Stockholm. Der Applaus der Journalisten, die sich vor dem Festsaal der Stockholmer Alten Börse drängten, war länger und wärmer, als man dies bei der Bekanntgabe der Literaturnobelpreise gewohnt ist. Das mochte Ausdruck der Sympathie für Peter Englund sein, den sichtlich nervösen neuen Sekretär der Schwedischen Akademie. Aber der Beifall galt auch der Wahl der Preisträgerin, die nicht überraschend kam und in Stockholm so einhellig positiv aufgenommen wurde wie zuletzt höchstens noch die des Türken Orhan Pamuk vor drei Jahren.
Herta Müller zeichne "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit", lautet die offizielle Preisbegründung der Akademie. Weniger gestelzt und mit echter Begeisterung legte Englund später nach: Die Dichterin habe ihren besonderen Stil und ein fantastisches Anliegen. Sie sei eine "Sprachkünstlerin" mit extremer Präzision, kurzen Sätzen, reichen Bildern - "man muss nur eine halbe Seite lesen um zu wissen, dass das Herta Müller ist. Aber sie hat auch etwas zu sagen." Sie berichte nicht nur über das Alltagsleben in der Diktatur, sie schreibe über das Außenseitersein.
Die größte Stockholmer Morgenzeitung Dagens Nyheter druckte am Donnerstag ein Bild Müllers auf die Titelseite ihres Kulturteils. Da war die Schlagzeile "Nobelpreisträgerin" noch mit einem Fragezeichen versehen. Am Nachmittag fühlte sich Kulturchefin Maria Schottenius bestätigt. "Herta Müller war schon lange Kandidatin, aber diesmal war das Timing besonders gut, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer und nach dem Erscheinen der ,Atemschaukel´". Diesen Roman Müllers feierte Dagens Nyheter in einer Rezension: "Wenn wir bestimmen dürften, dann würden wir Herta Müller wählen."
Auch die österreichisch-schwedische Literatin Monika Nagler, die Müller seit 1985 kennt, lobt die Autorin als Erneuerin der Sprache mit einzigartiger Sprachmelodie und sieht sie als eine der wichtigsten Vertreter der "Zeugenliteratur". Dass das Nobelkomitee nicht gemeint habe, dieses Genre sei durch den Preis für Imre Kertesz 2002 abgehandelt, stößt in der schwedischen Kritik auf einhelliges Lob. Wie auch die Tatsache, dass eine deutschsprachige Frau mit Elfriede Jelinek erst 2004 ausgezeichnet wurde, die Chancen Müllers entgegen allen Unkenrufen nicht schmälerte.
"Hohe literarische Qualität, politisch unangreifbar, engagiert und nicht zuletzt europäisch" sieht die Stockholmer Kulturjournalistin Marie Louise Samuelsson als die vielleicht ausschlaggebenden Attribute für die diesjährige Entscheidung. Tatsächlich ging der Preis seit 1994 nur dreimal an nicht-europäische Autoren. "Die Jury muss aufpassen, dass die Sache nicht zu einer europäischen Regionalveranstaltung wird", mahnt Samuelsson. (mit dpa)
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