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21. Januar 2013

Schauspiel Frankfurt: Schlaglöcher der Seele

 Von Judith von Sternburg
Ripley denkt nach, sein Doppelgänger filmt ihn dabei.  Foto: Birgit Hupfeld

Erst wenn kein Vorbeikommen mehr ist, wird er zum Mörder. Das Schauspiel Frankfurt zeigt „Der talentierte Mr. Ripley“ in Bastian Krafts kühler zweidimensionaler Lesart.

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Der Film, als dessen Darsteller sich Patricia Highsmiths unsympathischer Lieblingsheld bisweilen fühlt, überzeugt am Schauspiel Frankfurt zunächst einmal durch das Casting. Christoph Pütthoff ist der denkbar plausibelste „Talentierte Mr. Ripley“, hübsch und frisch und trotzdem sofort der Typ, bei dem irgendetwas nicht stimmt. Daniel Hoevels – vom koproduzierenden Deutschen Theater Berlin, wo nächste Spielzeit Premiere sein wird – ist der denkbar plausibelste Millionärssohn Dickie, dominant und anstrengend und trotzdem sofort der Typ, bei dem fast alles stimmt. Maren Eggert – dito – ist die denkbar plausibelste Freundin Marge. Eggert gehört zwar zu jenen, die jeden Mann als Trottel dastehen lassen, ein Augenaufschlag genügt, wie schon Kommissar Borowski jahrelang erdulden musste. Aber sie ist auch traurig, skeptisch und schlicht genug (hier dazu mit Mausfarben-Perücke), um trotzdem als Mauerblümchen durchzugehen. Man kann diesem Casting höchstens vorwerfen, zu plausibel zu sein.

Man kann auch diesem kalten, unterhaltsamen Abend höchstens vorwerfen, zu plausibel zu sein. Allerdings kann man das auch dem Fortgang von Highsmiths Ripley-Abenteuern vorwerfen, wobei die unterschiedlichen Ausgänge in den wahrlich kongenialen Verfilmungen dazu kein Widerspruch sind. Ripley ist immer Ripley, nur der Zufall ist ihm unterschiedlich gesonnen. Der Leser und der Zuschauer freut sich nicht, wenn er entschlüpft, aber er nimmt es mit Neugier zur Kenntnis. Seine Person und seine Geschichte deuten den Kampf des Niemand um den Aufstieg an, und vielleicht um Zuneigung, womöglich Liebe, aber allzu komplex stellt sich das nicht dar. Will es auch nicht, soll es nicht.

Für das zielorientiert Zweidimensionale – wie schafft es Ripley, sich seinen Platz an der Sonne zu erobern, und wie schafft er es, diesen Platz zu behaupten? – und die anstrengende Gratwanderung zwischen totaler Anpassung und totaler Skrupellosigkeit, die Ripley dafür auf sich nimmt, finden Regisseur Bastian Kraft und sein Ausstatter Ben Baur nun ein zweckmäßiges Bild. Seine Zweckmäßigkeit erweist es nicht auf den ersten Blick, sondern in den gut hundert Minuten, in denen es seine Funktionstüchtigkeit beweisen kann: Ein innen schmuck beleuchtbarer Rahmen dient als Hauptspielfläche, also schmaler Grat, auf dem sich Ripleys Leben vornehmlich abspielt. Ja, er ist wie auf eine Leinwand verbannt und schaut sich als Doppelgänger selbst dabei zu: Sein stummes Double sitzt im hinten zu ahnenden Kinosaal, dessen Sessel denen in den Kammerspielen gleichen.

Ein einziges Seil macht aus dem Rahmen eine Segelyacht. Vor allem aber schränkt er Pütthoffs Bewegungsspielraum ein, der zum Tier im grässlich engen Käfig wird, herumtigernd, dabei weniger geschmeidig als Dickie und Marge, die die Begrenzung nicht zu bemerken scheinen. Und Krafts Fassung zeigt Ripley tatsächlich in erster Linie als einen Bedrängten und Gepressten und mit Mühe Entrinnenden. Aus seiner Sicht kann man sagen: Erst wenn kein Vorbeikommen mehr ist, wird er zum Mörder.

Auch Eggert, Hoevels und Stefan Schießleder als vierter Mann und Fast-alle-Anderen (vor allem als ansprechend derber Wurschtling Freddie) müssen ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Fragen der Balance, der erzwungenen oder forcierten Körpernähe, der Eleganz und Tapsigkeit, der Beklemmung und koketten Umgehung sind ständig sichtbar und werden mit dezenter Akrobatik immer wieder variiert, während die Handlung selbst Konversationsstück bleiben darf. Hilfreich sind dabei die diskreten Fünfziger-Jahre-Kostüme.

Dass die Tiefendimension fehlt, stört noch weniger als in Krafts gedrosselter Frankfurter „Traumnovelle“. Eine Auslotung bringt nichts, wenn es um Fassaden geht. Auch Ripleys Seelenleben ist nicht tief, voller Schlaglöcher, aber ohne Abgründe (obwohl die Möglichkeit unterdrückter Homosexualität hier relativ weit getrieben wird). Selbst der Abgrund, in den die Figuren vom Rahmen aus stürzen oder hüpfen können, ist nicht tief.

Die Videobilder, die zusätzlich zum Einsatz kommen, indem sein Doppelgänger Ripley beim inneren Monologisieren filmt, mindern übrigens eher die Wirkung des aufgeführten Echtfilms. Sie gehören, wie der zwischenzeitliche Einsatz der Sängerin Maren Eggert – jetzt im Abendkleid mit roter Haarpracht und viel Melancholie in der Stimme, mit Marge hat das nichts zu tun –, in den Theaterbaukasten „Atmosphäre im Allgemeinen“. Kann man hier anwenden, kann man fast überall anwenden, zeigt auch in einem 1980 geborenen Regisseur schon den Routinier.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: wieder am 13., 22. Februar. www.schauspielfrankfurt.de

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