Herr Schami, was fühlen Sie, wenn Sie in diesen Tagen des Aufstandes an Damaskus denken, also an eine Stadt, der Sie in vielen Ihrer Bücher Liebeserklärungen machten?
Es bewegt mich sehr, zu sehen, wie man dort nun schon sechs Monate einen friedlichen Aufstand führt. Das Regime ist brutal, erschießt Kinder, friedliche Demonstranten, ja sogar Krankenschwestern, und trotzdem reagiert das Volk mit Entschlossenheit, aber friedlich und mit einem Mut, den ich nicht beschreiben kann. All die Liebeserklärungen, die ich je gemacht habe oder noch machen würde, können gar nicht ausdrücken, was ich gegenüber dieser großartigen Stadt und ihren tapferen Menschen empfinde.
Für wie zuverlässig halten Sie die Nachrichten, die uns über das Internet erreichen? Wie erfahren Sie, was in Syrien passiert?
Ich habe – wie alle Oppositionellen – mehrere Möglichkeiten. Direkte Aufnahmen inmitten einer Demonstration können nicht manipuliert sein. Die Videos zeigen Datum und Ort des Geschehens. Über Facebook, Twitter und Handy bekommen wir stündlich Nachrichten, die man vergleichen kann. Wenn etwa General Ali Habib, langjähriger Verteidigungsminister, vor etwa vier Wochen vom Präsidenten rausgeschmissen wurde, weil er bei der Aufstandsbekämpfung gescheitert ist, dann stimmt das mit unserem Wissen über den Streit unter den Herrschenden überein. Einen Tag später hieß es, er habe sich das Leben genommen. Andere sagen, er wurde vom Bruder des Präsidenten umgebracht, weil er sich geweigert habe, eine Stadt bombardieren zu lassen; die Regierung behauptet, er starb an einer Krankheit… Man mag nun über den Tod dieses Mannes spekulieren, aber die Spaltung unter den Herrschenden ist eine Tatsache.
In einem Interview mit der Berliner Zeitung haben Sie einmal gesagt: „Ich schreibe mit der Illusion, dass irgendwann eine Demokratie in mein Land kommt …“ – und dass Sie Ihrem Sohn zeigen möchten, wo Sie Ihre Kindheit verbrachten. Jetzt scheint der Tag nicht mehr fern ... oder könnte Assad doch wieder Herr der Lage werden?
Nein, er ist völlig gescheitert. Niemals werden die Menschen einen Mörder als Präsident akzeptieren. Er hat seine Chance gehabt, aber er war zu feige, die Konsequenz zu ziehen. Er hat lieber gelogen, um Zeit zu schinden. Nein, ich werde – hoffentlich bald – zurückfahren und die Orte meiner Kindheit wiedersehen… ich habe geschworen, ich werde mit meiner Frau und meinem Sohn Murmeln auf der Gasse spielen… und dann zurückkommen, um von meiner Reise zu erzählen.
Der Schriftsteller Rafik Schami wurde 1946 als Sohn eines Bäckers in einer aramäischen Familie in Damaskus geboren. Seit Mitte der 60er-Jahre betätigte er sich in der Opposition, unter anderem als Leiter der Wandzeitung Al-Muntalek, die 1969 verboten wurde. 1970 emigirierte Schami erst in den
Libanon und dann nach Deutschland.
Er studierte Chemie und Pharmakologie; 1978 erschien sein erstes Buch auf Deutsch: „Andere Märchen“.
Seitdem hat Schami mehr als 30 Romane und Kinderbücher veröffentlicht, von denen sich viele mit der syrischen Geschichte befassen, wie etwa „Die dunkle Seite der Liebe“ (2004) und zuletzt sein Damaskus-Roman „Das Geheimnis des Kalligraphen“ (2008).
Wiederholt hat Assad mit Reformversprechen die Bürger zu beruhigen versucht. Würde das Regime sich nicht selber abschaffen, wenn es solche Reformen umsetzte?
Sicher. Zur ersten Reform, die die Opposition verlangt, gehört die Auflösung aller 15 Geheimdienste, die Freilassung von mehr als 50 000 Gefangenen, die Bestrafung der Mörder, die bis heute fast 3 000 Morde begangen haben, Rückführung der Milliarden, die Assads Clan und andere mit ihm verbundenen Sippen geraubt haben. Das sind alles zusammen fast 50 Milliarden Dollar – damit könnte Syrien selbst Entwicklungshilfe spenden und brauchte nicht bei der EU um 50 Millionen Dollar zu betteln.
In Syrien begannen die Demonstrationen später als in anderen arabischen Ländern, und diese Proteste haben – offensichtlich – Aleppo und auch Damaskus noch nicht erfasst. Welche Gründe gibt es dafür?
