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Armut in der Moderne: Seltsame Bettgenossen

"Die Armen selbst tauchen zumeist nur als Sujet der Bildenden Kunst auf, von deren Gewinn sie dann nicht profitieren". Obwohl Ausstellungen zur Armut in der Kunst in letzter Zeit eine gewisse Konjunktur verzeichnen, bleibt das Thema erklärungsbedürftig.

Schwarzweiß-Bilder betonen die Ärmlichkeit: Hier die berühmte „Migrant Mother“ von Dorothea Lange (1936).
Schwarzweiß-Bilder betonen die Ärmlichkeit: Hier die berühmte „Migrant Mother“ von Dorothea Lange (1936).
Foto: Getty Images

Armut und Kunst scheinen strange bedfellows zu sein, seltsame Bettgenossen. Die Armen selbst tauchen zumeist nur als Sujet der Bildenden Kunst auf, von deren Gewinn sie dann nicht profitieren, wie der italienische Maler Salvator Rosa schon 1650 in seiner Satire „La Pittura“ bemerkte: Die „echten Bettler, nackt und elend“ bekämen „keinen Heller von denen, die für die Bilder von ihnen eine Menge Geld ausgeben“. Neben den Vorwürfen, das soziale Elend auszubeuten oder aus gesicherter Distanz voyeuristisch zu goutieren, laufen Armutsdarstellungen zudem Gefahr, als verlängerter Arm sozialarbeiterischer Interventionen wahrgenommen zu werden. Weder im Sinne der Kunst noch der Armen sind zudem patronisierende Gesten. Fallen lauern also allerorts, lässt man sich auf dieses Sujet ein.

Obwohl Ausstellungen zur Armut in der Kunst in letzter Zeit eine gewisse Konjunktur verzeichnen, bleibt das Thema erklärungsbedürftig. Im seinem gemeinsam mit der Galeristin Franziska Eißner herausgegebenen Sammelband „Armut in der Kunst der Moderne“ beschreibt der Kunsthistoriker Michael Scholz-Hänsel die erstaunten Reaktionen seiner Umwelt: Mit Armut habe Kunst doch nun wirklich nichts zu tun. Eine Wahrnehmung, die übrigens auch für die schöne Literatur gilt – und genauso wenig zutrifft.

Der Band zeigt, dass Armutsrepräsentationen in der Kunst zwar keinesfalls ein Schattendasein führen, sich bei diesem Sujet aber naturgemäß immer wieder Fragen nach dem Zusammenhang von Ethik, Ästhetik und Engagement stellen. Schon die künstlerischen Mittel schaffen spezifische Deutungen und Lesarten: So lichteten während der Great Depression die Fotografen der Farm Security Administration im staatlichen Auftrag die arme Landbevölkerung Amerikas sowohl schwarzweiß als auch in Farbe ab. Während die Schwarz-weiß-Bilder den ärmlichen Charakter der Behausungen betonen, zeigen die erst jüngst wieder entdeckten Farbfotografien eine Fülle an bunten Details, die sich eben auch im Leben der Armen finden.

Ein schönes Beispiel ist auch die berühmte „Migrant Mother“ (1936) von Dorothea Lange, die ebenfalls in diesem Kontext entstand: Die ehemalige Studiofotografin der Upperclass, die sich später sozial engagierte, brauchte für dieses Bild „laut ihrer Aussage keine zehn Minuten, um den Acker mit dem improvisierten Zelt der Familie wieder verlassen zu können. Sie hatte sechs Varianten der gleichen Szenerie im Gepäck, mit denen sie sich immer näher an die Frau herangetastet hat, allerdings nicht einmal ihren Namen in Erfahrung gebracht.“ Den Rest auf dem Weg zur mariengleichen Ikone der Armut besorgte Lange im Fotolabor. Das ging offenbar mit weniger Herzblut ab, als das Foto nahelegt.

Schonungslose Blicke auf die Armut müssen sowieso nicht immer mitleiderregend sein. Martin Parr beispielsweise zeigte 1986 in seiner Fotoserie „The Last Resort“ eine britische Unterschicht, deren Armut weniger materieller Natur ist, als dass sie heruntergekommen und verwahrlost erscheint: Das Meerwasser des ehemals beliebten Badeortes New Brighton ist verdreckt, der Ort zugemüllt, mittendrin vergnügen sich die Anwohner – so gut es eben geht. In französischen Calais sieht man sie enthemmt auf der Jagd nach preisgünstigem Bier und Tabak – Ellbogeneinsatz inklusive.

