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Kultur
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17. Juli 2008

Rumänisches Kulturinstitut: Spitzel in der Sommerakademie

Schriftstellerin Herta Müller schreibt an den Leiter des rumänischen Kulturinstituts Berlin, um ihren gegen die Einladung von zwei früheren Securitate-Spitzel zu protestieren.

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Zur Person

Herta Müller, geboren 1953 im deutschsprachigen Banat in Rumänien, reiste 1987 in die Bundesrepublik Deutschland aus, wo sie seitdem lebt. Ausgezeichnet u.a. mit dem Kleist- und dem Breitbach-Preis, gehört sie zu den renommiertesten Schriftstellerinnen des deutschen Sprachraums.

Ihre bitteren Erfahrungen in und mit der rumänischen Diktatur reichen bis in die Gegenwart: Erst vor wenigen Wochen war die Autorin zu Besuch in Bukarest und wurde dort von Geheimdienstleuten beschattet.

Den hier abgedruckten Brief schrieb Herta Müller an den Leiter des rumänischen Kulturinstituts Berlin, um ihren Protest auszudrücken gegen die Einladung der beiden früheren Securitate-Spitzel Andrei Corbea Hoisie und Sorin Antohi zur Sommerakademie des Instituts.

Thema der Tagung, die vom 19. bis 25. Juli stattfindet, ist der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und Rumänien. Die Anwesenheit der ehemaligen Securitate-Leute, so Herta Müller, bedeutet eine Verhöhnung der geladenen deutschen Gäste.

Lieber Horia Patapievici,

wie dem Programm des Rumänischen Kulturinstituts ICR zu entnehmen ist, werden zu der "Sommerakademie" des Berliner ICR in diesem Monat Andrei Corbea Hoisie und Sorin Antohi kommen. Antohi ist sogar der "Direktor" dieses Colloquiums.

Es ist ein Skandal, dass Rumänien sich in Deutschland mit diesen beiden Personen präsentiert, die in der Zeit der Diktatur mit dem rumänischen Geheimdienst zusammengearbeitet haben. In Deutschland wurde jahrelang über das Problem der Stasi-Spitzel diskutiert, und in allen Bereichen wurden Konsequenzen gezogen: Ehemalige Spitzel können keine Funktionen an Universitäten, bei Zeitungen und in kulturellen Einrichtungen bekleiden.

Wenn das ICR sich in Deutschland mit diesen Personen präsentiert, wird es sich selbst irreparabel beschädigen, und die deutschen Teilnehmer werden zum Aufpolieren der Denunzianten benutzt.

Wie werden die Angestellten des ICR in Berlin den Gästen der Sommerakademie die rumänischen Gesprächspartner vorstellen: Corbea Hoisie - Professor und langjähriger Securitate-Agent, und Sorin Antohi - jahrelang mit gefälschtem Doktortitel und fiktiven Publikationen bei europäischen Universitäten zu Gast, aber wirklicher Denunziant seit seinem 19. Lebensjahr? Und was werden sie der deutschen Presse erzählen? Besser gesagt: Was werden sie alles nicht erzählen?

Glaubt das ICR auf einem anderen Planeten zu leben, auf dem es die Begriffe der persönlichen Würde und moralischen Integrität der Wissenschaft nicht gibt? Was ist ein Intellektueller im heutigen Rumänien? Was ist aus den Versprechen Rumäniens beim Eintritt in die EU geworden?

Das ICR in Berlin ist das Schaufenster Rumäniens in Deutschland - und es präsentiert sich als Schaufenster einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Wer übernimmt dafür die Verantwortung? Seit dem Sturz Ceausescus hat doch jede Institution eine eigene Verantwortung und übt ihren eigenen Einfluss aus auf die Art und Weise, wie gelebt wird mit der errungenen Freiheit, für die doch hunderte Menschen erschossen worden sind.

Ich habe gehofft, dass Rumänien sich letztendlich doch noch normalisieren würde (nach so viel verstrichener Zeit und so vielen vertanen Chancen), zumindest im kulturellen Bereich. Und es tut mir weh und macht mich wütend, dass genau das Gegenteil passiert.

Ich verspreche, dass ich nie mehr einen Fuß über die Schwelle des ICR in Berlin setzen werde - und ich werde nicht die einzige sein.

Mit freundlichen Grüßen,

Herta Müller

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