Nicht "Bet-Teppiche", sondern Bilder stünden zur Debatte, gab Hans Platschek 1964 in einer Polemik in der Zeit zu bedenken, um hernach ordentlich vom Leder zu ziehen. Die Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay seien unverbindlich und nichtssagend, wetterte der Maler und Kritiker: "Der Widerspruch zwischen der Qualität der Bilder und ihrer Wertung kann nicht augenfälliger sein." Auch Kollege Klaus Jürgen-Fischer gab damals im Tagesspiegel zu Protokoll, angesichts Nays Malerei habe sich "die visuelle Verdummung in Deutschland institutionalisiert".
Stein des Anstoßes war nicht zuletzt die spektakuläre Präsentation dreier Nay-Bilder auf der Documenta III in Kassel. Drei riesige, weitgehend abstrakt bemalte Leinwände, die in ungewohnter Manier von der Decke hingen.
Der Künstler in Socken
Es sei, so Nays Witwe Elisabeth Nay-Scheibler, Documenta-Erfinder Arnold Bode gewesen, der Nay 1964 gedrängt habe, für sein Programm "Bilder im Raum" der Documenta III drei übergroße Ölbilder im Format von vier mal vier Metern zu malen. "Damit", so erinnert sich die Witwe mehr als vierzig Jahre später im Katalogtext, "fingen die Schwierigkeiten erst an. Allein die Beschaffung der Leinwände solchen Formats war problematisch." Man musste sie eigens in Belgien anfertigen lassen. Hinzu kam, dass Nays Atelier nur knapp drei Meter hoch war, die Leinwände also entweder flach auf den Boden gelegt oder von Nay an die Wand genagelt werden mussten und auf dem Boden ausliefen. Nay sei in Socken über die Bilder gelaufen. Im ganzen Haus fanden sich hernach Spuren von Farbe.
Von der Arbeitsweise des berühmten Nachkriegskünstlers zeugen noch heute Fußspuren, die sich in die Farben gedrückt haben. Zu sehen ist dies derzeit in der Ausstellung "E.W. Nay. Bilder der 1960er Jahre" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Hier hat man eigens einen schmalen Raum konstruiert, der dem damaligen Vorbild in Kassel entspricht. Die Bilder hängen wie einst schräg und hintereinander gestaffelt von der Decke. Wer sich hinein vertieft, bekommt schnell einen steifen Nacken.
Der Grund für den Aufruhr, den diese als Sonderbehandlung empfundene Hervorhebung der drei Bilder seinerzeit hervorrief, lässt sich heute allenfalls erahnen. Zu sehen sind zahlreiche gestisch aufgetragene Kreis- und Augenformen, die Bilder schauen also zurück, selbst wenn man nicht hin sieht. Komplexe Muster aus sich überlagernden Farben und Formen, einerseits also ganz auf der Höhe der Zeit, andererseits eigenwillig: Mit der damals in Europa populären Strömung des Informel hatte Nay nichts am Hut. Allenfalls mit dem abstrakten Expressionismus der Amerikaner sind gewisse Gemeinsamkeiten erkennbar, was womöglich ein Grund dafür ist, dass Nay in den fünfziger Jahren auch in den USA seinen großen Durchbruch hatte.
Die heftigen Ausfälle der deutschen Kollegen lassen sich heute daher am ehesten mit Neid erklären. Platschek, wie Nay eingeladen zur Documenta II, war fünf Jahre später nicht mehr dabei. Es könne sein, räumte damals Die Zeit in einem Vorspann ein, dass Platschek ein wenig übers Ziel hinausgeschossen sei. "Übers Ziel hinauszuschießen, scheint uns weit besser zu sein, als gar kein Ziel zu haben (der traurige Normalfall der deutschen Kunstkritik)."
Der Künstler als Prügelknabe
Ernst Wilhelm Nay jedoch, der 1902 in Berlin geboren wurde und 1968 in Köln starb, soll unter den massiven Anwürfen gelitten haben, und im Nachhinein will es scheinen, als habe Nay stellvertretend für eine ganze Generation der Nachkriegskunst Prügel bezog.
Ab 1965 vollzog der Maler, dessen Werk in den dreißiger Jahren als entartet verunglimpft worden war, erneut einen radikalen Stilwandel; die "elementaren Bilder" entstanden. Statt wie zuvor mit Expressivität, Überlagerungen und Anleihen an Gegenständliches zu arbeiten, fand der Künstler in seinen letzten drei Lebensjahren zu einer radikal reduzierten Formensprache. Die ausgestellten Werke zeigen klar abgegrenzte Formen, die an Pflanzen, Ketten, Bordüren, Arabesken erinnern. Wenige, dafür kräftig leuchtende Farbtöne bilden mit weißen Aussparungen dynamische Umrissbilder, die an die Scherenschnitte von Henri Matisse denken lassen. Charakteristisch für diese Farbkompositionen ist, dass man sie sich als sich über den Bildrahmen hinaus dehnende Formen denken muss.
Es sind Bilder von souveräner Schlichtheit und überwältigender Leuchtkraft, die es derzeit in der Schirn zu entdecken gilt.
Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 26. April. www.schirn.de
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