Armut ist immer auch das Bild, das die Gesellschaft sich von dieser Armut macht

Als Parr sich 1994 um die Aufnahme in die ebenso hochrenommierte wie hochmoralische Fotoagentur Magnum bewarb, forderte Philip Griffiths seine Kollegen in einem Rundschreiben auf, gegen den „faschistischen Fotografen“ zu stimmen. Hatten die Thatcher-Jahre das soziale Elend verschärft, schien hier ein Fotograf auch noch nachzutreten – Sozialfotografie als fröhliches Blaming the Victim, Bloßstellen der Opfer.

Armut ist immer auch das Bild, das die Gesellschaft sich davon macht bzw. das Bild, das die Künstler davon zeigen. Welche Bewertungen und Deutungen diesen eingeschrieben sind, zeigt der Vergleich von Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Zwar widmen sich beide mit dem Proletariat und Lumpenproletariat Anfang des 20. Jahrhunderts den gleichen sozialen Gruppen, doch deuten sie deren Armut auf sehr unterschiedliche Weise: Räumt Zille auch Humor, Witz und Widerstand einen Platz ein, macht Kollwitz das Elend häufig an Frauenfiguren fest, während Männer nicht selten als verantwortungslose Subjekte erscheinen, die die Not durch ihren Alkoholkonsum noch verschlimmern.

Diese geschlechtsbezogene Deutung der Not ist eine Variante der Idealisierung, wie sie sich heute auch in den Fotografien des Brasilianers Sebastião Salgado zeigt, der die Armen in ein sakrales Licht taucht und damit alte religiöse Traditionen der symbolischen Aufwertung von Armut fortsetzt. Zwar wird der Anspruch Salgados, die absolute Armut zu zeigen, durchaus als soziales Engagement gewürdigt, zugleich aber auch als Ästhetisierung des Elends kritisiert.

Das Kontrastprogramm dazu findet sich in den Fotografien des Ukrainers Boris Mikhailov, der auf Schock und eine Ästhetik des Hässlichen setzt: Seine Serie „Case History“ (1999), die Obdachlose seiner Heimatstadt Charkow zeigt, gehört zu den umstrittensten Fotoarbeiten der letzten Jahrzehnte. Mikhailov setzt häufig die Körper der Obdachlosen in Szene: Eine alte Frau lehnt mit entblößtem Unterleib an einem Baum, andere urinieren oder duschen – der nackte Körper wird zum Zeichen einer von allem sozialen Schutz entkleideten Existenz.

Wahrscheinlich noch umstrittener sind die Arbeiten des Spaniers Santiago Sierra: Seine Installation „Acht gegen Bezahlung in Kartons ausharrende Leute“ (1999) sagt qua Titel genau das, worum es geht: Für die Dauer der Ausstellung bezahlte er Wanderarbeiter dafür, in einer Ausstellung ungesehen unter Pappkartons auszuharren. Junge Kubaner ließen sich gegen einen sehr geringen Lohn eine Linie auf den Rücken tätowieren. Reiner Zynismus oder hohe Kunst? Einfacher erschließt sich hingegen ein aus Benzinkanistern gebautes Boot, für das der in Benin geborene Künstler Romuald Hazoumè den Arnold-Bode-Preis der documenta 2007 erhielt: Es erinnert gleichermaßen an die Sklaverei als auch an die gegenwärtigen Flüchtlingsboote, mit den die Armen Afrikas nach Europa zu entkommen versuchen.

In ihrem Essay zur Kriegsfotografie „Das Leiden anderer betrachten“ hat Susan Sontag eine Schattenseite beleuchtet, die sich auf das Sujet Armut übertragen lässt: Was motiviert eigentlich den Betrachter? Sind dessen Motive wirklich lauter, philanthropisch und rein? Oder gibt es neben dem Impuls des Wegschauens nicht auch das Faszinosum des Hinschauens? Ja, geradezu den Genuss, sich selbst auf der sicheren Seite zu wissen? Wie auch immer diese Frage beantwortet wird, sie zeigt in jedem Fall eines: Armut in der Kunst ist kein Sujet wie jedes andere. Es stellt eine spezifisch ästhetische Herausforderung dar: nicht nur für Künstler, sondern für alle.

Franziska Eißner/Michael Scholz-Hänsel (Hrsg.): Armut in der Kunst der Moderne. Jonas Verlag, Marburg 2011, 208 Seiten, 20 Euro.

Elke Brüns hat die Studie „Ökonomien der Armut. Soziale Verhältnisse in der Literatur“ herausgegeben. Sie schreibt das Blog „Gespenst-der-Armut.org“.

Autor:  Elke Brüns
Datum:  8 | 7 | 2011
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