August Natterer (1868 bis 1933) kam 1907 in eine Nervenheilanstalt. Bis zu seinem Tode durch Herzversagen entkam er ihr nicht mehr. Der ehemalige Elektromechaniker hielt sich für den Welterlöser oder auch für Napoleon IV. Er arbeitete an Erfindungen und er malte und zeichnete. Sein Bild "Wunder-Hirthe" fand Eingang in Hans Prinzhorns Klassiker "Die Bildnerei der Geisteskranken". Dort stieß Max Ernst auf Natterer. Und wie man sehen kann, machte Natterer großen Eindruck auf einen der wichtigsten Surrealisten.
Max Ernsts Ödipus aus dem Jahre 1937 spielt mit der von Natterer gelieferten Vorlage. Beim direkten Vergleich, den die Ausstellung "Surrealismus und Wahnsinn" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn jetzt möglich macht, fällt auf, wie sehr Ernst die Vorlage normalisiert, entsurrealisiert. Das irritierende Moment ist ganz auf den Kopf konzentriert, während die Komposition des Ganzen von einer im Vergleich zu Natterer fast schon langweiligen Harmlosigkeit ist.
"Surrealismus und Wahnsinnn" ist noch bis zum 14. Februar zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Voss-Straße 2. Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.
Zur Ausstellung gibt es einen hervorragenden Katalog mit Beiträgen von Ingrid von Beyme, Bettina Brand-Claussen, Peter Bürger, Peter Gorsen, Thomas Röske, Barbara Safarova, Gisela Steinlechner. Verlag Das Wunderhorn, 208 S., 120 Abb. Neben Büchern ist im Verlag Das Wunderhorn auch eine CD zur Sammlung Prinzhorn erschienen: Sprachlöchersterne: Herbert Fritsch liest Texte aus der Sammlung Prinzhorn. ( fr)
Werner Spies hat vor Jahren als erster darauf hingewiesen, dass Max Ernst sich hier auf Natterer bezieht. Vielleicht wüsste er zu sagen, warum Ernst den Ödipus so ordentlich dasitzen lässt, warum dem nicht sein Ich ganz und gar zerfällt, warum er nicht kopfsteht? Wer nichts von Natterer weiß, dem stellt sich diese Fragen nicht. Für den sitzt da ein junger Mann, der sich zur Sphinx wird. Jetzt aber, da wir Natterers Bild kennen, wissen wir sehr genau, wogegen und wofür Ernst sich entschieden hat. Es sollte, wie so oft bei ihm, auch diesmal auf den ersten Blick alles ganz harmlos aussehen. Erst beim zweiten wird klar, dass da etwas nicht stimmt.
Das ist der Unterschied zu Natterer. Wer mehr über ihn erfahren möchte, der lese den im Verlag Das Wunderhorn erschienen, von Inge Jádi und Bettina Brand-Claussen herausgegebenen Band: "August Natterer. Die Beweiskraft der Bilder". Natterer war die ganze Welt auseinandergebrochen. Da war nichts mehr normal. Das Anormale bricht nicht mehr ein in seine Welt, sondern die ist insgesamt gestört, verstört, zerstört.
Genau das aber macht den Wahnsinn für die Surrealisten so interessant. Der sehr gute Katalog weist auch darauf hin, dass es die Erfahrung der Verheerungen des Ersten Weltkrieges war, die die Surrealisten der art brut der Geisteskranken in die Arme trieb. Es waren ja nicht nur ganze Landstriche in Flammen aufgegangen, sondern das Selbstverständnis des aufgeklärten modernen Menschen war in die Brüche gegangen. Der Erste Weltkrieg erschien als Tat von Verrückten, durch die alle verrückt gemacht wurden. Die Vorstellung, der Mensch sei in der Lage, rational und vernünftig sich für das Richtige zu entscheiden, schien durch den Ersten Weltkrieg widerlegt.
Die Vernunft und ihre Regeln, ja die Welt der Regeln selbst, waren offensichtlich nichts als ein winziger, gehegter Bereich, der jederzeit eingerissen, zerstört und überrollt werden konnte von den Wilden, den Barbaren.
Die Europäer erwiesen sich als die Barbaren
Die waren keine fremden Volksstämme, keine marodierenden Ausländer, sondern das waren wir selbst. Unter der dünnen Schicht der Zivilisation waren die Europäer exakt die Barbaren, die Wahnsinnigen, zu denen sie die anderen erklärt hatten. Das war die Erfahrung der Surrealisten. Vernunft und Können, Bewusstsein und Moral waren ganz offensichtlich höchst fragile Randerscheinungen, die, so wie es Ernst wurde, beiseite geschoben wurden von viel tieferen, wirkmächtigeren Kräften.
Sie zu erforschen, sie wenn schon nicht aufzuhellen, dann doch einzubringen in die künstlerische Praxis - das war eines der Ziele der Surrealisten. Die Ausstellung zeigt, mit welchem bildnerischen und mit welchem gedanklichen Aufwand die Künstler sich dieser Aufgabe widmeten.
Es gibt Bilder, die zum Beispiel von Tanguy, Duhamel und Breton zusammen "gemalt" wurden. Ziel war etwas ganz und gar Heterogenes herzustellen, etwas Ver-rücktes also. Dazu nahm man ein Blatt Papier und faltete es in drei Teile. Jeder malte, zeichnete auf einen Abschnitt des Papiers, ohne den Rest zu sehen. So entstanden höchst merkwürdige Bilder. Das für den heutigen Betrachter freilich Allermerkwürdigste ist, dass dann einer die drei so unterschiedlichen Ansichten mit einander verband, so dass doch ein Bild entstand. Sicher, wären sie getrennt geblieben, wären sie nicht merkwürdig gewesen. Aber wie sie dann zusammengebracht wurden, das wirkt doch heute eher konventionell.
1925 veröffentlichte André Breton in der Zeitschrift "La Révolution Surréali- ste" anonym einen offenen Brief an die Chefärzte der Irrenanstalten, in dem es hieß: "Die Wahnsinnigen sind die individuellen Opfer par excellence der Diktatur der Gesellschaft; im Namen dieser Individualität, die erst den Menschen ausmacht, fordern wir, dass diese Gefangenen der Sensibilität befreit werden." Interessant sind auch die beiden Holzschachteln eines unbekannten "Geisteskranken" aus dem Jahre 1878. Sie sehen den berühmten boxes des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell (1903 bis1972), der auf der Documenta 1968 und der von 1972 seine Arbeiten ausstellte, zum Verwechseln ähnlich. Auch hier die Ordnungsliebe, die ihr Zwanghaftes ausstellt.
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