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Shakespeare-Porträt: Viel Lärm um Nichts

Vor wenigen Tagen wurde - wieder einmal - "das einzige authentische und nach dem Leben gemalte Bild" William Shakespeares vorgestellt (Richard Brooks, "Is this the real Shakespeare at last?", Sunday Times, 8. März). Alec Cobbe, in dessen Familie sich dieses Bild angeblich seit 300 Jahren befindet, gab vor drei Jahren zu Protokoll, er sei bei dem Besuch der Ausstellung "Searching for Shakespeare" in der Londoner National Portrait Gallery im Jahre 2006 rein zufällig auf ein Shakespeare-Bild gestoßen (gemeint ist das berühmte Janssen-Porträt aus der Folger Library in Washington), das genau so aussehe wie eines der Bilder in seiner Familiensammlung.

Über dieses merkwürdige Erlebnis habe ich mich damals sehr gewundert. Denn Cobbe ist von Beruf Restaurator von Gemälden. Sollte ausgerechnet er in seiner Familiensammlung bisher ein Shakespeare-Porträt übersehen haben, das einem vielfach publizierten Konterfei des großen Dichters so sehr ähnelt? Heute behauptet er - mit massiver Unterstützung von Stanley Wells -, sein Shakespeare-Bildnis sei eine lebensgetreue Wiedergabe, das Janssen-Porträt hingegen sei lediglich eine von mehreren Kopien dieses Originals.

Als ich im Februar 2006 meine Echtheitsnachweise für vier Shakespeare-Bildnisse in Buchform veröffentlichte, habe ich die dort zusammengetragenen Echtheitskriterien unter anderem auch auf das eindrucksvolle, seit 1770 bekannte Janssen-Porträt angewandt. Schon zuvor hatte ich den BKA-Experten Altmann konsultiert, der mittels Trickbilddifferenzverfahren signifikante Übereinstimmungen sichtbar machte. Es zeigte sich, dass - nach Klärung einiger offener Fragen bezüglich seiner Geschichte, die noch nicht erfolgte - dieses Bild in den kleinen Kreis der echten Shakespeare-Porträts aufgenommen werden könnte.

Bei meinem jetzt durchgeführten Vergleich zwischen dem Janssen-Porträt (restauriert 1988) und dem Cobbe-Porträt stelle ich fest, dass sich die Bilder, was den Gesamteindruck, vor allem aber, was die morphologischen und pathologischen Details betrifft, sehr stark voneinander unterscheiden. Daher konsultierte ich erneut den Dermatologen Jost Metz, einen Spezialisten auf dem Gebiet der Diagnostizierung von Krankheitsmerkmalen auf Porträts der Renaissance. Metz hatte sich bereits 1996 gutachterlich zu dem krankhaften Symptom auf der Stirn von Flower-Porträt und Totenmaske geäußert. In seiner vergleichenden Bildbetrachtung vom 12. März stellte der Dermatologe so viele gravierende Abweichungen fest, dass er bezweifelte "dass es sich bei den Portraits um ein und dieselbe Person handelt". Hier seien nur einige wenige Beispiele herausgegriffen. Auf dem Janssen-Porträt sei "die Nase deutlich länger als auf dem Cobbe-Gemälde, auch die Abstände von Kinnspitze zu Nasenspitze sowie diejenigen von Nasenspitze zu Nasenwurzel stimmten nicht überein. Der linke Nasenflügel auf ersterem erscheine "deutlich geschwungener" als auf letzerem. Auch die Lippen seien unterschiedlich.

