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Schriftstellerin Schenkel im Interview: Der Leser mag klinisch reine Leichen

Und, wie es scheint, die Leerstellen, die unbeantworteten Fragen. Entscheiden Sie trotzdem für sich, wie es gewesen ist, oder lassen Sie auch für sich selbst Leerstellen?

Für mich ist schon klar, was passiert ist.

Auch im neuen Buch, "Bunker", gibt es Dinge, über die sich der Leser keineswegs sicher sein kann.

Es ist ein Spiel. Und es ist eine Momentaufnahme, ein Ausschnitt, es sind genau diese paar Tage, von denen ich erzähle. Was vorher war, das kann sich jeder selbst überlegen. Und was hinterher passiert, darüber könnte man eine ganz andere Geschichte schreiben. Ich habe als Kind immer das gern gemacht: Wenn ich einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hatte, mir überlegt, wie es weitergeht, mir selbst eine Folge ausgedacht. Da hab ich dann auch neue Figuren erfunden und Dialoge für sie, die ich wieder verworfen habe, wenn ich sie zu blöd oder kitschig fand. Ich möchte eine Geschichte gar nicht zu Ende erzählt haben. Bei jeder meiner Lesungen kommt übrigens mindestens einer und sagt: Ich bin eigentlich kein Krimileser, aber Ihre Krimis lese ich.

Ihr Verlag, Nautilus, schreibt schlicht "Roman" auf das Cover.

Es fängt ja schon damit an: Was ist ein Krimi? Doch nicht nur ein Whodunit. Krimi ist auch keine B-Literatur. Es ist ein wunderbares Genre, in dem man alles, einfach alles tun kann.

Und dessen Grenzen mittlerweile sehr weit sind.

Nehmen Sie Sjöwall/Wahlöö. Sie haben noch das klassische Ermittlerteam, aber sie haben das Genre revolutioniert, indem sie die Figur des Martin Beck eingeführt haben, den es so - mit seinem tragischen Privatleben - vorher nicht gegeben hat. Gut, inzwischen kann man's nicht mehr hören und lesen, überall ermitteln depressive, Alkohol abhängige Kommissare. Auf der anderen Seite ist auch Dürrenmatt Krimi.

Würden Sie denn auch einen Roman schreiben, der nicht einmal entfernt ein Krimi ist, in dem niemand getötet wird?

Das kann ich mir schon vorstellen. Obwohl ... ich weiß nicht. Ich fühle mich eigentlich ganz wohl in der Krimiecke. Solange ich schreiben kann, wie ich schreiben will, ist das in Ordnung.

Eine andere häufige Reaktion auf Ihre Romane ist: Oh, die sind so brutal.

Das verstehe ich nicht, denn es fließt ja nicht im Übermaß Blut. Es gibt Krimis, da klatscht das Hirn gegen die Scheiben und rinnt runter ...

Es hat, denke ich, damit zu tun, wie Sie die Dinge beschreiben. Nehmen Sie in "Bunker" die Passagen über die Bauch-OP ...

Das wird genauso beschrieben, wie es ist. Ja, man hat gern die klinisch reinen Leichen. Bei mir ist es wie unterm Mikroskop. Das Setzen der Infusionsnadel könnte man als Anleitung nehmen für: Wie setze ich eine Infusionsnadel. Bei "Kalteis" ist es so, dass Männer das Buch weitaus öfter extrem brutal finden (es erzählt von einem Vergewaltiger und Serienmörder, d. Red.). Und zwar so brutal, dass sie sagen: Ich konnte nicht weiterlesen. Aber Frauen kommen auf mich zu und sagen: Ich habe es gleich nochmal gelesen.

Nun, ich finde: Da spricht jemand aus, wie furchtbar hässlich Gewalt gegen Frauen ist.

Bei männlichen Lesern ist es vermutlich so: Mit den Bildern, die da entstehen, möchten sie gar nichts zu tun haben. Aber sexuelle Gewalt ist nicht sauber, sie ist furchtbar. Auch wenn die Frau überlebt, ist sie für ihr Leben gezeichnet. Und egal, was sie zum Beispiel anzieht, sie ist nie selbst schuld, nie.

Der japanische Autor Haruki Murakami hat ein Buch über sein Laufen geschrieben, darüber, wie er das Schlechte, das Dunkle, das sich beim Schreiben ansammle, ausschwitze. Machen Sie etwas Ähnliches?

Ich gehe, um anständig arbeiten zu können, in der Früh einmal um die ganze Innenstadt (von Regensburg, d. Red.). Bringe zuerst die Kinder in die Schule, gehe, dusche, fange an zu arbeiten. Ich brauche dieses Gehen. Ich fange das Buch sozusagen vorher in Gedanken auf, um hinterher daran arbeiten zu können. Und nach Lesungen finde ich es entspannend, im Auto lange Strecken zu fahren. 300 Kilometer in der Nacht sind überhaupt kein Problem.

Haben Sie Vorbilder? Ich sehe im Regal Dürrenmatt, James Ellroy, James Sallis, Coetzee ...

Ganz bestimmte Vorbilder habe ich nicht. Mich beeindrucken einzelne Passagen. Aber ich bin ganz schlecht darin, mir Autorennamen oder Titel zu merken. Das ist so peinlich, wenn mich jemand fragt .... Derjenige müsste mir eine Passage vorlesen, dann wüsste ich's. Zum Beispiel Max Frisch, "Homo Faber", die Stelle, als er in Mittelamerika in der Hängematte liegt: Man hört die Fliegen, spürt die Hitze, den Schweiß, der runterrinnt, den Dreck, den Staub, man schmeckt ihn zwischen den Lippen .... Die Zeit bleibt hier fast stehen. Das fasziniert mich am Schreiben: Dass man Zeit unheimlich schnell fließen lassen kann, aber auch anhalten. Oder eben die Dinge wie unters Mikroskop legen.

Ja, man merkt das Streben nach Präzision im Detail.

Mein Mann hat sich zum Beispiel aufgeregt über das Wort "Mäusepisse" in "Bunker", er hat gesagt: Das kannst du nicht drinlassen. Und ich habe gesagt: Aber stell dir vor, du krabbelst in einem stinkenden Keller unter ein Bett - was findest du denn da? Und du denkst in dem Moment doch nicht: "Verdammte Mäuseexkremente!"

Wenn wir schon beim Thema sind: Die Gefangene in "Bunker" verrichtet ihre Notdurft in einer Plastiktüte. Das würde in einem anständigen Krimi auch nicht stehen.

Das stimmt. Aber so ist es doch: Man muss aufs Klo, man hat Hunger. Man hat auch in so einer Situation nicht permanent Angst, glaube ich. Je länger sie anhält, desto besser ist man im Verdrängen. Es ist ein Selbstbetrug, aber man braucht ihn. Wenn man eingesperrt ist genauso, wie wenn man in einer anderen schwierigen Lage ist. Aber noch etwas, das in "Bunker" nicht den Gepflogenheiten des Genres entspricht: Man mag das Opfer nicht, sie ist eine blöde Gans. Sie hat es drauf angelegt, sie hat alles verdient. - So ein Krimi hat ja doch etwas Reinigendes (lacht herzlich).

Interview: Sylvia Staude

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Datum:  26 | 2 | 2009
Seiten:  1 2
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