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Salman Rushdie im Interview: Mein schönes Scheitern

Der verfemte Schriftsteller Salman Rushdie über seinen neuen Roman "Die bezaubernde Florentinerin" und die traurige Weltabgewandtheit heutiger Autoren.

Salman Rushdie: Machen wir Geschichte oder macht sie uns?
Salman Rushdie: "Machen wir Geschichte oder macht sie uns?"
Foto: rtr

Ihr Buch "Die bezaubernde Florentinerin" handelt von unendlich vielen Dingen: von Liebe und Verführung, Fiktion und Wahrheit, Zeit und Geschichte, Macht und Aufklärung, Orient und Okzident… Wollten Sie einen Roman über alles schreiben?

Ich möchte eigentlich immer Romane über alles schreiben. Ich gelangte ziemlich früh in meinem Leben als Schriftsteller zur Überzeugung, dass es nur zwei interessante Arten des Schreibens gibt: Entweder man schreibt über fast nichts oder über alles. Jemand wie Jane Austen entschied sich für ersteres. Sie konnte ein Haar von Gottes Haupt zupfen, es im Licht drehen und daraus eine Welt konstruieren. Mir ist dieses Talent nicht gegeben. Ich neige eher dazu, immer und immer wieder zu versuchen, das ganze Leben, das ganze Universum in einem Buch zu unterzubringen. Wie die Autoren des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die ich bewunderte, als ich meinen eigenen Weg als Schriftsteller suchte - William Thackeray, Henry Fielding oder Charles Dickens. Diese Versuche sind natürlich zum Scheitern verurteilt. Aber es ist ein schönes Scheitern.

Zum Buch

In diesem Roman werden zwei Reisen unternommen. Die eine führt Niccolò Verspucci, einen jungen Mann, der noch viele andere Namen trägt, vom Westen in den Osten. Die andere führt eine wunderschöne Prinzessin aus dem Osten in den Westen. Dazwischen liegen ein halbes Jahrhundert, mehrere Kontinente und unzählige Geschichten. Geschichten über drei Freunde, die im Florenz der Renaissance aufwachsen und die Flüche und Freuden ihrer Zeit erleben. Geschichten über das Leben in der herrlichen Stadt Fatehpur Sikri unter Akbar dem Grossen und jenes im Mogulreich von Akbars Vorfahren.

Salman Rushdie erzählt von klugen Frauen und mutigen Kriegern und von Liebschaften mit tragischem Ende. Er lässt erfundene Figuren neben historischen auftreten, mischt literarische Anspielungen mit Spielereien und Aufklärung mit Verklärung. Er entführt den Leser in ein fiktives Spiegelkabinett, in dem man am Schluss sich selber erkennt - nämlich den Menschen.

Das Buch: Salman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 440 Seiten. 19.90 Euro.

Niccolò Vespucci, der Geschichtenerzähler in der Geschichte, die Sie erzählen, riskiert nicht nur das Scheitern, sondern seinen Kopf…

Verrückt, nicht wahr? Vespucci reist quer durch die Welt in einer Zeit, in der Reisen äußerst beschwerlich war, fest davon überzeugt, dass seine Geschichte ausgerechnet für den Mogulherrscher Akbar, einen ungeheuer mächtigen und deshalb gefährlichen Mann von Bedeutung ist. Warum tut er das? Weil ein fundamentales Bedürfnis des Menschen darin besteht, sich und seiner Geschichte Gehör zu verschaffen. Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht.

Gilt das nicht nur für Schriftsteller?

Keinesfalls. Ich wurde einmal einem katholischen Priester vorgestellt. Wir sprachen über seine Aufgabe, die ihn oft ans Bett von Sterbenden führte, um bei diesen die letzte Ölung vorzunehmen. Aber eigentlich, so sagte mir dieser Mann, bestünde seine Rolle in diesen Momenten darin zuzuhören. Die Menschen wollten so kurz vor dem Ende, dass jemand ihre Geschichte hört: Das war ich, das war mein Leben. Es genügt nicht, zu wissen, wer man war. Es muss jemand hören, wer man war.