Von ganz besonderer Bedeutung sind die Krankheitsmerkmale

Die Unterlippe des Janssen-Porträts entspreche eher den "gut gefüllten" bzw. "prallen" (Unter-)Lippen, die "charakteristisch für die Davenant-Büste und die Portraits von Chandos und Flower" seien. Mit Bezug auf das linke Ohrläppchen stellt Metz fest, dass dasjenige auf dem Cobbe-Porträt deformiert erscheine und nicht übereinstimme mit dem des Janssen-Porträts. Im Unterschied zu dem auf dem Janssen-Bildnis kreissegmentartig verlaufenden "Orbitarand" (mit Augenbrauen) zeige dieser Bereich des Cobbe-Bildes einen "mehr horizontalen Verlauf". Während der rechte Augapfel des Janssen-Gemäldes höher sei als der linke, seien auf dem Cobbe-Bildnis "beide Augäpfel in gleicher Höhe abgebildet". Erhebliche Unterschiede träten auch bei der Kleidung hervor. Das "Muster der aufwendig gestalteten Halskrausen" sei "völlig unterschiedlich" und erscheine auf dem Cobbe-Porträt "noch kunstvoller ausgearbeitet".

Von ganz besonderer Bedeutung sind die Abweichungen, die bei der Wiedergabe bzw. dem Nichtvorhandensein von Krankheitsmerkmalen in Erscheinung treten. Metz stellt fest: Der "randbetonte, anuläre Herd" in der "linken Stirnregion" des Janssen-Porträts - "in gleicher Lokalisation" wie auf dem Flower-Porträt und der Totenmaske - fehle auf dem Cobbe-Porträt. Hinsichtlich der krankhaften Schwellung des linken Oberlids, die auf dem Chandos- und dem Flower-Porträt, aber auch auf dem Droeshout-Stich "so deutlich herausgearbeitet" seien, sagt er aus, diese "krankhafte Veränderung" finde sich "auch in dem Janssen-Portrait am linken, äußeren Oberlid wieder". Sie sei auf dem Cobbe-Porträt nur "andeutungsweise" zu sehen.

Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass der Maler des Janssen-Bildes die krankhaften Besonderheiten des Shakespeareschen Gesichts - wie auch die genauen morphologischen Merkmale - sehr gut gekannt haben muss, derjenige des Cobbeschen Porträts indessen nicht - oder nur sehr bedingt. Während der Schöpfer des bereits 1770 aufgefundenen Janssen-Porträts seine Kenntnisse wohl nur vom lebenden Modell bezogen haben kann, scheint der Urheber des erstmals 2006 bekannt gewordenen Cobbe-Porträts sein stark eingeschränktes Wissen aus zweiter Hand erworben zu haben - vermutlich aus der Berichterstattung über meine Forschungsergebnisse in den englischen Medien. Diese Ergebnisse machten erstmals auf die signifikanten Krankheitsmerkmale Shakespeares aufmerksam. Damit dürfte feststehen, dass das Cobbe-Bildnis kein authentisches, nach dem Leben gemaltes Porträt William Shakespeares ist.

Dieser Schluss wird nicht nur untermauert durch das jugendliche Aussehen des Porträtierten, den Metz auf Mitte 30 schätzt und keinesfalls auf 46, sondern vor allem durch die gutachterliche Stellungnahme des Inschriftenexperten der Mainzer Akademie der Wissenschaften, Eberhard J. Nikitsch, vom 11. März. Bei der Inschrift dieses Bildes - "Principum amicitias!" (" Freundschaft der Fürsten!" - Horaz, Ode 2.1.4) - handele es sich um "keine epigraphisch, sondern um eine wohl mit dem Pinsel schreibschriftlich ausgeführte Inschrift", die "in der vorliegenden Form zu Beginn des 17. Jahrhunderts" nicht zu erwarten sei. Denn sie lasse die "zeitgenössisch üblichen Schriften auf Porträts", nämlich "Kapitalis, Fraktur und (leicht geneigte) humanistische Minuskel" vermissen, steche als "eher unbeholfen, wie von Schülerhand" ausgeführt ins Auge und müsse später hinzugefügt worden sein. Zum Vergleich herangezogene Beispiele aus England, etwa das Porträt von Thomas de Hoghton (Hoghton Tower, Lancashire, nach 1564), von Robert Cecil, des Ersten Ministers von Elisabeth I. (Hatfield House, um 1600) und des dritten Grafen von Southampton (Tower-Bildnis, Duke of Buccleuch Collection, nach 1603), wiesen dagegen die zeittypischen "Kapitalis-Schriften" auf.

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Autor:  HILDEGARD HAMMERSCHMIDT-HUMMEL
Datum:  13 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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