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Schiller-Museum eröffnet: Vom Scheitel bis zur Sohle

Das Schillernationalmuseum eröffnet wieder: Während Baukünstler David Chipperfield weitgehend auf seine eigene Handschrift verzichtet, schlummern in neun Räumen 700 Objekte auf 450 Quadratmetern.

Eine Tafel weist auf das Geburtshaus von Schiller in Marbach hin.
Eine Tafel weist auf das Geburtshaus von Schiller in Marbach hin.
Foto: dpa

Es ist überhaupt nicht abwegig, dass drei, vier Zeilen den Menschen in Aufbruchstimmung versetzen, denn was macht ihn geradezu mobil, ja doch wohl nicht nur die Freude am Fahren, sondern ein bewegender Gedanke, etwa der Satz: "Die architektonische Schönheit kann Wohlgefallen, kann Bewunderung, kann Erstaunen erregen; aber nur die Anmut wird hinreißen. Die Schönheit hat Anbeter, Liebhaber hat nur die Grazie."

Nun ist die architektonische Schönheit, von der Friedrich Schiller 1793 sprach, gewiss ein weites Feld, sicherlich aber darf man sagen, dass er ein Werk der Architektur dann als "gemein" ansah, wenn es lediglich physischen Zwecken genügte. Ganz im Unterschied zu einer "edlen" Architektur als einem Behältnis von Ideen.

Schiller-Nationalmuseum

Heute wird das Schiller-Nationalmuseum in Marbach durch Bundespräsident Horst Köhler neu eröffnet. Drei Jahre dauerten die Arbeiten des Architekturbüros von David Chipperfield, der soeben auch das Neue Museum in Berlin saniert hat. Zur Neueröffnung ist der Marbacher Katalog Nr. 63 erschienen: Unterm Parnass, 296 S., 20 Euro.

Seit 1903 ist Marbachs Schillermuseum eine historistische Hülle der Schillerverehrung. Oder gar des Schillerverständnisses? Unter welchen Umständen, so tobte der Disput, sollte sein Gedankengebäude untergebracht werden? Das museale Denkmodell favorisierte vor 100 Jahren einen säkularen Pantheon, ein Walhalla des Geistes; hin und her gingen die Meinungen, mancher, der auf den Architekturwettbewerb Einfluss zu nehmen versuchte, hätte es gern gesehen, wenn mit Schillers Museum buchstäblich ein Tempel errichtet worden wäre, klassisch, nach griechischem Vorbild.

Es kam anders, ganz anders, denn Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle, die beiden Schwaben, ließen ihre Gedanken nicht etwa in die Ferne schweifen, sondern orientierten sich mit ihrem Bauwerk an einem Vorbild, das sie vor der Haustür vorfanden, am Schloss Monrepos bei Ludwigsburg, vor allem aber an Stuttgarts Schloss Solitude. Das Erbe Schillers, untergebracht in einer Architektur, die lebhaft an ein Bauwerk erinnert, dessen Hausherr ein Despot war und das Genie aus Schwaben vertrieb - das war grotesk. Schillers Geist in einem "Denkmal im Stil jenes verdorbenen Hoflebens" - das war für manchen ein Affront.

Keine Urhütte des deutschen Idealismus

So wurde das Schillermuseum nie eine Urhütte des deutschen Idealismus - die steht mit Goethes Gartenhaus in Weimar. Positioniert an einer Hangkante über dem Neckar, mit Fernsicht in ein fein geschwungenes Schwabenland (darunter die Festung Hohenasperg, der Schicksalsberg für zahllose politische Gefangene), ist das Museum immer wieder verändert worden. Das klassizistische Bauwerk mit seinen jugendstilartigen Einsprengseln wurde erweitert, saniert, so auch jetzt wieder, rechtzeitig zum 250. Geburtstag des gebürtigen Marbachers. Wie schon vor drei Jahren beim Literaturmuseum der Moderne stammen die Pläne vom großen David Chipperfield; federführend war erneut sein Berliner Büroleiter Andreas Schwarz.

Durchs neue Marmorvestibül (keine Marmorgruft, schon wegen der Mosaikböden) geht’s hinauf in den Schiller-Saal. Er nun wurde selbst zum Exponat, behutsam in seiner polychromen Farbfassung wieder hergestellt, freigelegt wurden auch die Reliefs mit den homerischen Szenen.

Der Besucher bewegt sich weiterhin über Mosaikböden und unter einer Kassettendecke, hat Gelegenheit, Türklinken aus Messing in die Hand zu nehmen, und sobald er sich den Ausstellungsräumen zuwendet, nutzt er anstelle von Teppichböden nun einen Linoleumbelag, rotbraun, tintenblau, es ist eine Wonne. Zum Behutsamen, und augenscheinlich allein darum ging es Chipperfield/ Schwarz, gehört, dass sie die Haustechnik verborgen haben, etwa in den dunkelbraunen Rosten entlang der Fußleisten.

Kuriosum einer Kuppel

Zusammen basiert die Abfolge der Wandgestaltung auf einer Farbenlehre (was an Goethes Haus in Weimar erinnern soll). Es ist offensichtlich, dass es ein Feingeist war, der sich seinen Baukörper errichtet hat, und so genießt der Besucher die Freiheit, dass er sich Äonen entfernt von einer "Pflegestätte der deutschen Gesinnung" (Wilhelm Dilthey) fühlen darf. Sicher, es gibt weiterhin das Kuriosum der Kuppel, die eine Scheinkuppel ist, und unabweislich ist obendrein, dass ausgerechnet dieser Fake ein Pantheon bereits aus der Fernsicht nahelegen soll.

