Neben der Akbars als Aufklärer entspricht auch Ihre Darstellung Niccolò Machiavellis keineswegs dem Bild des amoralischen Zynikers, das man heute von ihm hat. Weshalb wollten Sie den Autor von "Der Fürst" rehabilitieren?
Machiavelli wurde von der Geschichte Unrecht getan. Man hat "Der Fürst" als Set von Empfehlungen gelesen anstatt als Analyse der Macht. Machiavelli war ein Republikaner. Er hatte keinen Grund, Fürsten zu mögen oder zu bewundern oder ihr Tun zu verteidigen. Die Medici folterten ihn und schickten ihn ins Exil. Die zentrale Frage, die er stellte, lautete: Kann ein Herrscher gerecht sein? Machiavellis Antwort darauf war klar, nein. Er betrachtete die Welt um sich herum und kam zum Schluss, dass Macht notwendigerweise immer zu Ungerechtigkeit führt. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass er diesen Umstand auch guthieß. Er hat bei seiner Schilderung lediglich auf Zuckerguss verzichtet.
Wer entscheidet, wem die Geschichte Recht oder Unrecht tut?
Geschichte ist ein ewiges Streitgespräch. Wir streiten ständig über die Bedeutung der Vergangenheit und damit zugleich über die Welt, in der wir leben wollen. Ich habe Geschichte studiert und interessiere mich deshalb seit je her für das Verhältnis zwischen Geschichte und Individuum. Machen wir Geschichte oder macht sie uns? Können wir die Geschehnisse beeinflussen und wenn ja, in welchen Situationen? Solchen Fragen gehe ich in der einen oder anderen Form immer nach. Ich glaube, dass ein Grund für die Begeisterung nach den letzten Präsidentschaftswahlen hier in den Vereinigten Staaten darin bestand, dass vor allem junge Leute plötzlich das Gefühl hatten, sie könnten tatsächlich Veränderungen herbeiführen.
Dann steht der Wechsel in Washington auch für eine Veränderung des politischen Bewusstseins?
Für ein Bewusstwerden. Das Verhältnis zwischen dem Makrokosmos der Geschichte und dem Mikrokosmos unserer Leben ist ein Thema, das eine Generation von Schriftstellern, die ein wenig älter ist als ich, viel stärker beschäftigt hat, als dies bei jüngeren Autoren der Fall zu sein scheint. Nehmen Sie deutsche Nachkriegsautoren wie Günter Grass, Heinrich Böll oder Siegfried Lenz. Aber auch Italiener wie Alberto Moravia oder Amerikaner wie Norman Mailer oder Saul Bellow. Sie alle haben mit der Frage gerungen, ob und wie Literatur Geschichte neu erfinden und damit unsere Beziehung zu ihr verändern kann.
Womit ringen jüngere Autoren?
Hauptsächlich mit sich selber. Sie scheinen den Rückzug ins Privatleben angetreten zu haben. Ihre Geschichten sind geschrumpft. Und wenn man auf den einen oder anderen Schriftsteller stößt, der offenbar Größeres im Sinn hat, wie etwa David Foster Wallace, dann ist man geradezu glücklich darüber.
Nur hat David Foster Wallace sich vor wenigen Monaten das Leben genommen.
Ja. Andererseits verläuft Literatur gnadenlos zyklisch. Was heute gilt, ist morgen schon überholt. Historisch gesehen haben Zeiten, in denen schnelle und massive Veränderungen stattfanden, oft großartige Literatur hervorgebracht - denken Sie an Shakespeare oder Cervantes. Und dass wir in interessanten Zeiten leben, wird ja wohl niemand bestreiten. Es mag also durchaus Schriftsteller, überhaupt Künstler geben, die in diesem historischen Moment die Chance erkennen, der Literatur und der Kunst an sich neues Gewicht zu verleihen.
Interview: Sacha Verna
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