Die Identität des kleinen lombardischen Städtchens Solferino entstand durch eine gigantische Metzelei. "Es kam durch tausendfachen Tod zur Welt", schreibt Ulrich Ladurner, und zwar geschah das am 24. Juni 1859. An einer 20 Kilometer langen Front zwischen Gardasee und Poebene standen sich an diesem Tag 320 000 Soldaten gegenüber, auf der einen Seite 150.000 Franzosen und Piemonteser, auf der anderen 170.000 Österreicher. Solferino auf seinem Hügel bildete den Mittelpunkt der Front.
Die Schlacht brach schon vor dem Morgengrauen los und dauerte bis nach Einbruch der Dunkelheit: " es ist wirklich ein Kugelregen gewesen wir waren schon drei Stunden im Feuer und ohne Hoffnung zu einer Ablösung und wir hatten schon viele Kameraden blutig auf dem Feld verlassen müssen, denn wir könnten bald nimmer stehen vor Durst und Schwachheit."
Der das notierte, war Ulrich Ladurners Urgroßvater, ein Südtiroler Schuster, der als 25-Jähriger an der Schlacht von Solferino teilnahm. Sein Tagebuch überdauerte, in Wachstuch eingeschlagen, die Jahrzehnte, bis es seinem Urenkel vom Vater mit den Worten "damit du weiß, woher du kommst" überreicht wurde. Ulrich Ladurner, kriegsschauplatz- und krisengeschulter Auslandsredakteur der Zeit, nahm das Erbe nur zögerlich an, wie er in seinem Buch "Solferino" berichtet. Doch schließlich machte er sich mit dem urgroßväterlichen Tagebuch in der Hand auf zu einer Spurensuche ins Gebiet jener Schlacht, die für Italien den Beginn seines Wegs zur Einheit einläutete, für Österreich den Anfang vom Ende der Habsburger Monarchie und deren gigantisches Gemetzel sowohl zur Gründung des Roten Kreuzes als auch zur Genfer Konvention führte.
Ladurners schmales Buch versteht sich als "historische Reisereportage". Das ist es geworden, und dazu eine "kleine Geschichte eines großen Schauplatzes". Es ist ein sehr persönliches Buch. Man folgt Ladurner wie durch eine mündliche Erzählung, die das Heute mit dem Damals verknüpft, kleine Lokalaugenscheine zum Anlass für weite historische Mäander nimmt, vom Schweiß und Gruseln des Rechercheurs ebenso berichtet wie vom Blut der Verwundeten und Sterbenden von damals.
Es ist solide recherchiert, ohne das Historisch-Faktische erschöpfend erfassen zu wollen. Ladurners Schwerpunkt liegt im Persönlichen. Sein eigener familiärer Bezug spielt eine wesentliche Rolle. Der ist es auch, der das Buch im Jubiläumsjahr zur Besonderheit macht. Der Augenzeuge, den er immer wieder sprechen lässt, war kein Heerführer wie Napoleon III, der durch die Schlacht von Solferino etwas vom militärisch-strategischen Ruhm seines Onkels auf sich ziehen wollte; nicht der junge, unerfahrene, aber allem Militärischen innig zugetane Kaiser Franz Joseph, der mit der österreichischen Niederlage den langen Niedergang des k.u.k-Reiches initiierte. Und auch nicht Viktor Emanuel II., König von Sardinien-Piemont, Womanizer und Heißsporn, der planlos vorpreschte und nur mit Mühe von seinen Offizieren vom Sinn einer Schlacht-Taktik überzeugt werden konnte.
Ladurners Zeitzeuge, sein Urgroßvater, war ein einfacher Soldat. Er berichtet aus der Perspektive des Fußvolks und aus Sicht eines Soldaten, der wider alle Wahrscheinlichkeit das große Schlachten überlebte. "In blutiger Unschuld", so Ladurner, notierte er seine Beobachtungen.
Ulrich Ladurner: Solferino.
Residenz Verlag,
St. Pölten/
Salzburg,
140 Seiten,
17,90 Euro
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