Nitzkydorf. Still ist es an diesem sonnigen Oktobertag vor Herta Müllers Geburtshaus. Still ist es in allen Gassen der kleinen Ortschaft Nitzkydorf (rumänisch: Nitchidorf), rund 30 Kilometer vom rumänischen Temeswar entfernt. Das Bellen von einigen Hunden und das Gackern mancher Gänse ist zwischen den etwas verfallenen Häusern zu hören. Stimmen hört man nur in der Nähe der kleinen Bar, rote Plastikstühle stehen auf der Terrasse. Josef Kradi, ein ehemaliger Nachbar von Herta Müller trinkt dort Kaffee. Anton Kohl, ein einstiger Freund von ihr trinkt ein Bier. Die Blicke der alten Männer wirken müde.
Ab und zu kommt ein Dorfbewohner zu Fuß oder auf dem Fahrrad vorbei. Autos sind nur wenige zu sehen. Dass hier die heute 56- jährige Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller geboren ist und für ein paar Jahre gelebt hat, wissen die wenigsten. "Ich kenne sie nicht", sagt eine Frau, die gerade an Herta Müllers Geburtshaus vorbeigeht. "Fragen Sie die jüngeren Leute, vielleicht wissen die was", fügt sie hinzu und geht gebückt weiter mit einem halb vollen Sack über der Schulter. Manche Dorfbewohner gucken misstrauisch zu den fremden Gesichtern der Journalisten hinüber, die neugierig auf ihre Höfe blicken. Die meisten gehen den Journalisten aus dem Weg.
- "Niederungen" (1984), Erzählungen - "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" (1986), Erzählungen - "Barfüßiger Februar" (1987), Erzählungen - "Reisende auf einem Bein" (1989), Prosa - "Der Teufel sitzt im Spiegel" (1991), Essays - "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), Roman - "Herztier" (1994), Roman - "Hunger und Seide" (1995), Essays - "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet" (1997), Roman - "Der Fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne" (1999), Essays - "Im Haarknoten wohnt eine Dame" (2000), Collagen - "Der König verneigt sich und tötet" (2003), Essays - "Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005), Text-Bild- Collagen. - "Atemschaukel" (2009), Roman
Die Reporter sind gut zu erkennen, an den gebügelten Hemden und den Fotoapparaten. Rumänischlehrer liest Auszüge aus Müllers Roman vor "Viele Bewohner sind einfache Bauern und kennen Herta Müller überhaupt nicht", sagt Tiberiu Laurentiu Buhna-Dariciuc, Rumänischlehrer in der Allgemeinbildenden Schule in Nitzkydorf. "Ich versuche aber, den Kindern in der Schule aus ihren Büchern vorzulesen.
Es fiel mir ziemlich schwer, Auszüge auszuwählen, die sie nicht abschrecken. Die Kinder sind aber sehr neugierig und auch bereit, so viel es geht zu lernen." Den Rumänischlehrer haben wir aus Silagiu, einem von Nitzkydorf rund zehn Kilometer entfernten Dorf abgeholt, damit er uns in Herta Müllers ehemalige Schule begleiteten kann. Tagtäglich pendelt er auf dieser Strecke, um die 250 Schüler, die die Schule in Nitzkydorf besuchen, zu unterrichten. Stolz zeigt er ein Buch von Herta Müller, 2005 hat er in Temeswar ein Autogramm von ihr bekommen. Damals wollte er die Schule nach ihr benennen. Die Schriftstellerin war aber damit nicht einverstanden. "Sie hat ihre Entscheidung damit begründet, dass sie nur durch ihre Werke bekannt bleiben möchte und nicht durch Plakatierung an irgendwelchen Schulen oder sonst was", sagt Buhna- Dariciuc. "Ich wollte auch einen Literaturwettbewerb nach ihr benennen. Hab es aber aufgegeben, denn ganz bestimmt wäre sie damit auch nicht einverstanden", sagt er.
