Im elften Jahrhundert wandte sich eine kaschmirische Prinzessin an den Gelehrten Somadeva und bat ihn: "Schreibe mir alle Geschichten, die jemals erzählt wurden, auf in einem einzigen Buch." Somadeva machte sich gehorsam an die Arbeit, und so entstand "Der Ozean aller Erzählungsströme" (die deutsche Übersetzung von Johannes Mehlig erschien 1991 bei Gustav Kiepenheuer in Leipzig).
Keine Anthologie, sondern der Versuch, alle Geschichten der Welt zusammenzuführen in eine einzige. Nicht kohärenter als die "Märchen aus 1001 Nacht", aber ebenso schön. Salman Rushdies neuestes Buch "The Enchantress of Florence" verdankt sich einer ähnlichen Inspiration. Der Roman bringt einen florentinischen Abenteurer an den Hof Akbars (1542-1605) in Fatehpur Sikri.
Das gibt Gelegenheit, Ost und West gründlich durchzuschütteln, sie gegeneinander antreten, miteinander kämpfen und einander lieben zu lassen. Vielleicht hat Kipling recht und sie können sich wirklich nicht treffen, aber einander treffen sie sehr wohl. In "The Enchantress of Florence" atmet, zittert und bebt alles. Jeder Charakter packt einen.
Kommt der Leser einmal einen Augenblick zur Ruhe, wird er im nächsten Augenblick wieder geschüttelt, beiseite gerissen und in die nächste Verwicklung gezerrt. Rushdie hat wieder ein Buch für Drogenabhängige geschrieben. Wer Wert darauf legt, den Kopf immer oben zu behalten, wer sich nicht von den ältesten Tricks ausmanövrieren lassen möchte, der wird "The Enchantress of Florence" angewidert in die Ecke werfen.
Wer aber es liebt, in die Kissen seiner Couch verkrochen immer tiefer einzusinken in fremde Welten und Ansichten, wer den Schauder ersehnt, der ihn überrieselt, wenn er im Fremdesten das Vertrauteste, im Mörder wie im Ermordeten sich selbst also entdeckt, der wird das Buch nicht aus der Hand legen, bis ihn endlich der Schlaf einholt, in dem er freilich weiterträumen wird von dem Skelett, jener Prostituierten, die dem Helden Zutritt zu Akbars Palast verschafft.
Aufwachen wird der begeisterte Leser erregt und in Gedanken an Akbars Diskutierzelt, in dem er Gelehrte, Wissenschaftler, Philosophen und Theologen unten streiten ließ über die Natur des Kosmos, der Engel, der Tiger und der Frauen, während er oben stand und den Kampf der Ideologien und Theologien beobachtete auf der Suche nach der Wahrheit, der Schönheit und der Macht.
Der Leser weiß, dass diese diskutierende Öffentlichkeit keine einzige Schlacht, kein einziges Massaker verhindert hat. Er weiß, dass Akbar durch Brudermord an die Macht kam und sie durch immer neue Untaten erweiterte. Dennoch liebt er die Vorstellung, dass es zwischen den Schlachten oder gar neben ihnen einen Ort gab, an dem nicht Kampfelefanten und Schwerter über die Geschicke entschieden, sondern die zartesten aller Waffen: die Argumente.
Es hat dieses Zelt wirklich gegeben. Es wurde später zu einem festen Haus. Wer die Ruinenstadt Fatehpur Sikri - Naipaul hat sie wunderbar beschrieben - besucht, der kann das Gebäude heute besichtigen, und es werden ihn mit Sicherheit melancholische Gedanken ankommen über die Rolle des Schönen und Wahren, die ja so gut wie nie ein und dasselbe sind, inmitten der Gemetzel, die den Hauptteil der Menschengeschichte ausmachen.
"The Enchantress" of Florence" endet mit einer sechsseitigen Bibliographie. Viele der Protagonisten des Buches sind historisch. Aber Rushdie hat keinen historischen Roman geschrieben, sondern ein Märchen. Ein im Wortsinne wundervolles Märchen für die gerade erst in Entstehung befindliche Weltgesellschaft. Es ist seine Antwort auf die Rede vom "Kampf der Kulturen", den er viel zu massiv am eigenen Körper erlebt hat und weiter erlebt, um ihn zu leugnen, von dem er aber weiß, dass er nicht realer ist als die Lust, einander kennenzulernen, von einander Gold und Wissen zu stehlen.
Es gibt keine Reinheit, es gibt nur Mischformen. Das gilt für die Menschen, die die Erde bevölkern, für die Tiere und Pflanzen, das gilt aber auch für die literarischen Formen. Die vermischtesten Seiten der Literaturgeschichte sind die des Romans. Darum gilt ihm Rushdies ganze Liebe und seine ganze Anstrengung.
Er packt alle seine Bücher voll mit einer dem Leser in Haut, Nase und Eingeweide eindringenden Sinnlichkeit. Aber nirgends so gewalttätig wie in seinem neuesten Buch. Kein Wunder, dass die einen sagen, dieses sei sein schlechtestes, und andere, es sei sein bestes Buch.
Aber auch, wer sich wehren möchte gegen diese permanente Bedrängung, wird sagen müssen, dass kaum vorstellbar ist, eine Welterzählung zu schreiben, die davon lebt, auf Welt zu verzichten. Auch wer keine Zauberteppiche mag, wird zugeben müssen, dass eine Welt, über deren weitere Entwicklung in und um Bagdad entschieden wird, auf sie nicht wird verzichten können.
Salman Rushdies beherzter Griff in die Altkleidersammlung orientalischer Erzählkunst und der Kunst raffiniertester Reflexion des eigenen Vorgehens, zeigt, dass es eine wirkliche Weltliteratur gibt. Eine Literatur also, die sich aller überlieferten Techniken mit gleicher Souveränität bedient. Da hier alles in einen Topf geworfen wird, versteht es sich von selbst, dass sie heiß und voller Verlangen ist. Die Epoche der Coolness ist zu Ende.
Salman Rushdie: The Enchantress of Florence. Jonathan Cape, London 2008, 359 Seiten, 18,99 Pfund Sterling.
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