Vespucci möchte zudem, dass Akbar ihm seine Geschichte glaubt. Wir haben Italo Calvino gelesen und Jorge Luis Borges und werfen mit Begriffen wie Metafiktion und Postmodernismus um uns. Wie wichtig ist das "Glauben Machen" noch in der zeitgenössischen Literatur?

Es ist der Kern von Literatur. Die Kunst der Fiktion besteht darin, Dinge zu erfinden, die nicht wahr sind. Aber man muss sie so erfinden, dass sie wahr werden. Wenn Sie das nicht fertig bringen, lassen Sie es besser bleiben. Übrigens diente mir gerade Calvino in vielerlei Hinsicht als Inspiration bei der Arbeit an diesem Roman. So habe ich mir seine "Sechs Vorschläge für das nächste Millennium" sehr zu Herzen genommen. Die literarischen Tugenden, die Calvino darin aufzählt…

…Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Sichtbarkeit, Vielfalt…

…sie schienen mir entscheidend für das Gelingen dieses Buch, wollte ich nicht in der schieren Fülle des Materials ertrinken. Ich habe mir sogar eine Notiz auf den Schreibtisch gelegt: "Nur, wenn es der Geschichte dient". So verführerisch es gewesen ist, den politischen Intrigen im Florenz der Renaissance mehr Platz einzuräumen oder den Taten und Errungenschaften indischer Herrscherdynastien - Calvinos Prinzipien haben mich vor diesen Fallen bewahrt. Sonst hätten Sie jetzt einen viel, viel dickeren Roman vor sich.

Manche haben versucht, Ihren Roman auch in seinem jetzigen Umfang auf einen Satz zu reduzieren…

…"Es ist nicht der Fluch der menschlichen Rasse, dass wir uns so sehr voneinander unterscheiden, sondern dass wir uns so ähnlich sind" - ach ja, die Botschaft des Autors (lacht).

Vespucci äußert diesen Gedanken einmal Akbar gegenüber …

…in einem Ton, der vermuten lässt, dass dies wohl nicht ganz wörtlich zu verstehen ist. Denn natürlich gibt es gigantische Unterschiede zwischen einzelnen Kulturen, zwischen Christentum und Islam und so fort. Allerdings hat mich bei meinen Recherchen tatsächlich überrascht, wie viele Ähnlichkeiten zwischen Europa und Indien bestanden in einer Zeit - wir sprechen vom sechzehnten Jahrhundert -, in der zwischen diesen beiden Kulturen kaum Kontakt herrschte. Der Hedonismus an Akbars Hof etwa ist durchaus mit jenem in den Städten der italienischen Hochrenaissance vergleichbar. Ebenso die kulturelle Blüte, zu der es damals kam, weil die Herrscher jener Epoche die talentiertesten Künstler und Denker um sich versammelten.

Außerdem hegt Akbar zumindest in Ihrer Version aufklärerische Ideen - er sieht den Menschen im Zentrum der Dinge, nicht Gott, er wünscht sich eine Kultur des Widerspruchs. Glauben Sie an die Existenz universeller Werte?

Daran glaube ich in der Tat. Wir leben in einer merkwürdig relativistischen Zeit, in der die Menschen der Vorstellung universeller Werte und Rechte zu misstrauen scheinen. Ich halte den Humanismus für das größte Geschenk der Aufklärung an uns - die Philosophie vom Wert des Individuums, von der Souveränität des Menschen. Wer diese Idee in Abrede stellt, aus was für wohlmeinenden Gründen auch immer, tut niemandem einen Gefallen. Ich mag im Fall des historischen Akbar ein bisschen übertrieben haben, doch gibt es viele Hinweise darauf, dass über solche Vorstellungen damals durchaus auch außerhalb Europas debattiert wurde.

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Datum:  10 | 3 | 2009
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