Die Angst war nach 40 Jahren Diktatur und über 40 000 Morden groß. Nun aber erfasste die Revolution das ganze Land – bis auf die Zentren und die Viertel der Reichen in Aleppo und Damaskus, weil hier vor allem die Anhänger, Geheimdienste und Nutznießer leben: Großhändler, Importeure, Drogen- und Waffenhändler, die mit Assad das Volk ausrauben und nach seinem Niedergang vor Gericht gestellt werden müssen. Die armen Ränder der zwei Metropolen sind rebellisch und gehen täglich auf die Straßen, aber die Zentren sind unberührt. Fallen sie, fällt das Regime.
Wie erklären Sie sich, dass die Mittelschicht – und zwar nicht nur in diesen Städten – noch passiv bleibt?
Weil sie noch nicht gelitten hat. Sie bekam immer etwas vom Kuchen der Herrschenden. Diese Schicht steht vor dem Ruin, weil das wirtschaftliche Leben fast zum Stillstand kam – und dadurch werden nicht die Milliardäre leiden, die wie der Cousin des Präsidenten ihr Geld bereits in Dubai gebunkert haben. Die Mittelschicht kann nirgendwohin fliehen. Sie ist auf die Stabilität im Inland angewiesen.
Wer unterstützt Assad noch?
Wissen Sie, die allergrößte Unterstützerin des Regimes ist die Gleichgültigkeit des Auslands. Darauf baut jeder Diktator, wenn er sein Volk ausbeuten und ausbluten lässt. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Martyrium eines ganzen Volkes ist die Barbarei unserer Zeit. Politisch sind mehrere Mächte daran interessiert, dass das Regime bleibt. Der Iran, weil er mit Assad einen guten Verbündeten hat. Aber auch die mit Iran liierte Hisbollah. In gewisser Weise ist auch Israel nicht gerade begeistert vom Aufstand, weil Assad – wie vor ihm schon sein Vater – die Golan-Höhen wortreich vergessen und Israel überlassen haben. Eine demokratische Regierung in Damaskus wird nicht akzeptieren, dass im 21. Jahrhundert noch Gebiete besetzt bleiben. Sie wird sich aber um einen umfassenden Frieden kümmern müssen, der für alle Staaten und Völker ein Existenzrecht unter Aufsicht der Supermächte und der Uno garantiert.
Millionen Syrer kennen überhaupt nur die Assad-Herrschaft. Müssten sie alle, salopp gesprochen, nach einem Regimewechsel auf die Couch eines Psychotherapeuten?
Nein, dann wären sie keine Syrer. Die Revolution wird für viele eine Erleichterung sein, für einige eine Feuertaufe, für andere ein Aufstieg aus der Asche, und für viele Syrer wird das Verdrängen sie vor ihren Gewissensbissen retten. Sie werden lachen und ausrufen: „Fangen wir neu an! Lasst uns alles vergessen…“, und am lautesten werden die heutigen Spitzel für Vergessen plädieren, so wie ihre Zwillingsbrüder in den ehemaligen Ostblockländern. Ich plädiere für Aufklärung, gerechte Justiz und Verzeihung. Verzeihung versöhnt, sie verlangt ein gewisses Vergessen, aber ohne Verdrängen, und sie verlangt eine große Seele. Verdrängen ist nur feige, nur eine Flucht vor der Verantwortung.
Wer ist eigentlich die syrische Opposition?
Die Revolution entwickelte sich aus der Wut gegen die Umstände heraus, ohne Parteien, ohne charismatische Führung. Dies hat die klassischen Oppositionsparteien, die ohnehin zerschlagen waren, weiter marginalisiert… Nun bilden sich langsam Strukturen eines Koordinationskomitees für den Gesamtwiderstand aus. Es ist ein langsamer, mühseliger Prozess.
Welche der Oppositionellen sollte der Westen unterstützen – und vor allem wie?
Am besten mischt sich der Westen nicht militärisch, sondern politisch ein. Zunächst müssen die EU-Staaten ihren Geheimdiensten verbieten, mit dem syrischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Das tun viele, an erster Stelle der russische Geheimdienst, aber auch die US-Amerikaner, unter dem Vorwand der Bekämpfung von Terror. Dann kann der Westen die Frage der Freiheit in den arabischen Ländern zu seiner eigenen Sache machen, wie er das gegenüber Osteuropa erfolgreich gemacht hat. Also Oppositionelle empfangen, glaubwürdig zu den Demonstranten in Syrien stehen und das Wissen über Bankkonten offenlegen, auf denen der Assad-Clan und seine Mafia die Gelder deponiert haben. Der Westen sollte eindeutig erklären, wie viel das ist und dass es dem syrischen Volk zurückgegeben wird. Das alles würde den zivilen Widerstand sogar gegen die Fundamentalisten stärken, weil Europa dann zeigte, dass die westliche Demokratie ein Rückgrat hat.
Das Gespräch führte Martina Doering.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen