Wann immer es in den letzten Jahrzehnten den Vorwurf an die deutschsprachige Literatur gab, sie blicke einzig und allein auf den eigenen Bauchnabel, hieß es: Hugo Loetscher, und der Einwand war widerlegt.
Der am vergangenen Dienstag nach einer Operation gestorbene Schweizer Autor war gerne unterwegs. In Büchern, aber mindestens ebenso erregt in der Welt. "Wenn der liebe Gott Schweizer wäre", hieß einer seiner Artikel. Das war seine Art von Witz. Mit einem Schlag wurde einem klar, wie abwegig die Vorstellung ist, dass der Herr des Universums sich herablässt, ausgerechnet zu einem höchst ephemeren Lebewesen auf einem winzigen entlegenen Stern. Gleichzeitig wurde die völlige Selbstüberschätzung eines jeden von uns deutlich. Denn nichts und niemand ist zu klein, um sich nicht gottähnlich vorkommen zu können.
Die Schweiz kam ihm da gerade recht. Ein Land, das zu winzig ist, als dass es einem anderen gefährlich werden könnte. Das aber gerade darum immer wieder freier agieren kann als die großen. Der Autor Hugo Loetscher hatte das seinem Land abgeschaut. Er sah sich um in der Welt, sah, dass der Kantönligeist eine Globaldroge ist und konnte so die Heimat mit mal zarter, mal heftiger Ironie ertragen. Mit dieser Haltung hat er stilbildend gewirkt. In einem Verlag - dem Diogenes-Verlag -, der die heitere Ironie als eine der zentralen Ingredienzen nicht nur der Literatur, sondern eines er- und verträglichen Lebens zu pflegen versteht.
Der am 22. Dezember 1929 in Zürich geborene Hugo Loetscher war, nach dem Studium von Politologie, Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Literatur, erst einmal Journalist. Sehr erfolgreich. Zuletzt gehörte er zur Chefredaktion der Weltwoche. Seit 1969 lebte er als freier Schriftsteller. Er hat Theaterstücke, Reportagen, Aufsätze, Erzählungen und Romane geschrieben. Auch Gedichte. Nichts Literarisches war ihm fremd.
"Ich wollte schon als Zwölfjähriger Schriftsteller werden und hatte eine Theorie: Bevor ich schreibe, so dachte ich, muss ich alle Bücher lesen. So weiß ich, welche Bücher noch zu schreiben sind. Als ich dann in einer Bibliothek stand und sah, wie viele Bücher ich lesen müsste, beschloss ich, sofort mit dem Schreiben zu beginnen."
Hugo Loetscher hat in Brasilien und in New York gelebt. Immer wieder hat er den Fernen Osten bereist. Er war offen für die verwirrende Vielfalt des wirklichen Lebens und liebte ebenso sehr das Spiel mit den Wörtern, mit der Sprache und mit den Sprachen. Er liebte die Klarheit und die Ambivalenz. Sein demnächst erscheinendes letztes Buch trägt den Titel "War meine Zeit meine Zeit". Ohne Fragezeichen. Natürlich, ist man versucht zu sagen.
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