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Schlachtfeld im Landkreis Northeim: Terra incognita

Die Römer im Harz? Die Verwunderung ist aufschlussreich für das deutsche Germanenbild.


Foto: FR-Infografik

Es gab Zeitalter, und es waren Zeiten nicht nur zwischen Rhein und Weser, da wurde an die nationale Ehre appelliert. Ging es doch um die Frage, ob im Anschluss an die Varusschlacht auch weiterhin ein Römerfuß (dessen Sandale) auf germanischen Boden gesetzt worden sei. Flankierend ging es darum, inwieweit sich die Weltmacht zivilisatorisch in "Germania Magna" hatte stark machen, strategisch verfahren und kulturell einwirken können. Es gab Zeiten, da war sich das Land der Dichter und Denkmalerbauer einig, Hermann der Cherusker habe die Wälder bis zur Elbe ein für alle Male von Rom befreit. So jedenfalls lernten es Legionen deutscher Schüler.

Jetzt jedoch ist ruchbar geworden, dass Soldaten im Solde Roms ihr Vorgehen nicht - um die Heimatkunde wachzurufen - auf die Münsterländer Bucht und den Teutoburger Wald beschränkten, vielmehr wesentlich weiter östlich von Beckum und Bielefeld, Detmold und Hiddesen operierten. Nachweislich soll es dazu im 3. Jahrhundert in der heutigen Gemarkung Oldenrode gekommen sein (das liegt, um ein Google-Map-Fähnchen zu hissen, im Landkreis Northeim).

Was dort auf einem archäologischen Feld von 1500 mal 500 Metern an Beweisstücken für einen germanisch-römischen Zusammenstoß ausgemacht werden konnte, ist sofort zum Schürffeld der Sensationen erklärt worden. Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur spricht von einem "Jahrhundertfund". Die Tatsache, dass Römer im Auftrag des Kaisers Maximus Thrax im Jahr 235 n. Chr. und damit über 200 Jahre nach der Varusniederlage bis an den westlichen Harzrand vorstießen, hat für lebhaftes szenisches Erzählen in allerlei Zeitungen geführt. Dramatisch ist der Hinterhalt der Germanen beschrieben worden, mit Gebüsch und offenem Feld. List und Lauer der Ureinwohner scheiterten farbig an der überlegenen Waffentechnik der Römer. Gebrülle, ja, auch Gebrüll. Pfeilesirren? Was sonst! Krachende Äxte? Natürlich, so etwas war Usus.

Dort, wo Römer und Germanen metzelten, blieb 1800 Jahre lange eine sehr abgegriffene Münze zurück. Hier steckte ein Messerfutteral in der Erde, dort der Vorläufer eines Hufeisens. Auf dem von der Öffentlichkeit abgeschirmten Areal am Harzhorn, das seit Mitte des Jahres mit Sonden abgesucht wird, kamen dreikantige Pfeile ans Licht, überhaupt Waffen, darunter Katapultreste, die den Fachmann an das römische Geschütz namens Scorpio denken lassen, wie überhaupt weitere kriegstaugliche Dinge und Substanzen, die an ein Feldgefecht gemahnen, übrigens unter Beteiligung von persischen Bogenschützen und maurischen Speerspezialisten. Denn das Wort Söldnerwesen kommt nicht von ungefähr.

Worin aber besteht die Sensation, wenn jetzt ein solches Schlachtfeld entdeckt wurde? Weil es überraschend ist, so weit östlich auf Spuren der Römer zu treffen? Allein die Münzfunde in Kalkriese, nördlich von Osnabrück, wo die historische Schlacht aus dem Jahre 9. n. Chr. in den letzten Jahren verortet wurde, aus archäologischen Gründen kaum dingfest gemacht, wohl aber aus Marketinggründen angesiedelt werden konnte: Allein die Münzfunde von Kalkriese belegen römische Expeditionen auch nach der Varusniederlage. In Kalkriese hat es bis 16 n. Chr. etliche Schlachten gegeben, viele hundert Kilometer entfernt von den Rheinbastionen. Einerseits ließ sich mit dem Bau des Limes "das Land zwischen Rhein und Elbe weit effizienter kontrollieren, wenn man es sich selbst überließ und nur gelegentlich in die dort herrschende Anarchie eingriff", schreibt der Historiker Ralf-Peter Märtin in seinem Buch über die Varusschlacht. Um andererseits deutlich zu machen, dass es immer wieder zu "Eingriffen" kam - weit hinein in die Terra incognita, bis an die Nordsee, ohne dass es bereits die A 1 und das Kamener Kreuz gegeben hätte.

Vom "Spiegel" wurde der Sieg des Arminius über Varus soeben zur "Geburt der Deutschen" promoviert. Die Verwunderung über den Sensationsfund wird überlagert von dem, was Märtin einen "weitverbreiteten Irrtum" nennt. Dieser hat seine historischen Wurzeln im 19. Jahrhundert. Er hat obendrein ideologische Ursachen - weil es nicht allein ein Irrtum war, sondern geschichtspolitisches Kalkül, in Hermann dem Cherusker, dem Bezwinger des Varus, einen nationalen Volkshelden zu sehen. Darüber erkrankte die verspätete Nation an einem "Arminius-Komplex" (der Historiker Volker Losemann).

Hermann der Cherusker als "Befreier Germaniens" - da schloss man sich der Stilisierung an, die Tacitus in seinen "Annalen" vorgenommen hatte. Als Gründervater der Deutschen aber zählte er zum patriotischen Aberglauben und revanchistischen Repertoire des 19. Jahrhunderts. Zur Gesinnungsfestigkeit gehörte, dass in den Grenzen eines aggressiven Nationalismus das linksrheinische Ufer als Demarkationslinie und der Rhein als so etwas wie ein deutscher Schicksalsstrom aus antiker Vorzeit betrachtetet wurde.

So weit geht die Sensationsmache angesichts der Funde im Harz nicht. Aber sie wurzelt mental im 19. Jahrhundert. Helmuth Plessner schieb in seinem Klassiker "Die verspätete Nation" von den Versuchen, das deutsche Staatsbewusstein in "naturhafter Ursprünglichkeit" verankern zu wollen. In zurückgehender Linie fing das an mit dem Krieg gegen Napoleon, setzte sich fort über Luthers Reformation, Widukinds Widerstand gegen Karl d. Gr. - bis zum Kampf des Cheruskerfürsten gegen Rom.

Die jüngste Sensationsmache gründet nicht nur in erneuerten Anstrengungen zu einem deutschen Staatsbewusstsein "aus naturhafter Ursprünglichkeit" (an dem "Der Spiegel" herumfrickelt), sondern in einem weiterhin anhaltenden Arminius-Komplex. Rekonstruktion also auch auf diesem Feld.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  20 | 12 | 2008
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