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Tagung in der Frankfurter Uni: Scheitern als Chance, Religion als Versuchung

Bei einer Tagung über unser postsäkulares Zeitalter in der Frankfurter Goethe-Universität ging es insgeheim um die Philosophie des Kanadiers Charles Taylor.


Foto: dapd

Irgendwie ist Gott nicht tot zu kriegen. Aller Aufklärung zum Trotz, die sich heute dann auch nicht nur abendländisch, sondern mit stolzem Geschichtsbewusstsein wieder christlich zu nennen traut. Wie konnte das geschehen? Was ist da schief gelaufen? Sollten nicht Wissenschaft und Bildung, Humanismus, Freiheit, Gleichheit, Wohlstand und all die anderen Errungenschaften unserer modernen, zumal säkularen Gesellschaften jedwede Sehnsucht nach einem erlösenden Jenseits überflüssig gemacht haben? Und hat nicht wenigstens in Europa die Trennung von Staat und Kirche nach der Französischen Revolution den Gottesglauben unwiderruflich in seine Schranken verwiesen?

Dass sich die Säkularisierung im Sinne ihrer ursprünglichen Idee – die Enteignung der Kirche durch den Staat – nicht nur als Erfolgsgeschichte betrachten lässt, hat Jürgen Habermas in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 2001 von modernen Gesellschaften als „postsäkularen Gesellschaften“ sprechen lassen. Etwas später präzisierte der Philosoph, dass sich die säkulare wie die religiöse Seite „gegenseitig ernst nehmen“ sollten und „eine liberale politische Kultur sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten“ könne, „relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen“.

Vernünftige Religion?

Was für eine Zumutung! Dennoch, seit dieser Intervention erfreut sich das Adjektiv „postsäkular“ in akademischen Kreisen einer gesteigerten Beliebtheit. Und so hat es dieses Wort, das zugleich ein zeitdiagnostischer Befund sein soll, endlich auch in den Titel einer Tagung des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Frankfurter Goethe-Universität geschafft: „Säkulares Zeitalter oder postsäkulare Konstellation? Über Religion, Ethik und Politik in der globalisierten Welt“. Unschwer zu erkennen, dass es bei dieser Tagung – eigentlich – um alles ging. Insgeheim ging es aber vor allem um die Philosophie von Charles Taylor.

Der Kanadier stellte in seinem Eröffnungsvortrag gleich klar, dass es des Wortes „postsäkular“ gar nicht bedürfe. Taylor unterscheidet vielmehr drei Bedeutungen von Säkularisation: Zum einen versteht er sie ganz klassisch im Sinne der Trennung von Staat und Kirche, zum zweiten als das Schwinden religiöser Überzeugungen und Bindungen. Dann aber bedeutet Säkularisation für Taylor auch, dass in modernen Gesellschaften gerade wegen ihres hohen Grads der Ausdifferenzierung eine Vielzahl von Glaubensangeboten herrscht, die sich gegenseitig entwerten.

Begriff erweitert – Problem gebannt: Taylor begreift Säkularisierung nicht monothematisch als Vernunftfortschritt, sondern als vielgestaltige Transformationsgeschichte, in der auch die Religionen erhalten bleiben. Zu einem ähnlichen Befund kam José Casanova (Washington), nur dass er unter dem Label „postsäkular“ antrat. Die Säkularisierung, so der Religionssoziologe, sei gescheitert, wenn wir darunter allein das Absterben der Religionen verstehen wollen. Überhaupt stelle die Trennung von Staat und Kirche keine Bedingung für die Demokratie dar, wie sich gerade an vielen europäischen Ländern mit ihren Staatskirchen zeige.

Gott als Kontingenzformel

Damit hatten Taylor und Casanova den Rahmen gesteckt, in dem sich die Tagung fortan bewegen sollte. So ließ sich William Barbieri von der Catholic University in Washington nicht lumpen und stellte gleich sechs Bedeutungen von „postsäkular“ vor. Cool! Der Soziologe Detlef Pollack (Münster) wiederum verteidigte das „säkular“, und zwar ganz unverdrossen: Von einer Rückkehr des Religiösen wollte der Soziologe nicht allzu viel wissen, ihm sei nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 allenfalls mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden. Ach so! Der vielgereiste Politikwissenschaftler Bassam Tibi (Göttingen) erzählte Anekdoten von seinen vielen Reisen, Begegnungen und Büchern...

Na ja, Begriffsklempnerei und Tagungseinerlei. Was aber fangen wir mit dem Religiösen nun an? Niemand sprach von Spiritualität und all den anderen, nicht in Großkirchen organisierten Glaubensformen oder auch Wellnessreligionen. Offenbar interessiert der Glaube allein als institutionalisierte und daher noch adressierbare Machtoption. Der Religionsphilosoph Thomas M. Schmidt (Frankfurt) wusste sich immerhin einen Reim darauf zu machen, als er von der Religion nicht nur, wie etwa Habermas, als Sinnressource für eine normativ ermüdete, sich in formalen Verfahren erschöpfende Moderne wissen wollte, sondern als Einübung in den Umgang mit dem Unbestimmten: Gott ist der grundlose Grund von Politik und Recht.

Gott avanciert zur Kontingenzformel und die Religion zum Bewusstsein der Differenz, sie markiert den Abstand zum Erklär- und Begründbaren, die Lücke im stählernen Gehäuse der Moderne, zugleich aber auch einen Absolutheitsanspruch – eine totalitäre Versuchung. Auf diese politische Herausforderung fand der Berliner Philosoph Volker Gerhardt allerdings eine originelle Antwort: Dem Christentum habe nichts Besseres als die Säkularisierung passieren können, weil es sich nach seiner Vertreibung von der weltlichen Macht wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe konzentrierte, die Bergpredigt, die Verkündung von Gottes Wort.

Scheitern als Chance. Na, das wäre doch mal was: Weniger Schöpfungstheologie und Bioethikschwärmerei, dafür mehr Sündentheologie und deshalb auch mehr Einsicht in die Endlichkeit und Fehlbarkeit des Menschen.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  20 | 6 | 2011
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