Rucke di guck, rucke di guck, Blut ist im Schuck", gurren die Täublein in Grimms Märchen vom Aschenputtel und stellen die böse Stiefschwester bloß, die sich in den zu zierlichen Schuh gezwängt hat. Dass das Märchen einer der beliebtesten Stoffe des klassischen Balletts ist, hat mit dieser Selbstverstümmelung eher wenig zu tun. Doch konnte die Primaballerina zum Inbild romantisch-klassischer, die Schwerkraft überwindender Tanzkunst werden, weil sie dem männlichen Tänzer einen brutal zierlichen Schuh voraus hat - und dank des so genannten Spitzenschuhs die geringere Bodenhaftung. Es kann kein Zufall sein, dass Rudolf Nurejew, um seine Prinzenrollen aufzuwerten, die Kraft seiner Zehen, die extrem hohe halbe Spitze trainierte. Seine muskulösen Beine sollten dadurch länger wirken.
Das Kölner Tanzmuseum, das angedockt ist ans wichtige Deutsche Tanzarchiv, feiert seine kürzlich modernisierten Räume zur Zeit mit einer Ausstellung, die Schlaglichter wirft auf das Bild von Weiblichkeit im Tanz. "Fatal Attraction", so der Titel, muss dazu den Weg gehen von der ätherischen Ballerina, die trotz ihrer dubiosen Tätigkeit der Heiligen näher ist als der Hure, zur durch Modern Dance befreiten Frau. Ein kleiner flackernder Film zeigt Isadora Duncan, wie sie um 1910 auf einem Gartenfest in einer Art Tunika und barfuß zwischen Bäumen umherspringt. Männer in dunklen Anzügen und Hut sehen ihr dabei ernst zu und sind mutmaßlich angetan. Wenn nicht vom Tanz, dann von dem bisschen blanker Haut.
Das Tanzmuseum hat nicht viel Platz, aber Thomas Thorausch und Klaus-Jürgen Sembach haben dennoch großzügig konzipiert und jeweils nur einige prägnante Werke und Dokumente aus bildender Kunst, Fotografie, Film und Lyrik ausgewählt. Die bildende Kunst, kann man da sehen, berauscht sich gern an der elegant-elegischen Linie eines asketischen Körpers, am schmalen, großäugigen Tänzerinnengesicht. Ein Gemälde aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt reizendes Elend, ein weinendes Mädchen in der Ballettschule. Auf einem Foto sitzt Marcia Haydée in Trainingsklamotten auf dem Boden, versunken, erschöpft, die Augen dunkel wie Moorseen.
Die Inkarnation der Tänzerin ist - immer noch - ein weißer Vogel, der sterben muss: In einem der Videos des Museums biegt die berühmte Anna Pawlowa ihre Arme zu Schwingen und neigt den Kopf in schmerzlicher Akzeptanz. Gern wird die Tänzerin auch mit einem Schmetterling verglichen, mit fast körperloser Schönheit. Aber was wollen uns die Ausstellungsmacher damit sagen, dass sie einen Schmetterling ausgewählt haben, den Morpho didius, bei dem die herrlich blaue Färbung nur eine optische Täuschung ist? Dass die Ballerina trickst? Oder der Betrachter auf sie projiziert, was er sehen will? "Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes", dichtete Heinrich Heine, "Sie tanzt mich rasend - ich werde toll". Und Ludwig Uhland: "Du seyest Aether, Seele ganz."
Die bewegte Frau hat den Mann schon immer in besonderem Maße fasziniert. (Nebenbei: auch beim Mann gefällt, wenn er tanzen kann.) Und es ist sicher kein Zufall, dass vor allem Frauen den modernen Tanz begründeten: Dass sie es waren, die gegen das Ideal des entsexualisierten, über-zierlichen, den Boden kaum berührenden und möglichst nicht schwitzenden Körpers rebellierten - und damit gegen den Spitzenschuh. Der den Fuß einer Ballerina auch dann verformt, wenn kein Messer im Spiel ist.
Es soll Tänzerinnen geben, die die Zehen mit einem Stück weichen rohen Fleisches vom Metzger schützen.
Tanzmuseum, Köln: bis 26. Juli. www.sk-kultur.de/tanz/tanzmuseum
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