Und dann rumpelte es hinten an der Tür. Doch erst als ein lautstarkes Ächzen zu hören war, wandten wir uns um und - hielten die Luft an. Haben Sie schon mal versucht, ein Dreisitzersofa durch den schmalen Gang eines Zuschauerraums auf die Bühne zu wuchten? Alleine? Die Erinnerung bewahrt dieses Bild so plastisch, dass dahinter sogar die patent-linkische Lotte von Fritzi Haberlandt und Hans Löws Werther verblassen, die alleine den Abend bestritten hatten, bevor Albert - "Ich bin hier der Verlobte" - in Reihe fünf aufgestanden und nach draußen gerannt war, um die Couch herein zu zerren und den beiden Liebenden einen Platz auf dem Dreisitzer anzubieten.
Die Nachbildschärfe dieses Auftritts liegt auch an der komischen Unterbrechung der kostbaren Liebesrhetorik durch physische Präsenz. Zuständig für die Kraftlackelei in Jan Bosses "Leiden des jungen Werther" war Ronald Kukulies, damals gerade von der Schaubühne am Ku'damm ins neue Ensemble des Maxim Gorki Theater gewechselt. Im "Werther" spielte Kukulies den Albert: kräftige Statur, prominente Nase, rosa Hemd, Pistole im Bund. Einer, dem man Gewalttätiges zutraute, einer, der unfehlbar im nächsten Augenblick mit dem Charme eines Berliner Hausmeisters in den filigranen Innerlichkeitskosmos von Lotte und Werther einbrechen würde. Doch von einer kleinen Scheinhinrichtung abgesehen, war da so gar nichts Gewalttätiges. Viel mehr zeigte er sich verständigungsbereit; Abteilung: "Blöd gelaufen, was machen wir jetzt?"
Erfahrung am Fließband
Das Pragmatische ist Kukulies' Spezialität. Wenn er in Fritz Katers "Heaven" als Robert seine selbstmordsüchtige Jugendkameradin Simone anraunzt: "Das ist hier keine Oper, das ist Dein Leben!", amtiert er als Agent der Alltagsvernunft, der für die Liebenden und Wahnsinnigen die Welt zusammenhält. Kukulies spielt die Figur, die im Maschinenraum des Lebens rumort, während an Deck die Herrschaften in den Hauptrollen ihren Utopien nachjagen.
Alltagsvernunft aber ist ein wenig glamouröses Fach. Schaut man sich Kukulies' Weg an, könnte man auf die Idee kommen, es sei die Lebenserfahrung, die für die pragmatische Sendung des Schauspielers verantwortlich ist. Der 1971 in Düsseldorf Geborene wandelte abseits des Königswegs seiner Generation: über Abitur und Schauspielschule ins Ensemble. Vielmehr befolgte er den Rat seiner Eltern, "etwas Vernünftiges" zu lernen. Der vernünftigen Kommunikationstechnik entfloh er trotzdem kurz nach der Ausbildung. Später wurde der Betrieb geschlossen. Nie, sagt Kukulies, werde er vergessen, wie er damals dem 50-jährigen Kollegen in der Kantine gegenüber saß, der sich sicher sein konnte, niemals mehr Arbeit in seinem Beruf zu ergattern.
So lernte er am Fließband eine Erfahrung kennen, die die Grundierung seines Spiels sein könnte. Das perspektivarme Leben auf Maloche begreift er als unentbehrliche Erfahrung. Vielleicht rührt daher seine Fähigkeit zum Zweifel. Anfangs, in der Ernst Busch-Schauspielschule, führte sie ihn an den Rand des Aufgebens. Draußen spielte Henry Hübchen bei Frank Castorf "Pension Schöller", Martin Wuttke hechelte den Hitler im "Arturo Ui", in seiner Klasse zeigten Nina Hoss und Fritzi Haberlandt ihre ersten Rollenstudien. Kukulies fragte sich: "Wann fliege ich hier raus?" Eine Minderstärke des Selbstbewusstseins, die ihm noch an der Schaubühne anhaftete. "Ich habe Sie im Ensemble gar nicht gesehen", beschrieb nicht nur eine Kritikerin Kukulies' Präsenz in der etwas gesichtslosen Männertruppe. Trotzdem lernte der Jungschauspieler damals "Ich" zu sagen - bei der Sprecherzieherin. Der gelang es, den Kräftigen, der sich schwach fühlte, Stärke ins Bewusstsein zu reden.
Dem Zuschauer an die Seele
Diese Erfahrung wurde zum Fundament eines Schauspielers, der Schwäche nicht versteckt, sondern in seine Figuren einschreibt, ach was: einfräst. Es dauert und dauert, bis Staatsrat Karenin in Jan Bosses Version der "Anna Karenina" um die geliebte Frau zu kämpfen beginnt. Lange brütet er auf seinem Bürostuhl, korrekt gebürstetes Bärtchen, korrekt geführtes Leben. Man möchte dem Fleisch gewordenen Aktenordner zurufen: "Nun wehr Dich doch mal!" Das tut er dann auch, erst spaßig, dann höflich und schließlich brachial und komisch.
"Höher, Mensch, höher!", ruft Fritzi Haberlandt in "Heaven", und Kukulies' Robert muss seinen Pfandflaschen-Schatz zur Räuberleiter stapeln, bis die Freundin die Sterne vom Himmel holen kann. Dafür gewährt sie ihm ein intimes Stelldichein, aber schon in der nächsten Szene werden sich die beiden fast nicht mehr wieder erkennen. Zwischen notorischem Verlierer und Stehaufmännchen gelingt Kukulies so ein im Kern realistisches Portrait des etwas spinnerten, aber gutherzigen Durchschnittmannes.
Kukulies bisherige Paraderolle ist der Bürgermeister Kruschkatz in "Horns Ende", einer Armin-Petras-Inszenierung nach Christoph Hein. Sachsen in den fünfziger Jahre, Kulkulies gibt den Stalinisten, der seiner Zweifel an der kommunistischen Welt nicht Herr wird. Ein Aktivist, der zärtlich seine Ehefrau liebt, bis die ihn für eines seiner politischen Opfer verlässt. Diesen Mann spielt der Rheinländer so irritierend zwiespältig, dass dem westlichen Zuschauer die behände in Anschlag gebrachten moralischen Kategorien gründlich in Verwirrung geraten. Hier gelingt, was Kukulies beabsichtigt: im Changieren zwischen Komik und Traurigkeit den Zuschauer an der Seele anzufassen.
Den Wechsel zu Petras (und Bosse) vor zwei Jahren erlebte Kukulies wie eine Befreiung. Endlich durfte er seinem Spieltrieb nachgeben. Für das Hintupfungstheater von Petras ist der in gebrochene Charaktere verliebte Schauspieler ideal. Er umreißt mit kräftigem Strich seine Figur, malt gleichsam schnell einen Ärmel aus, eine Pobacke, vielleicht die rechte Herzkammer, und ist schon wieder weiter. Der Schauspieler gibt Kontur und Kanten, aber er macht sich nicht breit in den Rollen.
Verwunden hat Kukulies inzwischen, dass die ins Äußerliche verschossene Epoche und ihre Regisseure ihn wohl nicht mehr als Romeo besetzen werden. Das ist vorbei. Doch die Zeit, in der sich seine Männer-Kunst voll entfalten wird, steht noch bevor.
Ab Samstag spielt Ronald Kukulies in Stefan Bachmanns Inszenierung des "Zauberberg" am Maxim Gorki Theater.
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