Doch das ist mit Blick in die Vitrinen rasch vergessen. Versetzt lassen sich die Glasböden in den Schaukästen anbringen, vertikal und horizontal werden zwischen den Manuskripten Nachbarschaften gestiftet, Beziehungen, Überlagerungen, Durchdringungen, und spätestens bei dieser Gelegenheit, im Reich der Originale, sollte man nicht vergessen, dass ausgerechnet ein Baukünstler wie David Chipperfield auf eine eigene Handschrift weitgehend verzichtet hat, selbst in dem ein wenig pompös wirkenden Vestibül. Es sei denn, man erkennt sie darin, dass er die Handwerkskunst hat sprechen lassen, um nur ja nicht das zu stören, "was schlafend in den Objekten angelegt ist". Das nun ist ein Gedanke von Heike Gfrereis, der Leiterin des Schiller-Museums.

Was schlummert, sind annähernd 700 Exponate in neun Räumen, auf 450 Quadratmetern, aus konservatorischen Gründen bei exakt 50 Lux und 18 Grad. Angeordnet wurde der Parcours nicht mehr wie früher chronologisch-biografisch, sondern systematisch, obendrein rhythmisiert nach U- und E-Aspekten. Hier der Einblick in Schillers Lebenswelt, dort in seine Geschichtsphilosophie, hier ein Stirnband gegen Kopfweh, dort Kants "Kritik der Urteilskraft".

Neben Schiller sind die Vertreter der schwäbischen Dichterschule versammelt, schrieb sie doch, unterstützt von einem Weltliteraturverleger, Weltliteraturgeschichte. Rechter Hand vom Vestibül hat Schiller einen Flügel bekommen, links geht es ab in die Kabinette mit den Überbleibseln der Kollegen, darunter erste und letzte Verse. Das Kabinett "Ursprung" konfrontiert mit der ästhetischen Erfahrung durch Sprache, mit Alpensehnsucht ebenso wie mit Urweltphantasien, das alles im Zeitalter der napoleonischen Kriege.

Schillernde Vorboten der Psychoanalyse

Unter dem Motto "Liebe und Wahnsinn" macht Marbach vertraut mit den berühmten sieben Schwaben, von Hölderlin über Wilhelm Hauff bis Eduard Mörike. Dessen Turmhahn, die "Klecksographien" Justinus Kerners, mit denen er Tintentropfen zu Tier- und Menschenbildern aufs Papier beorderte, oder der Gedankenstrich in Kleists "Marquis von O..." geben Einblicke in die "Kleinen Formen", und nur wenige Schritte sind es weiter etwa zu Schlegel oder Waiblinger, die das mit geheimsten Herzenswinkeln tun, unausgesprochen als schillernde Vorboten der Psychoanalyse.

Auch ist es erhellend, wenn all diese Dokumente der Introspektion direkt gegenüber dem (verschlossenen) Fensterladen aus Mörikes Stuttgarter Gartenhäuschen präsentiert werden, von dem es heißt, dass diese kleine Öffnung eine "extreme Nahsicht" erforderte, praktisch den poetischen Lupenblick auf die Welt. Plötzlich, mit einem Male, wird aus der Luke ein Objet trouvé - aus Mörikes gerahmter Biedermeierperspektive ein Ready made avant la lettre.

Das Haus in Marbach ist aber vor allem ein Magazin, das den Besucher in den Schiller-Kosmos einführt - und ihn nicht entlässt, ohne ihn auch mit solchen Dingen vertraut zu machen, die zu Requisiten einer Heldenverehrung schon zu Lebzeiten geworden sind, als da waren Schillerlocke (aus Marmor) und Schillerkragen, um von Schillers Schädel gar nicht zu reden.

Oder doch, denn bekanntlich ist er ja ein Vexierbild der Autopsie, vielleicht sogar ein Fetisch, doch wer gar nicht pathologisch gestimmt ist, eher poetisch, kann sich, ob durch Johann Heinrich Danneckers Kolossalbüsten oder angesichts der gemalten Portraits lebhaft ein Bildnis machen. Hohe Stirn, schmale Nase, wulstige Unterlippe, energisches Kinn. Schillers feingliedrige Linke stützt einen Charakterkopf, der entrückt ist in die Melancholie. In unmittelbarer Nachbarschaft zeigen die Handschriften einen Enthusiasten des Willens.

Nicht erst die Nachwelt hat das Energiebündel Schiller idealisiert, schon der geneigte Mitmensch überhöhte ihn monumental, da ist es nicht unwichtig, wenn eine Vitrine seine Kleidung ausbreitet, sein Outfit vom Scheitel bis zur Sohle, wozu Hans Pleschinski im Marbacher Katalog schreibt: "Falls Schiller deutsche Strumpfwaren trug, so stammten sie wahrscheinlich aus Sachsen."

Gar nicht prosaisch geht es in denjenigen vier Wänden zu, die allein dem "Spiel und Zauber" der Worte gewidmet sind, lässt sich doch nicht übersehen, wie manchem gebundenen Buch (der Institution) eine ungeheuere Zettelwirtschaft (Infrastruktur) vorausging. Ja, gelegentlich sieht es in Marbach angesichts der Manuskriptfragmente wirklich so aus, dass die Infrastruktur anmutiger erscheint als die Institution in ihrer ganzen Würde.

Das eine wie das andre hat jetzt eine sanierte Bleibe bekommen in einem "Landsitz der Literatur". Auf diese Liebhaberformulierung haben sich Heike Gfrereis, die Museumsleiterin, und Ulrich Raulff, der Marbach-Chef, verständig. An ihrem graziösen Gedanken ist nichts übertrieben.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  9 | 11 | 2009
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