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05. Mai 2009

Schwetzinger Festspiele: Auf der Seite der Frau

 Von JOACHIM LANGE
Foto: Martina Pipprich

Neuenfels inszeniert die Uraufführung von Wolfgang Rihms Oper "Proserpina" bei den Schwetzinger Festspielen. Seine Bild- und Bewegungssprache zielt auf das Obsessive der menschlichen Natur.

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Wolfgang Rihm gehört zu den erfolgreichen, viel gespielten unter den lebenden Komponisten. Sein mittlerweile achtes, jetzt bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführtes Bühnenwerk ist eine Goethe-Vertonung für einen Sopran und einen unsichtbaren, nur hörbaren Parzenchor. Es geht um Proserpina (oder Persephone), die Tochter von Demeter und Jupiter, die in die Unterwelt entführt und nicht ganz freiwillig Plutos Frau wurde.

Sie beklagt ihr Schicksal und imaginiert sich ein anderes Leben. Durch ihren Biss in einen Granatapfel bleibt Proserpina auf ewig ins Totenreich gebannt. "Warum sind Früchte schön, wenn sie verdammen?" ist ihre verspätete Erkenntnis. Eine Königin zwar, doch auch eine Gefangene.

Rihm stellt sich mit seiner Vertonung des Goethetextes vehement auf die Seite dieser Frau. Nicht nur, indem er der brillanten Mojca Erdmann seine ariosen Bögen und dramatischen Koloraturen, inklusive eines augenzwinkernden Verweises auf die Königin der Nacht, gleichsam maßgeschneidert in ihre junge Kehle komponierte.

Auch, weil er sie als eine bedrängte Frau zeigt, die rebelliert, die sich nicht nur zurücksehnt, sondern die auch vehement, auf ihrem Recht an ihrem Körper und ihrer Selbstbestimmung besteht. Doch auch ihre Schwäche und die Verzweiflung, mit der sie sich am Ende mit ihrem Schicksal arrangiert, werden hörbar. "Nenn es nicht Liebe! Wirf mich mit diesen Armen in die zerstörende Qual!" sind denn auch ihre letzten Worte, zu denen die Musik verebbt.

Begleitet wird Proserpina von einem sinnlich ausgemalten Orchester-Parlando, das mitunter wie von einem Herzschlag grundiert wird oder sich, wie beim verhängnisvollen Biss in den Granatapfel, zur bloßen Begleitung eines orgiastischen Stöhnens zurücknehmen kann. Der Kontrast zu der auf bloßen atmosphärischen Wellenschlag zielenden, oft nur vokalisierenden Untermalung durch den unsichtbaren Parzenchor (den die Damen des SWR Vokalensembles Stuttgart aus dem Graben beisteuern), bleibt dagegen seltsam matt und diffus.

Er verstärkt aber immerhin die Wirkung der abwechslungsreich und emotional aufgeladen auf Proserpina konzentrierten und von Jonathan Stockhammer und dem nicht allzu groß besetzten Radio-Sinfonieorchester Stuttgart so präzise transparent und konzentriert belebten Musiksprache. Der einst an Stockhausen und Nono orientierte, vor allem aber auf seiner Subjektivität bestehende, sich heute weder um demonstrativ avantgardistischen Furor oder ausgestellte Originalität scherende Komponist, erinnert mit der aparten Schönheit, mit der er diese Musik grundiert hat, oft an Richard Strauss. Er lässt dieser Frau zwischen selbstbewusst und resigniert changieren.

Für ihren inneren Monolog stellt Regisseur Hans Neuenfels die Heldin in einen von Gisbert Jäkel klinisch kühl gestylten, ab-strakten Raum und personifiziert ihre Bedrängnis durch das szenische, erotisch offensiv choreographierte Eigenleben der drei Parzen. Dass nicht nur der Granatapfel zu einem erotisch konotierten Bild für die Innenschau Proserpinas wird, ist bei Neuenfels klar. Seine Bild- und Bewegungssprache zielt konsequent auf das Obsessive der menschlichen Natur.

Seine drei hinzugefügten, stummen Parzen-Darsteller deklinieren das im Spannungsfeld zwischen Liebesspiel und Kampf ausführlich durch. Umspielt diese parallele Bühnenhandlung anfangs eher Proserpinas Erinnerungswelt oder schafft ihr mit einer Büste ihrer Mutter Demeter oder ihres Vaters Jupiter gleichsam die Objekte ihrer Ansprache, verdichtet sich das im Laufe des siebzigminütigen Abends immer mehr in der körperlich bedrängenden Konzentration auf Proserpina selbst, auf ihre Verbannung in die Rolle der nicht mehr selbstbestimmten Frau.

In gut Neuenfelsscher Manier der Subtextbebilderung mutiert der Thron der Königin der Unterwelt denn auch monströs zu einem gynäkologischen Stuhl. Am Ende steht ein nur wütend akzeptierter Kompromiss der Unterwerfung mit Pluto. Bei dem immerhin Goethe, Rihm und Neuenfels die Partei der Frau ergriffen haben.

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