"Wir wollen im Dezember, wenn die feierliche Preisverleihung für Herta Müller stattfindet, ein Fest in der Schule organisieren", kündigt Buhna-Dariciuc an, der seit sieben Jahren Lehrer in Nitzkydorf ist. Er besitzt alle ins Rumänische übersetzten Bücher der am 17. August 1953 geborenen Herta Müller und interessiert sich schon seit Jahren für ihre Entwicklung und ihr Leben. "Im Dorf sind ihre Bücher nirgends zu finden", sagt er. "In Temeswar, einer der größten Städte Rumäniens, wurden in den letzten Tagen alle Bücher von Herta Müller ausverkauft." Neun Schwaben leben noch in Nitzkydorf Als Herta noch ein Kind war, gab es im rumänischen Banat eine große Gemeinde deutschstämmiger Schwaben. Mehrere Dialekte schmolzen dabei zusammen. "Einerseits war der schwäbische Dialekt da, andererseits gab es den österreichischen Dialekt, von den Leuten aus Tirol", erinnert sich eine Dorfbewohnerin. Derzeit leben aber nur noch neun Schwaben in Nitzkydorf. Die anderen sind entweder gestorben oder vor und nach der Revolution 1989 ausgewandert.
Keine Erinnerung an Herta Müller
Auch Herta Müller ist 1987 mit ihrem damaligen Mann, Richard Wagner, nach Westberlin geflohen. Das kommunistische Regime hatte sie dabei hinter sich gelassen, traurige Erinnerungen und der Druck seitens des rumänischen Geheimdienstes Securitate blieben ihr aber für immer fest im Gedächtnis verwurzelt. Diese Erinnerungen gibt sie in dem ihr eigenen Sprachstil in ihren Büchern weiter.
Im kleinen Temescher Dorf ist derzeit nur noch eine 88-jährige Schwäbin in traditioneller Alltagstracht der Schwaben anzutreffen. Oft sitzt sie einsam vor ihrem Haus. An Herta Müller kann sie sich nicht erinnern. Ukrainer und Moldauer wurden in den 80-er und 90-er Jahren hier ansässig. Deshalb ist die katholische Kirche, nicht weit von Hertas Haus entfernt, fast jeden Sonntag leer. Nur einmal im Monat hält ein Priester eine heilige Messe für die wenigen verbliebenen Katholiken. Er kommt aus der zehn Kilometer von Nitzkydorf entfernten Kleinstadt Busiasch. "Alle zwei Jahre treffen sich hier die Schwaben, die nach Deutschland ausgewandert sind", sagt der Rumänischlehrer Buhna-Dariciuc, dem das Dorf sehr am Herzen liegt. Herta kam jedoch niemals zurück.
Die Meinungen der hiergebliebenen Schwaben über ihre ehemalige Dorfbewohnerin und jetzige Nobelpreisträgerin sind geteilt. "Sie wird von manchen Schwaben misstrauisch beäugt", sagt Schulsekretärin Anneliese Ivan. "Sie fühlten sich irgendwie betrogen, weil Herta viel Intimes über sie preisgegeben hat, in ihrem ersten Buch "Niederungen". Die Schwaben hier empfanden das als Nestbeschmutzung, sie wollten ihr das immer vorwerfen, haben sie aber nicht mehr getroffen. Ich habe sie bereits seit 1983 nicht mehr gesehen", erzählt sie.
Anneliese Ivan hatte sich besonders mit Hertas Mutter angefreundet. "Ihre Mutter war sehr freundlich", erinnert sie sich lächelnd, während sie Hertas Abschlussdiplom der achten Klasse aus einer hölzernen alten Schublade holt. "Herta war eine sehr gute Schülerin. Hatte nur Höchstnoten. Nur in Rumänisch hatte sie im ersten Trimester der ersten Klasse eine Sieben. Wahrscheinlich, weil sie die Landessprache Rumänisch in der Schule erst erlernt hat in einem Dorf, wo alle Deutsch Schwäbisch sprachen. Denn sie selbst hat zugegeben, sie hätte erst spät Rumänisch gelernt", sagt Anneliese Ivan, zugleich auch Bio- und Physiklehrerin.
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