Schon die Zeitgenossen des heute als Ikone der Weltliteratur gefeierten englischen Dichters William Shakespeare haben das Genie des Schöpfers der unsterblichen Dramen erkannt. Insbesondere "Hamlet", ein Stück, das nach über 400 Jahren noch immer zu den faszinierendsten, meistgelesenen, meistgespielten, meistdiskutierten und mit Sicherheit auch zu den meisterforschten Dramen überhaupt gehört, hat damals - gerade auch wegen seiner politischen Brisanz - die Gemüter der Menschen tief bewegt. Die akademische englische Jugend der Shakespeare-Zeit aber hatte ein Faible für "Romeo und Julia" und verschlang Shakespeares schlüpfriges Versepos "Venus and Adonis". Einer literarischen Quelle zufolge, legte man sich ein Exemplar des Textes unters Kopfkissen, das Bildnis des Autors aber hängte man sich übers Bett.
Trotz seiner ruhmreichen Karriere zog sich der Dichter bereits im Alter von 49 Jahren in sein Stratforder Refugium zurück. Er starb drei Jahre später - vermutlich an den Folgen einer systemischen Hautsarkoidose, einer inneren Erkrankung, die alle Organe befallen kann. Die äußeren Symptome dieser Krankheit sind auf den insgesamt vier Bildnissen Shakespeares sichtbar, deren Authentizität die Autorin in enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Wissenschaftlern anderer Disziplinen, darunter Experten des Bundeskriminalamts und mehrere Mediziner, nachweisen konnte.
Die Autorin: Die Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel (Jg. 1944) lehrt an der Universität Mainz. 2006 erschien von ihr: "Die authentischen Gesichtszüge William Shakespeares. Die Totenmaske des Dichters und Bildnisse aus drei Lebensabschnitten" (Olms).
Die bekannten Porträts: Es handelt sich um das ca. 1594-99 entstandene Chandos-Porträt, das 1609 gemalte, 1999 verschwundene Flower-Porträt, die ca. 1613 geschaffene Davenant-Büste aus Terrakotta und die 1616, ein bis zwei Tage nach Shakespeares Tod, abgenommene Darmstädter Totenmaske.
Alle Testverfahren zur Feststellung der Identität und die zahlreichen medizinischen und anderen Begutachtungen erbrachten immer das gleiche, keineswegs erwartete sensationelle Ergebnis: alle untersuchten Bildnisse zeigen denselben Mann, William Shakespeare, und zwar lebensgetreu. Die fachmedizinisch diagnostizierten Krankheitssymptome - sie befinden sich in jeweils gleicher Lokalisation, sind aber in unterschiedlichen Entwicklungsstadien wiedergegeben - haben gezeigt, dass die Künstler sie am lebenden Modell beobachtet bzw. sie vom Gesicht des toten Shakespeare abgeformt haben müssen.
Sie sind somit signifikante Merkmale für die Lebensechtheit bzw. Naturtreue des Chandos- und Flower-Porträts, der Davenant-Büste und der Totenmaske. Die eingehend erforschten und öffentlich dokumentierten morphologischen und pathologischen Merkmale des Shakespeareschen Gesichts bilden nun eine Art Kriterienkatalog, der angewendet werden kann, wenn ein bekanntes oder neu aufgefundenes Porträt den Anspruch erhebt, William Shakespeare darzustellen.
Shakespeares Familie ließ dem Verstorbenen ein kostbares Dichter- und Gelehrten-Grabdenkmal im jakobäischen Renaissancestil errichten, auf das er als berühmter Autor Anspruch hatte. Man stattete es mit einer lebensgetreuen farbigen Kalkstein-Büste und mit rühmenden Inschriften aus. Die Schauspielkollegen und Freunde Shakespeares publizierten 1623 die erste Werkausgabe seiner Dramen, in der erstmals auch die politisch explosiven Stücke gedruckt wurden. Diesem vielleicht wertvollsten Buch der Welt wurde ein Porträtstich des Dramatikers vorangestellt, mit dem die Werk-Autor-Identität bekundet wurde und die zugleich das geistige Eigentum Shakespeares schützte. Zahlreiche Huldigungsverse wurden ebenfalls mit veröffentlicht.
Diese frühe Hommage an den Dichter aber wurde durch den englischen Bürgerkrieg zunichte gemacht, den die bilderfeindlichen Puritaner für sich entscheiden konnten. Sie wüteten auch in Stratford-upon-Avon, wo sie allem Anschein nach Shakespeares Grabbüste schwer beschädigten.
Spätestens seit dem wiedererwachten und geradezu überbordenden Personenkult um den Barden im England der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts strebten Shakespeare-Verehrer danach, in den Besitz eines Konterfeis des berühmten Autors zu gelangen. Die immense Nachfrage wurde seither großzügig bedient - mit einer Flut von Shakespeare-Bildnissen. Nur vier - wie nun feststeht - geben den Dichter authentisch und lebensgetreu wieder. Bei einigen weiteren dürften sich Echtheitsprüfungen lohnen. Bei den meisten aber handelt es sich um Kopien bzw. Wiederholungen (etwa von Grabbüste, Porträtstich und Chandos-Porträt), um Phantasie-Bilder, auch um Fälschungen.
Hat ausgerechnet ein Restaurator ein Shakespeare-Porträt so lange übersehen?
Als der Welt im Jahre 2001 verkündet wurde, in Kanada sei "das einzige, nach dem Leben gemalte Bild Shakespeares" aufgefunden worden, das so genannte Sanders-Porträt, konnte der damals von mir erneut konsultierte BKA-Experte Reinhardt Altmann allerdings recht rasch durch Anwendung des bewährten Trickbilddifferenzverfahrens klarstellen, dass die Gesichtsmerkmale des Sanders-Porträts sich deutlich von denen des Droeshout-Stichs von 1623, des Chandos- und des Flower-Porträts unterscheiden. Auch wies das Sanders-Porträt kein einziges der markanten Krankheitsmerkmale Shakespeares auf. Eine entsprechende Pressemitteilung der Universität Mainz konnte jedoch das Erscheinen des Buches "Shakespeare's Face" (2002) nicht verhindern, in dem die Herausgeberin und Mitautorin, die kanadische Journalistin Stephanie Nolen, mit viel Verve und noch mehr Phantasie eine erfundene Geschichte des Porträts präsentierte. Zu den Beiträgern des Buchs gehörten unter anderen Stanley Wells, Professor und Chairman des Shakespeare Birthplace Trust, und die Kuratorin der Londoner National Portrait Gallery, Tarnya Cooper, die sich aber nicht zu der entscheidenden Frage der Identität des Porträtierten äußerten.
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