer rauschhaften Entgrenzung, einem ausgelebten Wahnsinn.
Doch so oder so, unsere Zeit ist ohne Zwänge und daher ohne Orgien, alles ist light und mager, kalorienarm. Heute ist es unvorstellbar, dass man völlert, bis nur noch ein Gänsekiel Abhilfe schafft, heute schlägt man sich nicht mehr die Bäuche mit Fasanen und Kapaunen voll, heute trinkt man Mineralwasser, lutscht Vitamintabletten und löffelt fettfreien Joghurt. Auch in der Oper wird nicht mehr gevöllert, in den Logen kaum noch kopuliert, jetzt steht man in der Pause an für ein Eiaufstrichbrötchen um acht Euro und ein Glas schlechten Sekt, was man nicht genießen kann, weil es bereits zum nächsten Akt läutet. Die einzigen Veranstaltungen, die sich Orgien nennen, finden in vorstädtischen Swingerklubs auf desinfizierten Matratzen und zwischen Möbeln aus Pressspanplatten statt, wo man sich gegenseitig die Körperöffnungen mit Sprühschlagsahne füllt. Früher haben die Herrschenden möglichst dekadent und ekstatisch gelebt, heute berauschen sie sich an Information, Geld und leben eck-statisch.
Orgien finden heute an den Börsen statt, wo Broker mit fünf Handys, drei Nachrichtentickern und unzähligen Zahlenkolonnen gleichzeitig hantieren. Das, was sich im Herbst 08 an den Wertpapiermärkten abspielt, ist eine Orgie der Angst und Hysterie, der eine Orgie der Gewinnsucht vorausgegangen ist. Auschwitz war eine Orgie der Grausamkeit, das Gemetzel der Hutu-Milizen an den Tutsi (1994) eine Orgie der Gewalt, die Zeit der Hexenverbrennungen eine Orgie der Denunziation. Wahrscheinlich gibt es wenige Tätigkeiten, die man nicht orgiastisch orgeln kann. Bei Honoré de Balzac beispielsweise war es das Kaffeetrinken (bis zu 70 Tassen pro Tag), aber auch das Schreiben und Schuldenmachen. Gibt es auch Orgien des Lesens? Fensterputzens? Spazierengehens? Orgien des Bettenüberziehens? Telefonierens? Die Tortenschlachten in den Stummfilmen waren Orgien der Verschwendung. Ja, jede Sucht ist eine kleine private Orgie. Muss sie unkeusch sein? Vielleicht nur insofern, als etwas Intimes groß gemacht und ausgelebt wird. Heute gibt es Putz- und Fernsehorgien, Diät- und Wellnessorgien oder verrückte Sportveranstaltungen wie den Iron man oder ein Radrennen quer durch Amerika. Nur das Lukullisch-Sexuell-Religiöse, das was man als eigentliche Orgie versteht, fehlt. Und zwar fehlt es komplett. Unsere Welt ist übersexualisiert, doch nicht orgiastisch.
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